Neustadt „Nur Wassersuppe mit Karotten“

„Der Wind war so stark, dass die abgemagerten Kinder im Lager einfach weggeflogen sind.“ Dieser Satz der Kaiserslauterer Zeitzeugin Margot Wicki-Schwarzschild (83) ist Myriam Klein besonders in Erinnerung geblieben. Die 18-jährige Schülerin vom Käthe-Kollwitz-Gymnasium hat mit Mitschülerin Melina Neß (18) an der Jugendgedenkfahrt des Bezirksverbands Pfalz nach Südfrankreich teilgenommen.
Auch 75 Jahre danach habe der Wind unerbittlich über die Gedenkstätte beim ehemaligen Internierungslager Gurs im Südwesten Frankreichs geblasen, erzählen die Neustadter Schülerinnen. Dorthin, wo heute nur noch einzelne wiederaufgebaute Baracken an das Grauen erinnern, hatten die Nationalsozialisten am 22. Oktober 1940 über 6500 jüdische Menschen aus der Pfalz, dem Saarland und Baden deportiert. Und dorthin waren die beiden jungen Frauen gefahren, um das Vergangene nicht zu vergessen – zusammen mit 36 Schülern aus der Pfalz und Baden. Begleitet wurden sie von drei Zeitzeugen, darunter Margot Wicki-Schwarzschild, die als Kind mit ihrer Familie aus ihrer pfälzischen Heimat nach Gurs verschleppt worden war. „Mich hat die Fahrt einfach interessiert, weil sie das Thema der Judenverfolgung regional aufgreift, in der Schule lernt man über den Holocaust immer nur überregional“, begründet Klein ihren Entschluss an der einwöchigen Jugendgedenkfahrt des Bezirksverbands teilzunehmen. „Auf den Gedenksteinen auf dem Deportationsfriedhof von Gurs waren Orte wie Königsbach, Wachenheim, Kaiserslautern oder Deidesheim zu lesen“, erzählt Klein weiter. Dieser unmittelbare Bezug zur Heimat hatte die Schülerin, die selbst aus Deidesheim stammt, umso mehr betroffen gemacht. Dass die zwei 13.-Klässlerinnen vom Käthe-Kollwitz-Gymnasium an der für sie kostenlosen Gedenkfahrt teilnehmen durften, hatten sie auch ihrem sozialen Engagement zu verdanken: Beide engagieren sich neben ihrem ohnehin stressigen Schulalltag in der Courage-AG ihrer Schule, treffen sich jeden Montag in der Mittagspause, um über Mobbing und Diskriminierung aufzuklären. „Über die AG erfuhren wir auch von der Gedenkfahrt“, so Neß. Die Bewerbung war dann nur noch eine Formalie. Die erste Station ihrer Reise in die Vergangenheit führte sie zur Maison d’Izieu, einem ehemaligen Waisenhaus für jüdische Kinder im Westen von Lyon, heute ein Museum. Dieses Kinderheim erlangte traurige Bekanntheit: Während einer Razzia 1944 waren alle 44 Kinder der Anstalt nach Auschwitz deportiert und dort ermordet worden. „Das Haus liegt eigentlich voll idyllisch im Grünen“, berichtet Klein von ihren ersten Eindrücken. Umso schlimmer seien die Briefe und Fotos der Kinder gewesen, mit denen die Besucher aus der Pfalz konfrontiert wurden. „Darunter war der Brief eines kleinen Mädchens, das an Gott geschrieben hat. Das war sehr emotional.“ Mit dem Bus ging es anschließend weiter in den Süden, zu den beiden ehemaligen Internierungslagern Gurs und Rivesaltes am Fuße der Pyrenäen. Dort ließen die drei Zeitzeugen die Geschehnisse von 1940 wiederauferstehen. Sie erzählten den Jugendlichen von desaströsen hygienischen Bedingungen und der schlechten Versorgung: „Für die Insassen gab es Wassersuppe mit ein paar Karottenstücken drin“, sagt Klein entsetzt, „da kann man ja nicht gesund bleiben!“ 1000 bis 2000 Menschen seien alleine in Gurs an Unterernährung und Krankheiten gestorben. Viele weitere starben in den Vernichtungslagern im Osten, wohin die Hälfte der Insassen 1942 deportiert worden war. Auch die erhaltenen Ruinen vor Ort sorgten für Gänsehaut unter den Teilnehmern: „Die Baracken waren furchtbar eng“, erzählt Neß, die eine der rekonstruierten Schlafbaracken besichtigt hatte. Zwangsarbeiten hätten die Pfälzer Juden aber nicht verrichten müssen. „Das waren keine Arbeitslager, sondern Abschiebungsorte“, erklärt Neß. Man habe die Juden einfach loswerden wollen. Für die beiden Schülerinnen hat sich die Fahrt auf jedem Fall gelohnt. „Es ist wichtig, dass wir nicht vergessen“, meint Klein. Über ihre Erlebnisse wollen sie nun in ihrer Schülerzeitung berichten. Und ganz nebenbei haben sie einiges für die bevorstehenden Abiturprüfungen gelernt. Die stehen im Januar an. Beide lassen sich natürlich in Geschichte prüfen.