Neustadt Nichts ist so, wie es scheint

Herr Blümele vom Sozialamt (Mathias Heckmann, linkt) ahnt nicht, dass sich Erich Baumann (René Weintz) als dessen ehemaliger Unt
Herr Blümele vom Sozialamt (Mathias Heckmann, linkt) ahnt nicht, dass sich Erich Baumann (René Weintz) als dessen ehemaliger Untermieter Harald Hacker ausgibt.

«Deidesheim.» Neun Charaktere umfasst die Verwechslungskomödie von Michael Cooney, doch in Wirklichkeit sind es einige mehr. Der Grund: Weil der arbeitslose Erich Baumann (René Weintz) sich nicht traut, seiner Frau (Eva Berlejung) reinen Wein über seine Jobsituation einzuschenken, hat er kurzerhand ein paar Untermieter erfunden, für die er vom Sozialamt so einiges an Geld kassiert. Sein Komplize: die laut Baumanns Untermieter Norbert Kipp (Tim Poschmann) „klä, goldisch’ Knoddel“ Onkel Otto (Christian Baumann). Als Angestellter des Dürkheimer Krankenhauses sitzt er praktischerweise an der Quelle für gefälschte Atteste und Rezepte. Als eines schönen Morgens Herr Blümele (Matthias Heckmann) von der Abteilung Außenprüfung des Sozialamts vor der Tür steht, nimmt das Drama seinen Lauf. Erich Baumann verstrickt sich immer tiefer in sein Lügengebilde, und sein Untermieter Norbert Kipp wird unfreiwillig zu seinem Verbündeten. Allerdings muss er seinen eigenen tauben Sohn mimen, da sein Vermieter auch seinen Namen für den Sozialbetrug benutzt hat. Blöderweise hatte Baumann ihn morgens telefonisch als verstorben gemeldet, da er beschlossen hatte, seinen kriminellen Machenschaften ein Ende zu bereiten, indem er wie ein Krimiautor seine Figuren sterben lassen wollte. „Mit irgendeinem musste ich ja anfangen“, rechtfertigt er sich vor seinem Untermieter, der nicht der einzige bleibt, der seine Identität bewusst oder unbewusst wechseln muss. Das Publikum kann sich daher über herrlich absurde Dialoge freuen. Je mehr Personen auftauchen, umso umfangreicher und verwirrender wird das Lügengeflecht. Für Baumann ist es „ein Albtraum, aus dem ich nicht mehr rauskomme“. Sein Albtraum ist für die Zuschauer ein Freudenfest an Situationskomik und eine kleine Herausforderung, denn in all dem Personen-Wirrwarr gilt es den Überblick zu behalten. Baumann Darsteller René Weintz liefert nicht nur einen glaubwürdigen und äußerst sympathischen Sozialbetrüger ab, sondern hat in seiner ersten Regiearbeit fürs Boulevardtheater Deidesheim großen Wert auf Timing gelegt. Daher sitzen die Pointen perfekt, das Gagfeuerwerk wird stets an den richtigen Stellen gezündet, und das Ensemble agiert harmonisch, steckt mit seiner Spielfreude mühelos das Publikum an. Theaterleiter Boris Stijelja überzeugt als Bestattungsunternehmer Gräber, der seinen Hang fürs Morbide mittels seiner schwarzen Gruftikleidung zum Ausdruck bringt. Vicky Merkel versucht, als esoterisch angehauchte Frau Schüssler von der Familienfürsorge die negativen Stimmungen mittels Klangschalen und Räucherstäbchen zu vertreiben. Stefan Beyer glänzt als Partnerschaftsberater, der beim Anblick von Perücken und Unterwäsche nicht nur einen therapeutischen Erguss bekommt. Eva Berlejung denkt, dass sich hinter den Perücken und der Stützunterwäsche ein heimlicher Fetisch ihres Mannes verbirgt und gerät daher leicht in Panik, was amüsant zu beobachten ist. Christian Baumann hat es als Onkel Otto nicht leicht: Nachdem er mehrmals eine Tür an den Kopf geknallt bekommt, verbringt er die meiste Zeit schlafend auf dem Sofa und landet später sogar in der (Holz-)Kiste. Kein leichtes Leben hat Matthias Heckmann, der als schwäbelnder und einfältiger Herr Blümele vom Sozialamt mit Alkohol abgefüllt und auf dem Dach fast vom Blitz erschlagen wird – Heckmann darf in dieser Rolle mehr als einmal so richtig glänzen. Dies gilt auch für Tim Poschmann, der als kranker Norbert Kipp, eingehüllt in eine Kuscheldecke und ausgerüstet mit einem Jahresvorrat an Taschentüchern, mit seiner Mimik und Gestik mal wieder alle Register zieht. Für eine faustdicke Überraschung sorgt letztendlich Jutta Barie-Scholl, die als Blümeles Chefin vom Sozialamt so ganz anders handelt, als zunächst vermutet. Genau das macht den Charme dieser Verwechslungskomödie aus: Hier ist nichts so, wie es scheint, was den Verlauf der Story und das Personengeflecht mehr als sexy macht. Zurecht gab es vom Premierenpublikum tobenden Applaus. Termine Weitere Vorstellungen von „Pleite aber sexy“ sind am 16. Mai, 7. und 29. Juni sowie 14. September. Karten gibt es bei Brillen Bott in Deidesheim, auf www.boulevard-deidesheim.de sowie unter der Telefonhotline 0172/4008201.

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