Über den Kirchturm hinaus Neustadt: Wir sollten zufrieden sein

Bernhard Braun.
Bernhard Braun.

Ich habe Besuch von einem Bekannten aus Venezuela. Eigentlich hätte ich ja in das Land reisen sollen. Das wäre seit früher Kindheit mein Traum gewesen, seit eine Freundin meiner Mutter, die in Caracas lebte, uns immer von der Schönheit dieses Landes berichtet hatte. Nun jedenfalls wurde mir von vielen Seiten abgeraten.

In den Nachrichten und der Zeitung las ich ja von den schlechten Versorgungsbedingungen. In den Internetforen gingen wahre Schauermärchen von Korruption und Verbrechertum herum. Aber irgendwie verstehe ich die Menschen, die versuchen, ihre Familien zu ernähren und dafür die Touristen übers Ohr hauen. Aber das wollte ich mir nun wirklich nicht antun und habe lieber zu mir nach Deidesheim eingeladen.

Wir nehmen viele Dinge zu selbstverständlich

Nun, jedenfalls habe ich einen persönlichen Einblick bekommen in die Lebensumstände eines durch Korruption, Vetternwirtschaft, Misswirtschaft und Egoismus verseuchten Landes. Jedes Mal, wenn ich eine neue Geschichte höre, denke ich mir: Wir wissen gar nicht, wie gut wir es haben. Wir wissen gar nicht zu schätzen, dass wir eine funktionierende Verwaltung haben, eine unabhängige Justiz, eine uneitle Bundeskanzlerin, gefüllte Warenregale, intakte medizinische Versorgung und in Ordnung gehaltene Straßen. Und auch wenn die Bahn immer wieder mal Verspätung hat, so haben wir doch Vertrauen in sie. Wir schätzen auch unsere Polizei und wissen um ihren wertvollen Dienst.

Wir nehmen viele Dinge, angefangen mit gutem Trinkwasser, viel zu selbstverständlich. So ist es manchmal wichtig, von außen eine Wahrnehmung zu bekommen, dass einem bewusst wird, wie gut wir es haben. Ein Volk, das sich wochenlang aufregen kann wegen der Bonpflicht, dem geht es gut. Ein Blick in andere Länder hilft da, ab und zu wieder auf den Boden zu kommen und zu wissen: Anderswo haben die Menschen echte Probleme. Sie wissen nicht, wie sie ihre Familie ernähren können, geschweige denn, sich auch mal was Angenehmes zu leisten. Sie haben keinen Zugang zu Medikamenten, und vor allem haben sie überhaupt keine Perspektive für ihr Leben. Bei allem, was auch bei uns zu verbessern ist: Wir sollten zufrieden sein!

Der Autor

Bernhard Braun ist katholischer Pfarrer in Deidesheim.

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