Neustadt
Neustadt: Meistersinger aus fünf Nationen machen wieder im Herrenhof Station
Aus Deutschland, Japan, Südkorea, Russland und Mazedonien kommen die Teilnehmer des 35. Neustadter Meistersingerkurses, die seit Montag im Herrenhof an Gesangstechnik und Ausdruck feilen und auf das große Wettbewerbskonzert am 6. September im Saalbau vorbereiten. Die Jüngste ist gerade mal 17. Die Leitung des intensiven Workshops hat zum 20. Mal die Mainzer Professorin Claudia Eder.
Neustadt-Mussbach. „Man muss schon besonders gut sein, um hier mitmachen zu können, das hat sich seit Jahren herumgesprochen“, betont Leiterin Claudia Eder. So verfügen alle Teilnehmer über gut ausgebildete Stimmen, egal, ob sie sich nun auf dem Weg zum Bachelor- oder Masterabschluss befinden. „Einige sind zum wiederholten Mal dabei, andere Neulinge“, so Hans-Georg Hoffmann, der das Amt des Vorsitzender des Fördervereins jüngst von seinem Vater Hansjürgen übernommen hat. „Diese Kurse sind eine tolle Plattform für unsere musikalische Jugendarbeit. Professor Eder als Leiterin steht für herausragende Qualität“, freut er sich.
Täglich um 10 und um 16 Uhr gibt es ein „Warming up“ im Plenum, darauf folgt der Einzelunterricht. Das Gesangstraining ist auf die konkreten Liedvorträgen zugeschnitten. Am Klavier begleitet in der ersten Woche Hedayet Djerdikar, in der zweiten übernimmt Christian Rohrbach. Mehrere Räume im Herrenhof stehen zur Verfügung, so auch für die individuelle Korrepetition mit der Pianistin Seung-Jo Cha. Während der Arien in den Gesangsstunden lauschen alle anderen sehr konzentriert. Immer wieder unterbricht Eder, korrigiert Atemtechnik, Vokalausgleich oder Tonansatz. Gestenreich wird der jeweilige Vortrag ausgedeutet, der Gesang quasi mit den Händen in den Raum getragen. „Jetzt nicht flach werden, Stütze halten“, rät die Professorin zur Körperspannung. „Ach ja, so ist das viel einfacher zu singen, da brauche ich weniger Luft“, erkennt die Elevin.
Tenor Erik Reinhard freut sich über die familiäre Atmosphäre
Alle anderen Vokalisten hören aus den Sitzreihen zu. „Man lernt sehr viel, wenn man sich gegenseitig zuschaut und die Hinweise verinnerlicht“, meint Larissa Botos. Die 24-jährige Schwarzwälderin, die in Mainz bei Eder studiert, ist zum dritten Mal dabei. Sie schätzt die intensive Arbeit und die Disziplin, die Eder von allen erwartet. Ihre berufliche Motivation: „Ich möchte unbedingt auf die Opernbühne!“ Neben Mozart und Offenbach hat die Mezzosopranistin derzeit Rossini im Repertoire, die Rosina-Arie aus dem „Barbier von Sevilla“ will sie beim Meisterkonzert im Saalbau vortragen. „Wenn man an das Abschlusskonzert mit Wettbewerb denkt, sind wir untereinander schon Konkurrenten. Aber man fühlt sich immer schnell zu Hause, es entwickelt sich jedes Mal rasch eine gute Gemeinschaft“, sagt sie, was die Gruppe bestätigt.
Tenor Erik Reinhard nimmt ebenfalls schon das dritte Mal am Kurs teil. In Mainz hat er bei Eder Gesangsunterricht, studiert im Bachelor weiterhin Kirchenmusik. Begeistert ist er von der Unterbringung bei Privatfamilien: „Sie zeigen viel Engagement und Freundlichkeit“, so der 23-Jährige. An den Wochenenden könne man seine Freizeit alleine oder mit den Familien genießen, auch verabredeten sich die Teilnehmer untereinander. „Besonders super finde ich es, dass der Kurs zwei ganze Wochen dauert, das wird nicht bei allen Workshops geboten“, freut sich Reinhard. Dieser Meinung schließt sich der 23-jährige Leon Tchakachow (Bariton) aus Germersheim an, der einziger Pfälzer Teilnehmer. Für den Mainzer Studenten ist es der zweite Meistersingerkurs. „Schon der erste Kurs hat mir sehr viel für meine eigene Gesangstechnik und Weiterentwicklung gebracht“, erklärt er. Die männlichen Stimmregister ergänzt Bass Seungwon Choi (33) aus Südkorea, wo er auch die Musikhochschule abgeschlossen hat. Seine Landsfrau Kyeyong Kim (28) zählt wie die Japanerin Yuuki Tamai (27), die in Mainz studiert, zu den Sopranistinnen.
Interessante Verbindungen entstanden durch Eders Kurse in weiter entfernten Ländern
Johanna Reithmeier (23) belegt im siebten Semester Gesang an der Musikhochschule Leipzig. Die Sopranistin, gebürtig in Esslingen, fand den Weg nach Neustadt durch ihre Mitwirkung bei Eders Mainzer Vokal-Projekt. „Der tägliche Unterricht bei ihr ist sehr intensiv, davon profitieren wir alle“, so die Mezzosopranistin Maike Menningen (23), die vor einem Monat ihr Bachelor-Abschlusskonzert in Mainz absolviert hat. Kontakt zu Professorin Eder knüpfte sie durch eine Operngruppe. Interessante Verbindungen entstanden durch Eders Kurse in weiter entfernten Ländern. Helena Anat Susha aus Nordmazedonien, mit 17 Jahren die jüngste Teilnehmerin, lernte Eder bei Projekten in Israel und Belgrad kennen. „Meine Stimme muss sich noch entwickeln, aber irgendwann werde ich auch Arien von Donizetti oder Verdi singen können“, so die Sopranistin, die in Skopje noch das Gymnasium besucht.
Shai Terry war als Soldatin Sängerin in einem Militärorchester
Beim Meisterkurs in Jerusalem traf auch Shai Terry (27) auf die Mainzer Professorin. Ihren Bachelor absolvierte sie in Tel Aviv, jetzt befindet sich die Mezzosopranistin im dritten Master-Semester. Neben klassischer Literatur singt sie gerne Popsongs und israelische Lieder. „Ich war auch Soldatin in Israel als Sängerin eines Militärorchester“, berichtet sie. Von Moskau nach Mainz wechselt Sopranistin Dina Levit (27). Ihren Bachelor-Abschluss machte die Sopranistin jüngst in Russland, zu ihren Lieblingskomponisten rechnet sie unter anderem Schumann, Tschaikowski und Rimski-Korsakow. Fast scheint es, als führten alle Wege nach Mainz mit Zwischenstation in Neustadt – zumindest auch der von Ayano Yoshinari aus Tokio. Die 29-Jährige, die im März ihr Masterstudium beendete, hat ein Faible für italienischen Belcanto. Den letzten Feinschliff sucht sie in Deutschland. „Die Dozenten lassen nicht einfach nur nach Gefühl singen, hier wird auch die Gesangstechnik intensiv erklärt, damit kommt man persönlich weiter“, lautet ihr Fazit.
Termin
Das Wettbewerbskonzert „35 Jahre Neustadter Meistersingerkurse“ findet am Freitag, 6. September, um 19 Uhr im Saalbau in Neustadt statt. Karten (18/15 Euro) bei Tabak Weiss, der RHEINPFALZ, der Kulturabteilung der Stadt sowie im Media-Markt und im Globus in Neustadt, unter 01806-700733 oder www.reservix.de.