Neustadt
Neustadt: Kripochef ohne Angsträume
RHEINPFALZ-Sommerinterview: Ein lockeres Gespräch in entspannter Atmosphäre. Dazu haben wir uns wieder Interviewpartner für die Ferienzeit gesucht. Wie Andreas Heintz, den Leiter der Kriminalinspektion Neustadt.
Herr Heintz, wir sitzen hier in einem Café, nur einen Katzensprung entfernt von der Polizeidirektion. Damit Sie im Notfall schnell vor Ort sein können?
Nein, heute nicht, im Moment ist alles einigermaßen entspannt. Mein Vertreter ist im Dienst, also kann ich beruhigt hier sitzen. Gestern war’s anders. Ich mache normalerweise keine Mittagspause, gestern habe ich die erste gemacht, seit ich hier bin. Nach einer halben Stunde hat das Telefon geklingelt, und die Pause war vorbei.
In TV-Krimis werden Kripobeamte ja ständig privat angerufen. Wie ist das im echten Leben?
Es ist nicht ganz so wie im Krimi – aber tatsächlich ähnlich. Man wird häufig privat informiert, weil Bereitschaftsdienste kaum noch angeordnet werden. Das ist ein Problem der Überstunden, der Mehrarbeit. Es ist aber entspannt und nicht so, dass man, wenn man angerufen wird, sofort ins Auto springen muss, um irgendwo hinzufahren. Es geht dann nur darum, gewisse Dinge abzusprechen. Die meisten Kollegen nehmen das sehr locker, und es hält sich auch in Grenzen, man wird nicht ständig angerufen.
Bleiben wir kurz bei TV-Krimis: Schauen Sie so etwas, und haben Sie vielleicht sogar Lieblingskommissare?
Meine Frau, die auch bei der Polizei arbeitet, aber in Ludwigshafen, liebt den „Tatort“. Den muss sie aber meistens alleine schauen. Was ich mag, ist „Inspector Barnaby“. Das guck’ ich mir regelmäßig an, zum Teil auch die alten Folgen. Hat wenig mit der Realität zu tun, aber ich schau’s trotzdem ganz gern.
Und warum muss Ihre Frau den „Tatort“ alleine schauen?
Zum Teil ist das relativ nah dran an der Realität, manche Dinge sind sehr gut recherchiert. Aber die Story ist nicht meins.
Wird man als Polizist bei Krimis zu sehr an die eigene Arbeit erinnert?
Das erinnert einen schon, es gibt vieles, was man selbst schon erlebt hat, man vergleicht dann ein bisschen. Aber das finde ich nicht schlimm.
Warum sind Sie eigentlich Polizist geworden? Wollten Sie das schon als Kind?
Ja, genau, das war immer mein Berufswunsch. Ich weiß nicht warum, aber ich habe es auch noch nie bereut. Ich bin’s gerne. Natürlich gibt es Phasen, da ist es mal besser oder auch mal schlechter. Aber ich habe mich in dem Beruf immer selbst wiedergefunden, konnte was machen, was bewegen. Erst mal studieren, das wollte ich nicht. Ich wollte aus der Schule raus, ich wollte arbeiten – und dann war die Polizei genau das Richtige.
Ihr Weg zum Chef der Kriminalpolizei verlief dann wie?
Die ganz normale Karriere. Ich war in Ludwigshafen kurz in der Bereitschaftspolizei, habe Objektschutz beim Alt-Bundeskanzler gemacht, so wie das jeden getroffen hat, der in Ludwigshafen war. Dann bin ich ein paar Jahre Streife gefahren und habe später die Chance bekommen zu studieren. Danach war ich kurz Dienstgruppenleiter hier in Neustadt, dann durfte ich zur Kripo wechseln, das war schon recht früh mein Wunsch. Im Führungsstab in Kaiserslautern war ich dann zehn Jahre, danach viereinhalb Jahre als stellvertretender Inspektionsleiter in Speyer, und dann wurde die Stelle hier in Neustadt frei, das war der nächste Schritt.
Als Kripochef müssen Sie keine Uniform tragen. Sind Sie froh darüber?
Normalerweise hat man als Kriminalbeamter keine Uniform – ich habe aber eine. Die habe ich in Speyer bei Einsätzen öfter getragen, da geht’s einfach um die Erkennbarkeit. Es ist praktisch, wenn man gleich sieht, da ist ein Polizist. Ich musste die Uniform auch extra beantragen und genehmigen lassen.
Jetzt als Chef der KI müssen Sie aber nicht raus zu den Einsatzorten, oder?
Es gibt Fälle, da fährt man raus, zum Beispiel bei dem Brand mit fünf Toten in Lambrecht. Aber wenn ich Einsätze übernehme, dann führe ich die von innen. Es ist mehr ein Bürojob.
Gibt’s eigentlich den Kripochef Andreas Heintz und den Privatmensch Andreas Heintz, oder ist das eine Person?
Früher war’s mehr getrennt, aber es wird immer mehr, dass ich privat so bin, wie ich im Dienst bin.
Ein überraschender Anblick: An ihrem Arm baumelt ein Eintrittsbändchen von Wacken, dem berüchtigten Heavy-Metal-Festival ...
Ja, ich gehe gerne auf Konzerte. Da ist man dann weniger der Kripochef (lacht). Ich habe die Gelegenheit, dass ich so sein kann, wie ich bin, und auch von meinen Vorgesetzten so angenommen werde.
Sprechen wir über die Kriminalität hier in Neustadt. Die Statistiken zeigen es immer wieder: Hier lebt es sich deutlich sicherer als an vielen anderen Orten in der Pfalz und in Deutschland. Können Sie das aus Ihrer täglichen Erfahrung bestätigen?
Was die Zahlen angeht, kann man das wirklich so sagen. Trotzdem passiert all das, was in Großstädten passiert, auch bei uns, nur seltener. Man hat alles, von Sexualdelikten, Rauschgift, über Betrug, Enkeltrick, falsche Polizeibeamte bis zu Einbrüchen. Aber eben weniger und nicht ganz so intensiv. Insgesamt ist es schon ruhig.
Das alles beeinträchtigt natürlich das Sicherheitsgefühl der Bürger. Was sagt da Ihr Gefühl: Ist die Angst, Opfer einer Straftat zu werden, größer geworden?
Also die Angst ist gefühlt größer geworden. Die Leute sind informierter als früher. Man kriegt ja viele Phänomene mit, das treibt die Leute schon um. Wir sind bemüht, mehr als früher rechtzeitig zu informieren, auch über die Hintergründe. Daraus entsteht aber auch ein bisschen Kriminalitätsfurcht. Was sich als gut erwiesen hat, sind die Bürgerforen, die wir machen, dass wir die Leute einladen und über Phänomene informieren. Das Gute ist, dass die Leute vorsichtiger werden. Das sehen wir gerade beim Enkeltrick. Da spielt uns auch die Presseberichterstattung in die Karten. Aber zum Beispiel das Thema Wohnungseinbruch ist sehr emotional besetzt. Da muss man versuchen, gegen zu wirken, da sind Bürgerforen eine gute Möglichkeit.
Stichwort Angsträume. Es gab in Neustadt eine Begehung mit Polizei und Ordnungsamt. Was kam da heraus?
Es gibt bald wieder eine. Grundsätzlich sind es Räume, die schwer einsehbar sind oder dunkel. Objektiv gesehen sind das in den allermeisten Fällen keine Kriminalitätsschwerpunkte, aber die Leute fühlen sich dort unwohl. Es ist gut, dass der kriminalpräventive Rat das aufnimmt und sagt: Okay, dann müssen wir an den Orten etwas machen, damit man sich einfach wohler fühlt. Mit Beleuchtung ist das meiste oft schon erledigt. Ich selbst habe keinen Angstraum hier in der Stadt, aber viele andere Menschen vielleicht schon. Da muss man drauf eingehen.
Ein Sommerthema sind die Weinfeste, die die Polizei schon in Atem halten, oder?
Aus kriminalpolizeilicher Sicht weniger, aber klar, auf den Weinfesten muss Präsenz gezeigt werden. Das gilt für die Ordnungsämter genauso wie für die Polizei. Es ist insgesamt aber relativ friedlich. Trotzdem gibt es immer wieder Körperverletzungen oder Beleidigungen. Ein ganz großes Sommerthema ist aber Ruhestörung, was die Schutzpolizei oft trifft. Da sind die Bürger oft unzufrieden, weil wir nicht gleich kommen können, wenn wir fünf, sechs Ruhestörungen gleichzeitig haben.
Und wie sieht Ihr persönlicher Sommer aus? Geht’s noch in Urlaub?
Nein, wir bauen gerade um und renovieren. Wir waren in den Osterferien weg, in den Sommerferien bleiben wir daheim.
Bei unserer Sommerinterviewserie dürfen die Befragten zum Schluss auch eine Frage stellen.
Wie nehmen Sie als Journalist die Arbeit der Polizei in Neustadt wahr?
Mit Blick auf die Zusammenarbeit sehr professionell und kooperativ. Auf Anfragen von uns wird schnell reagiert, und wir werden auch mal mit Hintergründen versorgt, die vielleicht nicht gleich zur Veröffentlichung bestimmt oder geeignet sind. Davon abgesehen, habe ich das Gefühl, dass die Neustadter Polizei eine gute Truppe ist, auf die sich die Bürger verlassen können.
Interview: Steffen Gall
Zur Person
Andreas Heintz ist seit Dezember 2018 Leiter der Kriminalinspektion Neustadt. Der 50-jährige stammt aus Homburg und ist seit 1986 Polizist. Er ist verheiratet und lebt mit seiner Frau sowie seinen beiden Söhnen in Forst.