Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Neustadt: Im Handwerk herrscht Fachkräftemangel

Nur einer von fünf Bewerbern habe echtes Interesse, Bäckerlehrling zu werden, sagen Tim und Isabelle Buchmüller aus Mußbach.
Nur einer von fünf Bewerbern habe echtes Interesse, Bäckerlehrling zu werden, sagen Tim und Isabelle Buchmüller aus Mußbach. Foto: Mehn

Bäckereibetrieb eingestellt, Metzgerei geschlossen, weil Fachkräfte fehlen. Das waren die Gründe für das Aus von Hofmann in Lambrecht und die Schließung von Hiegle in Lachen-Speyerdorf. Welche Probleme gibt es im Handwerk, und mit welchen Strategien kann man ihnen begegnen? Eine Spurensuche.

„Wir sind selbst schuld“, sagt Jochen Heck, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Vorderpfalz. Viel zu viel sei in den vergangenen Jahren in Richtung Akademisierung gedacht worden: „Und dieses Rad drehen wir so schnell nicht mehr zurück.“

Politisch war die von Heck beschriebene Entwicklung durchaus gewollt. Schon lange verfolgte etwa die Europäische Union ihr Bildungsziel, dass bis zum Jahr 2020 mindestens 40 Prozent der 30- bis 34-Jährigen über einen tertiären Abschluss verfügen sollen (hierzu zählen auch höhere berufliche Qualifikationen, den Großteil machen jedoch Universitäts- und Fachhochschulabschlüsse aus). Ergebnis: Laut der Statistikbehörde Eurostat stieg der Anteil der 34-Jährigen mit tertiärem Abschluss im EU-Durchschnitt von 23,6 Prozent (2002) auf 40,7 Prozent (2018). Schaut man ausschließlich auf Deutschland, dann stieg der Anteil von 24,2 Prozent auf 34,9 Prozent.

Die akademische Ausbildung sei nicht der alleinige Königsweg, gibt Klaus Seiferlein, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Südpfalz-Deutsche Weinstraße, zu bedenken. Was ihm Sorgen bereitet? „Knapp 60 Prozent eines Jahrgangs streben heute das Abitur an“, sagt er. Das bedeute: „Wenn nicht auch Abiturienten auf die Idee kommen, ein Handwerk zu erlernen, dann verliert das Handwerk von vornherein 60 Prozent eines Jahrgangs.“

Verändertes Konsumverhalten

Auch das veränderte Konsumverhalten der Menschen habe Konsequenzen. Besonders davon betroffen: die Bäcker. „Schon seit Anfang der 2000er-Jahre gibt es kaum mehr Nachwuchs im Bäckerhandwerk“, sagt Michael Lindenschmitt, Geschäftsführer der Bäckerinnung Westpfalz. „Die Bäckereien sterben, weil sie mit den Discountern nicht mehr mithalten können“, ist er überzeugt. Fast-Food-Angebote rund um die Uhr und Einkaufsmöglichkeiten bis in den späten Abend machten den Handwerksbäckern zu schaffen. Die einzige Chance, die Lindenschmitt derzeit sieht, sind Werbekampagnen mithilfe sozialer Medien sowie eine Strategie, die „zu 150 Prozent“ auf Qualität setzt. Lindenschmitt: „Der Kunde muss den Unterschied schmecken zwischen einem Discounter-Brötchen und dem Brötchen aus einer Landbäckerei.“

Neue Wege gehen

„Man muss darüber nachdenken, neue Wege zu gehen“, meint auch Till Mischler, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer der Pfalz. Er spielt damit vor allem auf mehr Flexibilität bei den Verkaufs- und Produktionszeiten an. Als Beispiel nennt er eine Bäckerei in Speyer, die sich als Feierabendbäckerei versteht und nur von 15.30 Uhr bis 18 Uhr geöffnet hat. Nicht jeder Betrieb könne sich dieses Modell leisten, sagt Mischler. Dass es für solche Angebote aber eine gewisse Nachfrage gibt, davon ist er überzeugt. Frisches Brot zum Feierabend sei attraktiv, und für Auszubildende falle bei Öffnungszeiten am Nachmittag die Nachtarbeit weg.

Nicht verzichten auf das nächtliche Arbeiten kann die Bäckerei Buchmüller im Neustadter Ortsteil Mußbach. „Wir beliefern viele Hotels“, sagt Tim Buchmüller, „und diese Lieferungen gehen bei uns zwischen 4.30 Uhr und 5 Uhr raus.“ Den seit 105 Jahren bestehenden Familienbetrieb führt Buchmüller gemeinsam mit seinem Bruder Jan. Ihren ganz persönlichen Traum – die Anschaffung eines Holzofens – haben sich die beiden Bäckermeister vor neun Jahren erfüllt. „Wir haben sogar Kunden aus Frankfurt, die einmal im Monat kommen, um unser traditionell hergestelltes Holzofenbrot zu kaufen“, sagt Buchmüller nicht ohne Stolz.

„Das Geschäft läuft gut“, betont der Mußbacher Bäckermeister. Doch der Mangel an Personal ist ein Problem. „Bäcker ist kein Trendberuf“, sagt Buchmüller, „einen Lehrling für die Produktion zu bekommen, ist heutzutage Glücksache“. Vor allem die Mischung aus körperlicher und nächtlicher Arbeit schrecke viele Jugendliche ab. Nur bei einem von fünf Bewerbern habe man das Gefühl, dass überhaupt echtes Interesse bestehe. Buchmüller selbst weiß seine Arbeitszeit indes zu schätzen: „Von 23 Uhr bis 7 Uhr stehe ich in der Backstube, gehe dann schlafen, und ab 15 Uhr bin ich wieder startklar. Da bleibt viel Zeit für meine zwei Kinder.“

Gute Chancen auf Ausbildungsplätze

Dass diejenigen, die Interesse am Beruf des Bäckers zeigen, gute Aussichten auf einen Ausbildungsplatz haben, darauf weisen Zahlen der Agentur für Arbeit hin. Für den Bezirk Landau – er umfasst die Städte Landau und Neustadt sowie die Landkreise Südliche Weinstraße, Germersheim und Bad Dürkheim – verzeichnete man für das Ausbildungsjahr 2018/19 insgesamt 16 Bewerber, die Bäcker als Berufswunsch angaben. Demgegenüber standen 16 gemeldete Ausbildungsplätze. Zum Vergleich: Rheinland-Pfalz-weit gab es 99 Bewerber für 182 Ausbildungsplätze.

Noch schwieriger gestaltete sich die Situation bei den Fleischern. Bei 31 im Bezirk Landau gemeldeten Ausbildungsplätzen wurden vier Bewerber verzeichnet. In ganz Rheinland-Pfalz kamen auf 227 Ausbildungsplätze 53 Bewerber.

Weitet man den Blick noch einmal und schaut auf die bundesweite Situation im gesamten Handwerk, dann zeigt sich laut Till Mischler Folgendes: „Von 2009 bis 2017 hat sich die Anzahl der unbesetzten Lehrstellen im Handwerk verdreifacht.“ Die persönliche Erfahrung des Hauptgeschäftsführers der Handwerkskammer der Pfalz: „Schüler haben heutzutage manchmal Schwierigkeiten, fünf Handwerksberufe aus dem Stegreif aufzuzählen.“

Aktion: „Handwerk zum Anfassen“

Dies ändern möchte die hiesige Kreishandwerkerschaft. Bei insgesamt 19 Schul- und Ausbildungsmessen zeige man in diesem Jahr Präsenz, sagt Klaus Seiferlein. Ebenfalls im Programm: der Aktionstag „Handwerk zum Anfassen“ am 18. September in Landau. An zehn Mitmachstationen könnten Schüler ihr handwerkliches Geschick ausprobieren, auch Neustadter Betriebe seien vor Ort. Als oberstes Ziel formuliert Seiferlein: „Bei den Schülern das Interesse, bei den Lehrern das Verständnis und bei den Eltern die Akzeptanz für das Handwerk wecken.“

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