Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Neustadt: Fernab des ganz normalen Großstadtwahnsinns

Demo-Hauptstadt Berlin: Über 4400 Kundgebungen gab es dort voriges Jahr. Manche sogar größer als der Neustadter Winzerfestumzug.
Demo-Hauptstadt Berlin: Über 4400 Kundgebungen gab es dort voriges Jahr. Manche sogar größer als der Neustadter Winzerfestumzug.

Halbnackte Radfahrer, die auf ihre Verletzlichkeit im Straßenverkehr aufmerksam machen. Umweltaktivisten, die mit aufgeblasener Wasserball-Erdkugel in der Spree schwimmend für mehr Klimaschutz protestieren. Oder Scharen motorisierter Rocker, die kuttenbekleidet gegen das Kuttenverbot anfahren.

Demonstrationen prägen das Berliner Stadtbild. Im vorigen Jahr meldete die Versammlungsbehörde insgesamt 4446 Demonstrationen und Kundgebungen. Das bedeutet einen Schnitt von gut zwölf Versammlungen am Tag. Rein rechnerisch findet in Berlin also rund um die Uhr irgendwo alle zwei Stunden eine Demo statt. Und zu der einen oder anderen kommen sogar mehr als zum Neustadter Winzerfestumzug. Gerade erst waren am Wochenende am Brandenburger Tor Zehntausende auf den Beinen bei einer Kundgebung der IG Metall für Fairness beim Umbau der Wirtschaft.

Berlin ist der Hotspot für Demonstranten

Immer wird kräftig auf die Pauke gehauen, die „drei großen T“ kommen zum Einsatz: Tröten, Trommeln, Trillerpfeifen. Das ist alles in Ordnung, schließlich ist das Recht, sich friedlich und ohne Waffen zu versammeln, im Grundgesetz verankert. Und dass Berlin nun der Hotspot aller Demonstranten ist, ergibt sich von selbst.

Die Hauptstädter ertragen es mit der ihr eigenen Gelassenheit. Aber was das für die Polizei bedeutet, kann man sich denken. Die Beamten genießen meinen größten Respekt, sie schieben Überstunden ohne Ende und werden oft noch angepöbelt. Mehr Wertschätzung hätten sie schon lange verdient.

Viel Freundlichkeit in den Geschäften

Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, als ich gerade auf dem Weg zur Neustadter Stiftskirche bin. Links und rechts geht das Leben seinen friedlichen Gang. Ich genieße die Freundlichkeit, mit der ich hier in den Geschäften bedient werde. Das ist in Berlin leider keine Selbstverständlichkeit, wenn Frau Schlechtgelaunt und Herr Habekeinelust am Werk sind. Manchmal ist es aber auch nur kurios. Wie in dieser (wahren) Begebenheit in der Hauptstadt: Zwei junge Mädchen stehen vor einer Auslage mit Pflanzen. „Was davon sind denn Geranien?“, fragen sie die Angestellte. „Sind alle.“ - „Wieso? Die sehen doch alle verschieden aus.“ - „Nein, sind alle.“ Die Mädchen sind ratlos. Schließlich hilft eine andere Kundin: „Alle heißt: weg, aus, nicht mehr da.“

Natürlich ist mir klar, dass Neustadt nicht die Insel der Seligen ist. Hier muss die Polizei ausrücken wie in jeder Stadt. Es gibt Einbrüche, Diebstähle, Unfälle. Die Aufgeregtheiten halten sich aber in Grenzen. Was schlimm ist, ist eben relativ.

Zum Frühstück grillen?

In Berlin hat die Polizei einmal an einem ganz normalen Tag jeden Einsatz über den Kurznachrichtendienst Twitter gemeldet, 24 Stunden lang. Natürlich mussten die Polizisten in dieser Zeit sehr oft ausrücken, um genau zu sein: 1645 Mal. Berlin hat schließlich fast so viele Einwohner wie das gesamte Bundesland Rheinland-Pfalz. Aber interessant ist nicht die Zahl der Einsätze, sondern vor welche Aufgaben die Ordnungshüter gestellt wurden. Hier eine Auswahl von eher kuriosen Fällen: „7.12 Uhr: In Friedrichshain möchten zwei Männer zum Frühstück grillen. Sie zünden Papier auf einem Gehweg an.“ – „10.38 Uhr: 16 Stunden Dauerbeschallung in Neuköllner Wohnung, Anwohnerin hält es nicht mehr aus. Wir helfen.“ – „17.37 Uhr: Im Tiergartentunnel wird der Verkehr durch eine Hochzeitgesellschaft beeinträchtigt. Die Gäste tanzen auf der Fahrbahn.“

Der ganz normale Großstadtwahnsinn also. So weit weg.

Info

Der Autor ist RHEINPFALZ-Korrespondent in Berlin. Bis Mitte Juli arbeitet er nun für die „Mittelhaardter Rundschau“ und schildert täglich seine Erlebnisse und Erkenntnisse fernab der Großstadt.

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