Neustadt
Neustadt: Europa ist „mehr als eine Gruppenarbeit“
Was bedeuten Europa und die Europäische Union für junge Menschen? Die Hambacherin Clara Dünkler (20) lebt für ein Jahr in Schweden und gehört einer Generation an, die Grenzen nicht kennt. Ein Gastbeitrag zwei Tage vor der Europawahl.
Wo ist Europa? Klingt nach Erdkundeunterricht der sechsten Klasse. So simpel und doch so komplex. Theoretisch reichen Längen- und Breitengrade aus, um die Frage zu beantworten. Und praktisch?
Denkt man an Europa, denkt man sicherlich nicht an Koordinaten, sondern an die Europäische Union, die anstehenden Wahlen, einen Kreis aus gelben Sternen auf blauem Grund, Flüchtlingskrise, Nationalismus, der Biegungsgrad von Gurken und endlose Bürokratie. Europa ist mit der Europäischen Union sehr viel mehr als ein geografisch definierbares Gebiet geworden. Doch wo ist es nun, dieses Europa? In den Bürogebäuden in Straßburg und Brüssel? In den Köpfen einzelner Träumer? In den Bestimmungen zur Lautstärke von Staubsaugern?
Immer mit dem Euro bezahlt
Ich bin 1999 in Deutschland geboren. Für mich gab es nie Grenzen. Zum Einkaufen nach Wissembourg fahren? Kein Problem. Bezahlen? Natürlich mit Euro, was sonst? Ich kenne keine Zeit davor, erinnere mich nicht an die DM. Die Europäische Union war etwas, das ich nie hinterfragt habe. In der EU zu leben, war nichts, für das ich gekämpft habe. Meine Generation hat nichts dazu beigetragen, dass sich aus einem Wirtschaftsbündnis, ein Wertebündnis entwickelt hat. Die EU war für mich immer selbstverständlich.
Im Moment lebe ich für ein Jahr in Schweden, um ein freiwillig europäisches Jahr zu erleben. Die korrekte Bezeichnung lautet „European voluntary corps“. Ein klangvoller Name, aber unverständlich. Ähnlich wie bei einem freiwillig sozialen oder ökologischen Jahr bedeutet es, für ein Jahr freiwillig bei einer Organisation zu arbeiten, zum Beispiel bei einer Kirche, einer Kommune oder auch einer Schule, nur eben im europäischen Ausland.
Das Programm ist eine Initiative der Europäischen Kommission, unterstützt durch Gelder der EU, damit die Freiwilligen nicht selbst für ihren Lebensunterhalt während ihrer Zeit im Ausland aufkommen müssen. Arbeitet man also praktisch für die EU, beginnt man auch darüber nachzudenken, was das eigentlich bedeutet.
Mittlerweile bin ich seit einem dreiviertel Jahr in Schweden und habe während meiner Zeit hier viele Menschen aus ganz Europa kennengelernt. Obwohl wir Deutschen nicht
unbedingt einen Kulturschock erlebten, ging es manchen ganz anders.
Blick nach Kroatien und Ungarn
Eine davon ist eine aus Kroatien stammende Frau, die junge Immigranten in einem Zentrum unterstützt und ihnen hilft, sich einzuleben. Sie berichtete von ihrer Verwunderung darüber, wie einfach es ist in Schweden, offen eine homosexuelle Beziehung zu führen. In ihrem Land gibt es dafür teilweise Todesdrohungen.
Ein Anderer berichtet aus Ungarn und wie groß seine Sorge ist, dass Rechte der Bevölkerung eingeschränkt werden. Von diesen Problemen kann man wissen, man kann über sie lesen, aber es ist etwas anderes, wenn sie ein Gesicht bekommen. Wenn man sich bewusst wird, was es bedeutet, nicht nur in Deutschland, sondern in Europa zu leben. Es zieht einen mit in die Verantwortung.
Doch würde es Europa nicht viel mehr bringen, wenn sich die Nationen auf ihre eigenen Probleme konzentrierten und diese nicht anderen überlassen? Was bringt eine Gemeinschaft, wenn nicht alle mitarbeiten?
Ist das gerecht?
Es scheint wie in der Schule bei einer Gruppenarbeit. Vier Leute in der Gruppe, einer übernimmt die Führung, einer die Recherche, einer schreibt das Plakat und der vierte ist bei der Vorbereitung krank und bekommt zwei Sekunden vor der Präsentation die Stichpunkte zugeschoben. Letztlich wird natürlich die Gruppe bewertet, und egal wie unterschiedlich viel Arbeit man investiert hat: Alle bekommen die selbe Note. Ist das gerecht?
Ist Europa eine Gruppenarbeit, bei der nur die Hälfte arbeitet und der Rest profitiert? Wenn die Mitglieder nur national denken, ist es genau das. Jeder versucht, das Beste für sich rauszuholen, gibt nur das Mindeste und misstraut den anderen. Dadurch erreicht diese Gruppe höchstens ein Ausreichend.
Aber angenommen, jeder investiert sein Maximum und trägt das zum Projekt bei, was er kann, ist bereit Opfer zu bringen, weil er weiß, dass alle anderen dasselbe für ihn tun würden. Wie viel mehr könnte erreicht werden?
Mehr als Parolen rufen
Natürlich hat trotz allem jede Nation ihre eigenen Probleme, natürlich ist das „alles nicht so einfach“, natürlich langt es nicht einfach nur schönklingende Parolen zu rufen. Es braucht konkrete Lösungen. Aber es geht nicht alleine. Mit oder ohne EU sind alle Länder voneinander abhängig. Langfristig müssen alle an einem Strang ziehen, allein um die Klimakatastrophe abzuwenden. Und die Europäische Union bietet den Raum dafür. Die Möglichkeit zu lernen und zu optimieren.
Wo ist Europa? Es liegt in unseren Händen. Es ist vielleicht nicht der Verdienst meiner Generation, dass die EU sich zu einer Gemeinschaft der Solidarität entwickelt hat, aber es ist unsere Verantwortung, sie zu erhalten und dieses Potenzial nicht zu verschenken, sondern auszunutzen.
Zur Person
Clara Dünkler (20) ist in Hambach aufgewachsen und hat 2018 am Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium Abitur gemacht. Da sie danach nicht genau wusste, was sie studieren soll, bewarb sie sich bei der EU für den europäischen Freiwilligendienst bei der Svenska Kyrkan (evangelische Kirche in Schweden). Sie plant mittlerweile, in Freiburg Kulturanthropologie und im Nebenfach Psychologie zu studieren. „Mein eigentlicher Traum ist es aber zu schreiben“, sagt sie. Ihre Erfahrungen in Schweden teilt sie im Internet in einem Blog mit.