Neustadt Nervenstarke Spürnasen
Mittwoch. 8.30 Uhr. Ives Hennig bekommt eine Nachricht auf seinen Pager. „Einsatzalarm. T-50. Vermisstenspürhund, Dudenhofen, Waldgebiet.“ Von seinem Wohnort Kleinfischlingen macht sich der 43-Jährige sofort auf den Weg. Mit im Gepäck sein Schäferhund Aik. Vier Stunden später wird der ausgebildete Rettungshund der Held des Tages sein. Denn er hat den seit Sonntag vermissten 86-jährigen Speyerer im Waldstück nahe des Truppenübungsplatzes aufspüren können. „Der Mann lag im Gebüsch, in einer Sandkuhle. Ohne Aik wäre er nicht gefunden worden. Selbst die Fußtrupps wären wohl an ihm vorbeigelaufen“, ist der Hundeführer der Rettungshundestaffel Südliche Weinstraße mit Sitz in Billigheim-Ingenheim über die Spürnase seines Vierbeiners glücklich. Ein aufgefundener Schal des Mannes in der Nähe hatte die zahlreich eingesetzten Hundeführer auf die richtige Fährte gebracht. Bereits am Tag zuvor war Hennigs Kollege Hans-Jürgen Gnägy mit seinem Bluthund Abby in Speyer unterwegs und konnte die Spur des Seniors von dessen Wohnung ins Waldgebiet verfolgen. Abby ist einer von zwei Vermisstenspürhunden des 52-Jährigen, ein sogenannter Mantrailer. Das sind Hunde, die anhand einer Geruchsprobe die Spur des Vermissten auch aus Tausende anderen Gerüche einer Stadt hindurch nachverfolgen können. „Ich habe das Pilotprojekt Mantrailer 2000 nach Rheinland-Pfalz gebracht“, berichtet der Leiter der Rettungshundestaffel SÜW. Rettungshunde wie Aik werden dagegen im unübersichtlichen Wald- und Wiesengelände eingesetzt, um Vermisste zu orten. In diesem Fall haben beide gut zusammengearbeitet, und ein schlimmerer Ausgang konnte verhindert werden. „Der Mann war geschwächt, unterkühlt, aber ansprechbar“, erinnert sich Hennig. Mitunter aber nimmt die Suche kein glückliches Ende. „Wenn man zu so einer Einheit geht, muss man wissen, dass man nicht immer Leben retten kann.“ Gnägy denkt an seinen Auslandeinsatz 1999 im Erdbebengebiet des Bosporus zurück. Eine Woche war er mit seiner Ronja in der Türkei. „Wir haben ein Geschwisterpaar in einem Gebäude gefunden, das mühsam befreit werden konnte. Sonst nur Leichen.“ Man brauche bei diesem Ehrenamt einen Selbstschutz, um die Schicksale nicht zu sehr an sich ranzulassen. „Aber es ist schon belastend. Besonders, wenn es um Kinder geht, das geht einem an die Nieren.“ Während Gnägy sonst nüchtern-diszipliniert spricht, fast, als ob er einen Einsatzbericht vorliest, nimmt seine Stimme in diesem Moment einen anderen Ton an. „Es gab auch schon Tränen vor Ort. Wie bei dem Kleinkind in einem See. Da sind alle Dämme gebrochen.“ In solchen Situationen sei die Gruppe wichtig, um denjenigen im Gespräch auffangen zu können. „Viele Jahre herrschte die Mentalität: Man muss stark sein. Da trinkt man eben mal ’nen Schorle mehr“, erinnert sich Hennig. Das habe sich glücklicherweise gewandelt. „Heute sprechen wir mehr miteinander und können die psychologische Betreuung des Kriseninterventionsdienstes des Kreises in Anspruch nehmen.“ Nachdem sein Aik den vermissten Speyerer gefunden hatte, gab’s zur Belohnung seinen gelben Knautschball. „Die Hunde wollen eigentlich ihr Spielzeug haben. Wenn sie einen Vermissten oder Verschütteten finden und uns darauf aufmerksam machen, bekommen sie ihre Belohnung“, erklärt Hennig das Suchprinzip. Bis das reibungslos klappt, geht natürlich eine lange Ausbildungszeit voraus. Die Rettungshundestaffel ist der Feuerwehr angegliedert, alle Hundeführer also auch parallel Feuerwehrkräfte. Mindestens 14 Monate muss ein Hund alt sein, um die Hundebegleitprüfung zu bestehen, in der es darum geht, ob er gehorsam ist oder sich mit anderen Menschen und Hunden versteht. Rabauken und Beißer wären K.-o.-Kriterien. Dann folgt die Rettungshunde-Eignungsprüfung. „Die Hunde müssen nervenstark, wesensfest sein und sich auch auf untypisches und unangenehmes Terrain vorwagen“, erklärt Gnägy. Das heißt, auch das Laufen über einen Gitterrost oder Knallgeräusche dürfen ihnen nichts ausmachen. Dann folgen in drei Stufen die Rettungshundeprüfungen. Etwa zwei Jahre dauere die Ausbildung für Hund und Führer. Diese Zeit brauche es auch, sagt Gnägy, da die Hunde reifen müssten und die Hundeführer nur ehrenamtlich tätig seien. Bei den meisten Einsätzen – in diesem Jahr 40 von 45 – werde der Vermisstenspürhund angefordert. Gnägy ist mit seiner Abby und Bluthund-Nachwuchs Casey also mehrmals pro Woche gefragt – und das neben seinem normalen Job. „Das geht schon. Die Einsätze sind meistens nachts“, meint er lakonisch. „Man schläft dann, wenn es die Zeit zulässt, und nicht dann, wenn man müde ist.“