Wachenheim
Musik für Forellen und Menschen – Wassermusik mit Patrick Siben am „Badehaisel“
Konzerte auf einem Floß gibt der gebürtige Deidesheimer Patrick Siben mit seinen „Stuttgarter Salonikern“ schon seit einigen Jahren. Auch der Burgtalweiher beim „Badehaisel“ in Wachenheim wurde am Wochenende nicht zum ersten Mal von ihm zum Konzertsee umfunktioniert. Spannend zuzuschauen, wie das im Detail abgeht, ist es trotzdem.
Freitagabend, kurz nach 18 Uhr: Patrick Siben fährt mit seinem Sprinter mit einem kleinen Tieflader als Anhänger über den Parkplatz beim „Badehaisel“ Richtung See. In anderthalb Stunden soll das Konzert mit dem „Saloniker String und Swing Orchestra“ beginnen. Die Einzelteile des Floßes sind auf dem Tieflader vertäut. Die ersten Besucher sind schon da, suchen sich die i besten Plätze am See.
Zeitdruck scheint Patrick Siben nicht zu kennen. Felix Hammann, einer der Aktiven des „Badehaisel“-Vereins, kann sich gut erinnern, wie Siben bei einem früheren Konzert eine Stunde nach Konzertbeginn mit dem Sprinter über den vollen Parkplatz gefahren kam, „am wartenden Publikum vorbei, als sei nix gewesen“. „Das Publikum kennt ihn und verzeiht ihm“, weiß er.
Obwohl der Sohn aus dem bekannten Deidesheimer Weingut Siben schon lange im Schwäbischen lebt, genießt Siben in der Pfalz von seinen vielen Gastspielen her einen hohen Bekanntheitsgrad. Und die Menschen wissen, Siben ist ein Unikat, ein Tausendsassa, ein Mann mit vielen Ideen, Talenten und Phantasie und einem manchmal zur Realität etwas inkompatiblen Verhältnis.
Und mit einer lauten Stimme. „Ach Du bischd des“, ruft er, als ihm jemand sagt, die Journalistin der RHEINPFALZ sei da. Man kennt sich von früheren Konzerten. Beim Telefonat vorab hat er erzählt, dass er das Floß am liebsten allein zusammenbaue, bevor jemand da ist. Daraus wird heute nichts. Die Französin Delphine Henriet, die Cello, Querflöte und Piccolo spielt und mit Siben im Sprinter aus Murrhardt gekommen ist, erzählt, dass sie zu zweit die Einzelteile des Floßes aufgeladen haben. Sie habe die schweren Teile mit einem Rohr abgestützt.
Eine einzelne Bohle wiegt 250 Kilogramm
„Ich hab’ als kleiner Bub gesehen, wie im Keller im Weingut die schweren Holzfässer bewegt worden sind, so mache ich das mit den Bohlen des Floßes“, sagt Siben. Sechs große Bohlen und zwei etwas kleinere sind auf dem Tieflader. Siben hat noch mehr davon, die er aus mehreren dicken Holzlatten zusammengeschraubt hat, so dass er je nach Anzahl der Musiker unterschiedlich große Flöße bauen kann. Jedes der Holzelemente wiege 250 Kilogramm, erzählt Siben. „Da sind ja die Forellen“, freut er sich, als die im Weiher lebenden Fische geschwommen kommen. „Die kommen immer, wenn wir hier spielen, für die ist das ein Erlebnis, die spüren die Schwingungen der Musik“, meint der Musiker. Er erzählt, dass er sich einmal, als er auf dem Isenach-Weiher in Bad Dürkheim spielte, beobachtet gefühlt habe, „da war ein großer, mindestens 30 Jahre alter Karpfen, der hat mir die ganze Zeit zugehört“.
Bevor das Konzert für die Forellen und Menschen beginnt, müssen die Bohlen und die anderen Teile des Floßes ins Wasser. Konrad Balik hilft. „Ich bin eigentlich Geiger“, sagt er und grinst. Während er mit Siben und Henriet die schweren Teile über Schienen und eine zuvor ausgelegte Holzplanke ins Wasser schiebt. Inzwischen sind fast alle Tische und Stühle besetzt. Die Besucher schauen interessiert zu, wie das Floß entsteht, einige fotografieren. Ein Mann will Siben helfen, doch der schickt ihn freundlich weg, sagt „Trink’ eine Schorle“. Auch der Trompeter Igor Rudytskyy und Helmut Engelhardt, der Saxophon und Klarinette spielt, sind schon seit einiger Zeit da. „Die Musiker müssen nur gut gelaunt erscheinen und gut spielen“, sagt Siben.
Inzwischen schiebt er dünne Holzlatten ins Wasser. Er holt Schnüre und einige andere Utensilien aus dem Sprinter, dann gehen er und Henriet ins niedrige Wasser, steigen vorsichtig auf zwei der wankenden Teilstücke, und Siben beginnt, mit einer Bohrmaschine die Latten auf den Bohlen festzuschrauben. „Jetzt das Klavier“, sagt er, als er damit fertig ist. Das ist ebenfalls im Sprinter. Engelhardt hilft dem Orchesterleiter und Balik, es über Schienen und Planken aus dem Auto die Böschung hinunter auf das Floß zu bugsieren. Dazu muss das Klavier geschoben und gleichzeitig gebremst werden, damit es nicht zu viel Schwung bekommt und im Wasser landet. Auf dem Floß wird das Instrument in die Mitte gestellt, damit es nicht alles zum Kentern bringt.
„Ich habe das alles ausgerechnet, ich habe in Mathematik Abitur gemacht“, hat er schon am Telefon alle Zweifel an der Statik zerstreut. Siben hat seine Wasserkonzerte schon auf vielen Gewässern gegeben, auch auf dem Rhein und dem Neckar. „Da wird vorher von Behörden geprüft, ob das Floß wassertauglich ist“, erzählt er. Auf die Idee mit den Wasserkonzerten sei er gekommen, als er in der Bibel gelesen habe, dass Jesus auf dem See Genezareth vom Ufer weggerudert wurde und die Leute ihm daraufhin aufmerksam zugehört haben. Die ersten Wasserkonzerte habe er auf Ruderbooten gegeben, doch auf die könne man kein Klavier stellen. Auf dem Isenach-Weiher habe er erste Versuche mit Flößen gemacht.
Es stimmt: Der Klang ist etwas ganz Besonderes
„Auf dem Waser entstehen Schwingungen, so wird das Wasser ein Teil der Musik, es entsteht eine ganz eigene Musik, alles ist sphärisch“, erklärt Siben. „Das Wasser trägt die Töne, es ist ein Zusammenspiel von Musik, Wasser und Wald“, bestätigen Rudytskyy und Engelhardt.
Siben verteilt auf dem Floß die Notenständer, die Stühle für die Musiker sowie Paddel, dann ist er kurz verschwunden, wechselt die Arbeitskleidung gegen einen Smoking. Um 19.45 Uhr - fast pünktlich also - beginnt das Konzert, was um 18 Uhr kaum jemand geglaubt hätte. Die Musiker gehen auf das Floß, die Vertäuung am Ufer wird gelöst, dann heißt es erst einmal paddeln, bis Siben einen Schleppanker auswirft und Schorle an die Musiker verteilt. Engelhardt passiert etwas für Siben fast Unverzeihliches, er wirft seine Schorle aus Versehen um. Immer wenn Siben die Position des Floßes ändern will, zieht er den Schleppanker hoch, es wird gepaddelt, und dann wirft Siben den Anker wieder ins Wasser.
Das „Saloniker String und Swing Orchestra“ spielt vor allem Swing- und Dixielandklassiker, „nach Originalnoten“, wie Siben mehrfach betont. „Twelfth street rag“ und „Tiger rag“ von Louis Armstrong, „It don’t mean a thing“ von Duke Ellington stehen ebenso auf dem Programm, wie „Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehen“. Und es stimmt, der Klang ist ein ganz Besonderer.
Zur Pause legt Siben an der ehemaligen Badeleiter an. Die Musiker sind vor die Herausforderung gestellt, an dieser hoch und über einen Zaun zu klettern. Ihr Chef gönnt sich keine Pause, er sammelt den Eintritt ein, unterhält sich mit Besuchern. Die sind von dem Wasserkonzert begeistert, es gibt viel Beifall. Zugaben gibt das Orchestra dann an Land, und Siben spielt jetzt Akkordeon.