Neustadt
Mußbach: Neustadter Fotoforum stellt im Herrenhof in Mußbach aus
Strukturen und Muster im Alltag zu entdecken, die nicht jedem sofort ins Auge fallen, ist so etwas wie die Königsdisziplin der Fotografie. Und dann muss man natürlich auch noch über das Knowhow und das technische Rüstzeug verfügen, um zu ansprechenden Ergebnissen zu kommen – so wie die 20 Mitglieder des „Fotoforums Neustadt“, die jetzt ihre Arbeiten im Mußbacher Herrenhof präsentieren.
Neustadt-Mussbach. Als „engagierte Hobbyfotografen“ bezeichnen sich die Mitglieder des Fotoforums selbst ganz bescheiden, was freilich nicht ausschließt, dass sie schon auch mal im Urlaub eine Stunde an einer Stelle ausharren, um auf das rechte Büchsenlicht zu warten. Oder sich zum Teil bereits seit vielen Jahren regelmäßig in der Neustadter Volkshochschule zu treffen und dann jeweils gemeinsam bestimmte Themen zu beackern. Eines davon hieß 2019 eben „Strukturen & Muster“, und knapp über 100 der Arbeitsergebnisse sind jetzt im Herrenhof zu sehen. „Das Thema hat allen viel Spaß gemacht“, weshalb man es sogar viel länger als eigentlich geplant behandelt habe, berichtet Michael Metzger, einer der Sprecher des Fotoforums. Diese Leidenschaft merkt man den Bildern auch an.
Stefanie Pappons Großformate geben der Natur etwas Sakrales
Strukturen finden sich im Grunde überall: in der Architektur, in der Landschaft oder auch bei ganz banalen Alltagsgegenständen, im ganz Kleinen wie im ganz Großen. Wichtig, dass daraus auch ein gelungenes Bild werden kann, ist die Konzentration auf das Wesentliche. Das demonstriert in der Schau zum Beispiel gleich am Eingang Stefanie Pappon mit ihren imposante Großformaten, die die Schönheit des Organischen oder Anorganischen ganz ausschnitthaft einfangen und ihre eine fast sakrale Aura verleihen: in Steinflechten, Baumrinde, Sand oder Seetang. Auch viele andere Bilder zeigen die Natur aus ungewohnter Perspektive: Gerhard Selke etwa hat in einer seiner Aufnahmen die Sporen auf der Unterseite eines Farns fotografiert, Martina Hornung Gesteinsstrukturen in extremer Nahsicht, Jürgen Kohler die Haut eines Elefanten, Bernd Menck Eiskristalle oder Tauperlen in einem Spinnennetz. Auch Holz und Jahresringe sind beliebte Motive.
Weitet sich die Perspektive kommen die Großstrukturen in der Landschaft in den Blick: Michael Metzger und Bernd Menck, mit 81 einer der Senioren der Gruppe, zeigen zum Beispiel, wie viel optisches Potential in den Gemüsefolien der Vorderpfalz steckt. Der am 18. Dezember im Alter von 75 Jahren verstorbene Roland Hartmann ist mit einer geometrisch anmutenden Luftaufnahme vertreten, die vor einigen Jahren bei einer gemeinsamen Ballonfahrt des „Fotoforums“ in der Südpfalz entstand.
Ein sehr dankbares Feld für „Muster und Strukturen“ bietet natürlich die Architektur. Als großer Meister erweist sich hier Gundo Brauch, der unter anderem die spektakulären Treppen der Aussichtsplattform „The Vessel“ in New York zu seinem Motiv gemacht hat. Sinn für den richtigen Ausschnitt beweist auch Wolfgang Blankart bei den Gauben eines Kirchendachs in Pirna oder einer Treppe mit Glaskuppel in einem Kunstzentrum in Reykjavik. Nicht ganz so weit reisen mussten Mark Piontek, der unter anderem das Gebäude der SGD Süd und die noch unsanierte Ibag-Halle in Neustadt in den Blick nahm, und Michael Gall, dem es gelang, dem wahrscheinlich hässlichsten Bahnhof Deutschlands, Ludwigshafen-Mitte, mit Licht und Schatten ästhetischen Reiz abzugewinnen.
Dabei dominiert bei den Architekturaufnahmen in der Regel Schwarz-Weiß, weil so das Grafische noch stärker hervortritt. Dass das nicht notwendigerweise so gehandhabt werden muss, zeigt der gebürtige Franzose Jean-Jacques Boust mit seinen Bildern vom „Musée des Confluences“ in Lyon. Er bannte die Fassadenauschnitte des spektakulären Baus am Zusammenfluss von Rhône und Saône vor strahlend blauem Himmel auf seine Kamera-Festplatte. Auch Christiane Heymer setzt bei ihren Ornamentdetails aus der Alhambra in Granada konsequent auf Farbe.
Allerdings muss man sein Haus gar nicht verlassen, um „Strukturen und Muster“ zu finden – im Grunde reicht ja schon ein Blick in den Besteckkasten. Gerade die Alltagswelt hält viele Motive bereit, seien es Farbspuren, wie sie Raimund Lehnen in seiner Druckerei in Winzingen eingefangen und zu einer Serie mit dem sprechenden Titel „Plastischer Farbschock“ verarbeitet hat, oder Lichtspiegelungen im Auge wie bei Wilhelm Schrott. In die gleiche Richtung weist das Stillleben mit abgestellten Schuhen, das Wolfgang Schmitt, erst seit kurzem dabei, in einer Wanderherberge vor die Linse kam.
Fotografiert wird digital, Bildmanipulation ist tabu
Zum Technischen ist dabei zu sagen, dass die analoge Fotografie mittlerweile nahezu verschwunden ist. Nur bei Wolfgang Frohnweilers Hausfassaden aus der DDR scheint sie noch präsent, und auch bei Theo Pfaff, mit 86 der Methusalem der Gruppe, der Mittelformat-Bilder mit Motiven aus den USA beisteuert. Bildmanipulation ist freilich auch für die anderen tabu. Auch Jürgen Schwärzels „Fassadenstruktur gespiegelt“ aus Hamburg ist erklärtermaßen auf natürliche Weise entstanden. Die künstliche Anmutung entsteht hier eher durch die starke Vergrößerung. Weil die meisten „Fotoforum“-Mitglieder in Raw-Format aufnehmen, ist allerdings eine gewisse Nachbearbeitung am PC immer gegeben. Nur Petra Sauter, die unter anderem Orgelpfeifen und das geometrische Drahtgeflecht vor einem Fenster als Motiv wählte, lässt ihre Bilder exakt so, wie sie sind.
Die Ausstellung
Die Ausstellung „Strukturen & Muster“ wird am Sonntag, 2. Februar, um 11.15 Uhr in der Kunsthalle des Herrenhofs in Mußbach eröffnet und läuft bis 23. Februar. Zur Einführung sprechen Dagmar Fries, die frühere Leiterin des Bereichs Kunst und Kreativität der VHS Neustadt, zu dem auch das „Fotoforum“ gehört, sowie Forumsmitglied Wilhelm Schrott. Für Musik sorgt Wolfgang Dinges, der Leiter der Kulturabteilung der Stadt. Die Öffnungszeiten: samstags 14 bis 18 Uhr, sonntags 11 bis 18 Uhr und mittwochs 18 bis 20 Uhr. Eintritt: 2,50 Euro.