Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Mit Volldampf ins neue Jahr: „Blue Note Big Band“ sorgt im Saalbau für Begeisterungsstürme

Sängerin Angela Maria Reisinger hat einen beeindruckenden Amy-Winehouse-Ausdruck in der Stimme.
Sängerin Angela Maria Reisinger hat einen beeindruckenden Amy-Winehouse-Ausdruck in der Stimme.

Was für ein schwungvoller Start ins neue Jahr: Die „Blue Note Big Band“, erstmals von weiblicher Hand geführt, präsentierte sich bei ihrem Neujahrskonzert im Neustadter Saalbau in ganz neuer Form, entdeckte unter der Leitung von Claudia Döffinger ihre rockige Seite und verblüffte mit progressivem Big-Band-Sound.

„Wir alle haben in der Silvesternacht ein eindrucksvolles Feuerspektakel über der Stadt erleben dürfen. Aber glauben Sie mir, das, was jetzt musikalisch auf Sie zukommt, ist erst das wahre Feuerwerk.“ So selbstbewusst begrüßte Moderator Markus Lichti am Montag die Gäste des traditionellen Gigs der „Blue Note Big Band“ am 1. Januar. Lichti sollte nicht übertrieben haben. Denn als sich das Orchester zwei Stunden später, nach gerade mal zehn gespielten Stücken, verabschiedete, wurde es mit nicht enden wollendem Beifall und stehenden Ovationen gefeiert. So enthusiastische Begeisterung hatte ein Auftritt des Klangkörpers in seiner Heimatstadt zuvor selten ausgelöst. Und das will etwas heißen, schließlich gilt die unter der Leitung von Bernd Gaudera stehende „BNBB“ als eines der besten Amateurorchester Deutschlands.

Ein irgendwie modernerer Sound

Nicht ganz schuldlos an dem überschäumenden Publikumszuspruch waren zwei Frauen, die den Sound der Band maßgeblich verändert hatten: Gastdirigentin Claudia Döffinger und Sängerin Angela Maria Reisinger, beide aus Köln kommend. Die „Blue Note“-Planer hatten die beiden eingeladen, ihren jährlich stattfindenden nachweihnachtlichen Workshop an der Landesmusikakademie Neuwied-Engers zu begleiten und anschließend auch beim „Jazz an Neujahr“-Gastspiel in Neustadt in verantwortungsvoller Position dabei zu sein. Gaudera überließ Döffinger dafür seinen Taktstock. Den hat er für Neujahrskonzerte schon öfter mal aus der Hand gegeben, diesmal aber erstmals an eine Frau.

Döffinger rechtfertigte das in sie gesetzte Vertrauen, mehr noch, sie brachte der Big Band sogar einen neuartigen, irgendwie moderneren Sound bei. Da waren zum einen ihre eigenen Werke, die vollgepackt waren mit schrägen Ideen und Ansätzen, und zum anderen ihre Neuarrangements von Fremdkompositionen, die sie nicht aus dem bekannten Jazz-Standardkatalog, sondern aus dem Bereich der Rockmusik ausgesucht hatte. Zu ihren persönlichen Favoriten in diesem Genre zählt die Gruppe „Steely Dan“ von der sie dem Repertoire mit „Jack Of Speed“ und „Pretzel Logic“ gleich zwei Songs hinzufügte.

Alles andere als „Mumpitz“

„Bei „Jack Of Speed“ gehe es um Drogen“, erzählte Döffinger. Natürlich stand sie selber nicht unter dem Einfluss irgendwelcher bewusstseinserweiternder Substanzen, war aber so auf ihre Arbeit fokussiert, dass sie bei ihren Anmoderationen auf lustige Weise manchmal ein wenig neben der Spur wirkte. Musik kann eben auch eine ganz normale Frau ab und zu ein bisschen „naturstoned“ erscheinen lassen. Den bluesigen Shuffle „Petzel Logic“ veredelte die herausragende Angela Maria Reisinger mit einem beeindruckenden Amy-Winehouse-Ausdruck in der Stimme. Es ist anzunehmen, dass „Steely Dan“-Sänger Donald Fagen sich 1974, als der Song veröffentlicht wurde, gewünscht hätte, über so ein Sangesorgan wie Reisinger zu verfügen, wenn er sie denn gekannt hätte. Unglaublich wie die geborene Österreicherin hier aufdrehte.

Aber mindestens ebenso viel Bewunderung hat an dieser Stelle „BNBB“-Gitarrist Thomas Jehle verdient. Der Mann, der sich sonst, auf einem Hocker sitzend und hinter seinem Notenständer verschanzt, gerne im Hintergrund hält, stand plötzlich auf und rockte den Saal, das es eine wahre Freude war, ihm zuzuschauen beziehungsweise zuzuhören. Überhaupt glänzten alle Solisten der „Blue Note Big Band“ bei ihren Alleingängen. Elf von insgesamt 17 Musikern des Orchesters bekamen die Chance, für einige Augenblicke die Aufmerksamkeit der Zuhörer einmal ganz für sich alleine in Anspruch nehmen zu dürfen, und sie alle nutzten sie gekonnt, um sich auszuzeichnen.

Die von Döffinger geschriebenen Stücke schienen aber auch wie geschaffen dafür. Meist überlang (deshalb auch nur zehn Songs auf der Spielliste), kompliziert arrangiert, und mit überraschenden Wendungen während des Ablaufs, boten sie ein hervorragendes Podium für die meisterlich auftretenden Orchestermusiker. Mit „Ich liebe blöde Wortspielereien“ erklärte Döffinger warum ihre Nummern Titel wie „White Note Exorcist“, „Urlaub in Lappalien“ oder „Mumpitz“ tragen. Was sie innerhalb weniger Tage aus der „Blue Note Big Band“ gemacht hat war jedoch alles andere als Mumpitz.

So enthusiastische Begeisterung hat ein Auftritt der „Blue Note Big Band“ in seiner Heimatstadt noch selten ausgelöst – ein Verd
So enthusiastische Begeisterung hat ein Auftritt der »Blue Note Big Band« in seiner Heimatstadt noch selten ausgelöst – ein Verdienst nicht zuletzt der unkonventionellen Gastdirigentin Claudia Döffinger.
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