Neustadt-Mussbach
„Mein Freund Harvey“ im Dramatischen Hoftheater
Ist man verrückt, wenn man mit einem 1,90 Meter großen weißen Hasen befreundet ist, den sonst niemand sehen kann, oder einfach nur fantasiebegabter als andere? Wer legt fest, was Realität ist, und ist die nicht manchmal ganz schön langweilig? Um diese Fragen geht es in der Komödie „Mein Freund Harvey“, gespielt vom Dramatischen Hoftheater, das am Samstag im Herrenhof Mussbach Premiere hatte.
Das Stück von Mary Chase wurde 1944 am Broadway uraufgeführt und war dort enorm erfolgreich, der Film von 1950 mit James Stewart in der Hauptrolle fast noch erfolgreicher.
Elwood P. Dowd, in Mussbach gespielt von Andreas Kelly, ist ein freundlicher, stets gutgelaunter Junggeselle mittleren Alters, der jedermann zu einem Drink – oder mehreren – in die Bar einlädt oder zum Essen zu sich nach Hause, auch wenn er denjenigen gerade eben erst kennengelernt hat. Frauen macht er nette Komplimente oder schenkt ihnen Blumen, einfach so.
Nur Elwood sieht den Hasen
Der „Running Gag“ des Stücks ist, dass er jedem seine Visitenkarte zusteckt mit der Einladung, ihn doch zu besuchen oder anzurufen. Er bringt gerne seinen Freund Harvey mit und stellt ihn vor. Nur: Niemand außer ihm kann Harvey sehen, einen 1,90 Meter großen weißen Hasen, mit dem er so selbstverständlich umgeht wie mit irgendeinem menschlichen Freund. Harvey, erklärt er, ist ein Puka. Das sind Geschöpfe aus der irischen Anderswelt – Mary Chase war die Tochter irischer Einwanderer – die in Tiergestalt auftreten und gerne Schabernack treiben, aber im Grunde eher harmlos sind. In Irland kapern sie in Pferdegestalt gelegentlich einen harmlosen Wanderer zu einem wilden Ritt, um ihn im Dornengestrüpp abzuwerfen und unter schallendem Gelächter zu verschwinden.
Warum also nicht ein weißer Hase im Smoking in New York? Elwoods verwitwete Schwester Veta Louise Simmons (Christina Jakobs), die mit ihrer Tochter Myrtle Mae (Marie Wecker) mit ihm in seinem Haus lebt, erschreckt dieser eingebildete Freund jedoch maßlos. Deren einziges Interesse scheint zu sein, in der „guten Gesellschaft“ angesehen zu werden und dort einen Mann für ihre Tochter zu finden. Ein Onkel, der mit einem weißen unsichtbaren Hasen auf ihrer Gesellschaft erscheint, ist diesem Plan nicht förderlich und bringt sie an den Rand der Hysterie.
Pläne gehen nach hinten los
Sie entschließt sich, nicht ohne innere Skrupel, ihren Bruder in eine psychiatrische Privatklinik einweisen zu lassen, geleitet vom Psychiater William R. Chumley (Markus Mohr). Dort beherrscht sein Assistent Dr. Sanderson (Lucas Müller) die Szene, der glühend von Oberschwester Ruth (Anna Kahlenberger) angehimmelt wird, einer blonden Marilyn-Monroe-Nachfolgerin mit schwingenden Hüften im weißen Mini-Schwesternkittel. Die Pläne von Veta Louise gehen jedoch nach hinten los und es entsteht ein heilloses Chaos. Dr. Sanderson glaubt, Veta Louise sei die hysterische Patientin und lässt sie vom kräftig gebauten Krankenpfleger Wilson (Guntram Raquet) mit Gewalt in ein Patientenzimmer schleppen, wobei diese umso unsicherer wird, wer nun den weißen Hasen sieht, sie oder ihr Bruder.
Auch Dr. Chumley erwärmt sich immer mehr für Harvey, der, wie Elwood erzählt, die Fähigkeit hat, jemanden an einen anderen Ort zu bringen. Chumley, mit zitterndem Kinn am Rande eines Burnout und mit einer Ehefrau (Cynthia Kelly, die ihn zu Cocktailgesellschaften drängt, sehnt sich nach einem friedlichen Ort, wo er gar nichts tun muss.
Verteilte Visitenkarten
Einzig Elwood spaziert unbeeindruckt und freundlich wie immer durch das Chaos und verteilt Visitenkarten, während er nach seinem Freund Harvey sucht. Ein Hut taucht auf, mit zwei Löchern, wo Hasenohren sitzen, keiner weiß, wem er gehört. In einem großen Spiegel im Bühnenbild taucht gelegentlich, neben anderen Bildern, auch das eines weißen Hasen im Abendanzug auf. Am Schluss löst sich alles in Wohlgefallen auf, wie es sich für eine Komödie gehört: Veta Louise akzeptiert ihren Bruder samt Harvey, Oberschwester Ruth bekommt ihren Dr. Sanderson, und Wilson bekundet auffallendes Interesse an Myrtle Mae.
Wie Elwood sagt: „Ich habe mich vierzig Jahre mit der Wirklichkeit herumgeschlagen, aber ich bin glücklich, dass ich sie schließlich untergekriegt habe“. Und der Taxifahrer, der Veta Louise zum Krankenhaus gebracht hat (Dietmar Walter in einer Doppelrolle auch als Anwalt), weiß: „Bei der Hinfahrt sind die Patienten fröhlich, bei der Rückfahrt wieder normal und damit mißmutig und übel gelaunt.“ Auch die optische Ausstattung (Bühnenbild und Kostüme: Andreas Kelly und Markus Mohr) betont Poesie und Fröhlichkeit: Inmitten des eleganten Schwarz-Weiß von Bühnenbild und Kostümen prangt Elwood als Farbfleck im knallrot karierten Anzug.
Info
Weitere Aufführungen am Freitag, 29. April, Samstag, 30. April, Sonntag, 1. Mai, Freitag, 6. Mai, Samstag, 7. Mai. Kartenvorverkauf: Tabak-Weiss, Hauptstraße 61, Neustadt, Telefon 06321 2942, www.reservix.de sowie Reservix-Vorverkaufsstellen.