Neustadt Machtzentrum Kirrweiler

In der Feudalzeit ein bedeutender Ort: Kirrweiler.
In der Feudalzeit ein bedeutender Ort: Kirrweiler.

Der Landkreis Südliche Weinstraße feiert 2019 sein 50-jähriges Bestehen. Ein Anlass zum Blick zurück in die Geschichte. Denn zu Feudalzeiten entsprach Kirrweiler dem Sitz einer heutigen Kreisverwaltung.

Der mit Türmen, Gräben und Palisadenzaun befestigte Marktflecken war bis 1798 – bis zur Auflösung des Hochstifts – Sommerresidenz der Fürstbischöfe von Speyer und als Oberamt ein übergeordnetes Verwaltungszentrum für die Ämter Deidesheim, Edesheim und Marientraut. Im Pfälzischen Erbfolgekrieg war die heute beschauliche Weinbaugemeinde sogar weltlicher Regierungssitz. In der Zeit befand sich auch das beim Dombrand 1689 gerettete wundertätige Gnadenbild der Patrona Spirensis in Kirrweiler. Daher der Name Marienburg für die Residenz der Fürstbischöfe und deshalb auch „Terram Sanctam“. Der Segen ruht heute auf den Kellerkindern von Markus Schwaab. Sein Weingut steht auf geweihter Erde, auf den Grundfesten der Bischofsburg. Besatz und Belagerung ziehen sich durch Kirrweilers Historie. Damit kamen aber auch interessante Persönlichkeiten in den Ort: Kurfürst Karl Ludwig, Vater der Liselotte, schrieb seiner Frau Briefe aus dem Feldlager vor Kirrweiler und er beschlagnahmte 1666 den Wein im fürstbischöflichen Zehntkeller (jetzt Weingut Schlössel). Prinz Louis Ferdinand kurierte im Schloss eine Kriegsverletzung aus, der legendäre Blücher wurde in Kirrweiler sogar zum General. Die Verwaltung war zuständig für ein Gebiet vom Rhein bis zum Pfälzerwald. Deidesheim und Waldsee gehörten ebenso in den Beritt wie Römerberg und Roschbach. In der kleinen Residenz wirkten auch Kunstschaffende im sakralen Bereich. Die berühmte Glockengießerei Speck (Heidelberg) war über drei Generationen erst in Kirrweiler ansässig. Aus Nauziders/Voralberg kamen die Altarbauer Matt, begründeten hier eine Werkstätte. Nicht zuletzt lebte und wirkte ein Zweig der Orgelbauer-Dynastie Seuffert in der kleinen Residenz. Feiert der Landkreis 50 Jahre, bedeutet das auch eine Erfolgsstory im Weinbau. Aus Kirrweiler ergingen sogar präzise Anordnungen für den Weinbau. Fürstbischof Hutten, der unter anderem die barocke Pfarrkirche erbauen ließ, verbot den leibeigenen Weinbauern, mehr als zwei Ruten auf die Rebe zu schneiden. Auch verordnete und förderte der geistliche und weltliche Herr den Anbau der Rebsorten Silvaner, Traminer und Muskateller. Noch vor seiner Zeit beschrieb Liselotte von der Pfalz den „runden Kyrweilerer“. Solcher füllte einst das große Fass im Heidelberger Schloss – und zuletzt 2011 den Speyerer Domnapf aus Anlass des Jubiläums der Domweihe. In Kirrweiler drehte sich die erste Kelter der Region. Im Zehntkeller soll auch erstmals ein Wein filtriert worden sein – indem ein findiger Kellermeister seinen Filzhut als Filter benutzt haben soll. Der Landkreis Südliche Weinstraße ist ein besonderer Landstrich. Von „felix regionem“ sollen die Römer gesprochen, wenn es um die Südpfalz ging. Doch nur ein Wimpernschlag der Geschichte – und der Landkreis wäre nie entstanden. Wäre Napoleon damals auf Elba geblieben, hätte der Enkel von Winzern sich auf seiner Insel weiter dem Weinbau gewidmet (was er binnen kurzer Zeit mit nachhaltigem Erfolg tat), wären die Bewohner südlich von Landau heute allesamt Franzosen – denn der erste Pariser Friede hatte die Queich als Grenze gezogen.

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