Neustadt „Macht ist begrenzt“
«Göcklingen.» Herr Hoffmann, betrachten Sie Ihre Mission als erfüllt? Jawohl. Obwohl Sie ohne ein konkretes Ergebnis nach Hause gefahren sind? Ich bin natürlich nicht bekloppt und denke, ich fahre nach Berlin und verändere damit gleich die ganze Welt. Aber die Diskussion ist losgetreten. Das war mein Ziel. Bei Facebook wurden Sie wegen Ihrer Aktion als Witzfigur bezeichnet. Richtig. Das kam von einem Landmaschinenmechaniker aus der Pfalz. Ich wurde zudem mit Aussagen wie „was will denn ein Einzelner ausrichten“ konfrontiert. Aber wie gesagt, das System Landwirtschaft kann man nicht von heute auf morgen ändern. Darum ging es mir auch nicht. Sondern um die Diskussion darüber. Und was sagten die gut ein Dutzend Landwirte, die Sie unterwegs trafen? Dass ein Wandel nötig sei, das hat sich von Göcklingen bis nach Berlin durchgezogen. An einer Imbissbude in Thüringen, wo wir rasteten, kam ich mit einem Einheimischen ins Plaudern. Es stellte sich heraus, dass er vor der Wende Viehbauer war. Er sagte, dass die deutsche Landwirtschaft im Sterben liegt. Denn, wenn der Verbraucher lieber nach Billigware aus dem Ausland greift, warum sollen wir dann deutsche Produkte produzieren? Es gibt Familien, die müssen auf ihr Geld achten. Klar gibt es die. Und ich verstehe ihre Not. Aber wenn wir einen Mindestlohn von zwölf bis 15 Euro hätten, dann wären die Familien als auch die kleinen landwirtschaftlichen Betriebe finanziell bessergestellt. Wissen Sie, es wird tagelang darüber geredet, wie toll der FC Bayern München gewonnen hat. Aber über Essen wird kaum gesprochen. Wichtig sind Brot und Spiele. Aber das Brot muss günstig sein. Da muss ein Umdenken her. Politiker und Verbraucher sind also gleichermaßen gefordert, wenn es darum geht, kleine Landwirtschaftsbetriebe zu bewahren? So sieht es aus. Ohne die Verbraucher ist der Aufwand unnötig. Ihnen muss klar werden, dass hinter jedem Produkt Menschen stecken, die vernünftig entlohnt werden wollen. Wie aber bekommt man das in die Köpfe der Leute? Ich habe schon zu Staatssekretär Michael Stübgen gesagt, dass es an Schulen viel mehr Bildungsarbeit zum Thema Lebensmittel geben müsste. Dazu gehören meiner Meinung nach Exkursionen zu unterschiedlichen Bauern. Die Leute müssen begreifen, wie lange es dauert, bis ein Produkt produziert ist. Ich hoffe, dass ich durch meine Aktion wenigsten ein paar Menschen erreicht habe, die im Supermarkt anstatt nach den israelischen Bio-Karotten künftig nach den deutschen greifen. Im Ausland angebaut, nach Deutschland geflogen oder verschifft — das hat nichts mehr mit Umwelt zu tun. Zwischenfrage: Wie verträgt sich eine 800-Kilometer-Traktorfahrt mit der Umwelt? Würde ich mit Flugzeug, Auto oder Bahn fahren, wüsste auch jemand was dagegen. Mit dem großen Traktor wollte ich Aufmerksamkeit erregen. Ja, ich habe Diesel verbraucht. Aber ich habe auch noch keinen Biowinzer gefunden, der mit dem Pferd unterwegs ist. Zurück zu Herrn Stübgen — was sagte er zu Ihrer Mahnung, dass billige Auslandsprodukte deutsche Landwirte zerstören? Im Ministerium wurde auf die freie Marktwirtschaft und den Binnenmarkt verwiesen. Auch wurde betont, dass landwirtschaftliche Betriebe durch Subventionen geschützt werden. Ich lehne solche Förderungsgelder auf Dauer ab. Sie halten das Höfesterben nicht auf. Stattdessen fordere ich: Gebt den Bauern von vornherein das Geld, das sie verdienen. Was denken Sie, ist das Landwirtschaftsministerium blind auf diesem Auge? Die Menschen, die dort arbeiten, sehen das schon. Aber ich habe den Eindruck, einige stehen mit dem Rücken zur Wand. Es kommt wahnsinnig viel von der Europäischen Union, die mit Strafen droht. Etwa bei der geplanten Verschärfung der Düngeverordnung. Die muss in Deutschland durchgeboxt werden, egal wie. Die Macht des Ministeriums scheint mir durch die EU begrenzt. Aber es soll Landwirte geben, die mit ihrem Traktor auch nach Brüssel fahren. Sagen Sie bloß, Sie stehen schon wieder in den Startlöchern? Von Göcklingen nach Brüssel über Landstraße sind es 405 Kilometer, das würde ich sogar in drei Tagen schaffen (lacht). Aber jetzt lassen wir die Dinge erst einmal laufen, dann sehen wir weiter. Sie haben gesagt, dass im Ministerium Praktiker fehlen. Wäre das nicht ein Job für Sie? Ich bringe mich gerne ein, aber Berufspolitiker möchte ich nicht werden. Ich brauche mein Feld, meine Familie, meine Pfalz. In Berlin würde ich krank werden. Sind Sie eigentlich sehr enttäuscht über den Korb, den Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner Ihnen gegeben hat? Die größte Enttäuschung war das Bundesumweltministerium, von denen ich absolut gar nichts gehört habe. Frau Klöckner hat wenigstens abgesagt. Ich habe aber noch einmal deutlich gemacht, dass ich mich sehr über ein persönliches Gespräch freuen würde.