Neustadt
„Machen Sie es wie Markus Söder“: Kabarettist Martin Zingsheim bei der „Reblaus“
Kabarett lebt vom Überraschungsmoment. Schon, wenn man nur diesen Maßstab anlegt, war der Kleinkunst-Abend mit Martin Zingsheim am Donnerstag in der Gimmeldinger Meerspinnhalle ein großer. Denn man ahnt bei dem Kölner, wenn er erst einmal anfängt, nie, worauf es hinausläuft.
Und was für eine Vielzahl an Themen der 41-Jährige in sein Zweieinhalb-Stunden-Programm (mit Pause) packt! Es beginnt zum Beispiel mit der Kultur („Ist ein bisschen wie Händewaschen: nervt, aber wegen des sozialen Drucks macht man es trotzdem“), schwenkt dann über den Unterschied zwischen dem völlig schmerzfreien Kölner Publikum und dem anspruchsvollen Neustadter zu den Konditionen seines Gastspielvertrags („Honorierung erfolgt unabhängig vom Erfolg beim Publikum“), liefert im Anschluss eine Art „Lexikon des unnötigen Wissens“ (Kostprobe: „Skorpione mit Verstopfung paaren sich weniger“), um von da ganz naheliegend zu Kindern zu kommen – Zingsheim selbst hat vier, dafür aber keine Haustiere („Es ist ja auch keine Leine mehr frei“). Vom CO 2 -Fußabdruck jeden neuen Erdenbürgers geht es zu Adam und Eva und einem Plädoyer für das Eigenheim („Schon die ersten Menschen hatten Ärger mit dem Vermieter“) und von dort zu den epochalen Umbrüchen der Menschheitsgeschichte („Kopernikus, Darwin, Freud, Quantenmechanik, Kernspaltung, Florian Silbereisen“) und zur KI, die auch bei immer mehr Alltagsgeräten zum Einsatz kommt und zudem um eine emotionale Komponente ergänzt wird („Dann können Sie alle zwei Wochen mit dem künstlich intelligenten Toaster zur Paartherapie“). Eine Betrachtung zum allumfassenden Angebot bei Tchibo, wo man selbst Dinge wie einen Scheibenwischblattnachschneider bekommen kann, schließt das Eingangsset, von dem hier freilich nur wiedergegeben ist, was der Reporter in der Schnelle aufschreiben konnte. Auf den ersten Blick wirkt das alles wie eine Gag- oder Kalauerparade, erst auf den zweiten offenbart es seine Tiefgründigkeit. Lustig ist es ohnehin.
Die besondere Freude der Deutschen am Scheitern
Der erste Song greift dann den Programmtitel auf: „Irgendwas mach ich falsch“. Er zeigt mit seiner Auflistung von Dingen, die im Alltag schiefgehen können – „Statt das Kind sich selbst ins Bett gebracht“, „Die neue Nachtcrème tagsüber drauf gemacht“, „Beim Inder nicht an die Linsenallergie gedacht“) –, was für ein genauer Beobachter Zingsheim ist, und was für ein virtuoser Sprachkünstler noch dazu. Dafür stehen auch alle weiteren Lieder, bei denen sich der promovierte Musikwissenschaftler (Thema der Doktorarbeit: Karlheinz Stockhausens Intuitive Musik) jeweils lässig selbst am Klavier begleitet. Die Krönung ist hier ein Beitrag zu der im Deutschen schon sprachlich vorgeprägten Freude am Scheitern, der mit Begriffen wie Fehler, Fehlleistung, Fehlbetrag oder Missverständnis, Missverhalten, Miss Sachsen-Anhalt spielt.
Von der Kompetenztapete zur Über-Akademisierung
Sozialkritisches Politkabarett bietet Zingsheim nicht, aber er hat einen feinen Blick für gesellschaftliche Zusammenhänge und modische Zeitphänomene – das reicht von der lückenlosen Bücherwand, die bei Experten-Interviews im Fernsehen usus ist (im Jargon der TV-Macher: Kompetenztapete), bis zur Über-Akademisierung, die er im Song „Wir brauchen Handwerker“ aufgreift. Ein bisschen politisch wird es hie und da aber doch – etwa, wenn er im Lied „Ja, nein, vielleicht“ den Stress schildert, sich zu allem positionieren zu müssen, obwohl, wie er schon vorher ausgeführt hatte, das Grundproblem der Menschheit darin bestehe, „dass wir von fast allem fast nichts wissen“. Mag man da vielleicht auch zwischen Verbrenner und E-Motor, Investieren und Sparen, Konservativismus und Veränderungswunsch hin- und hertaumeln – in einem Punkt gibt es kein Vertun: Bei „Mal bei der AfD sein Kreuz machen“ gilt ein klares Nö! Sehr praxistauglich ist im Zusammenhang mit dem Eine-Meinung-haben-Müssen, obwohl man gar keine Lust dazu hat, sein Tipp: „Machen Sie es wie Markus Söder, vertreten Sie einfach alle, nur abwechselnd.“
Arie mit Rotzgeräuschen
Das Publikum in der Meerspinnhalle, das an diesem Abend wegen seines hohen Altersdurchschnitts auch die ein oder andere sanfte Stichelei zu hören bekommt, geht bei dem Programm mächtig mit. Bei der Zugabe, die es sich zum Schluss erklatscht, verrät Zingsheim die Lebensträume, die er als Jugendlicher hatte. Mit der Schauspielerkarriere wurde es nichts, weil es allenfalls für „Akne X“ gereicht hätte, eine Laufbahn als Countertenor scheiterte an Nasennebenhöhlen-Problemen. Doch für das Neustadter Publikum wagt er es nun doch und stimmt mit Fistelstimme eine englische Arie aus dem elisabethanischen Zeitalter an (oder etwas, was zumindest so klingt). Weil das wegen der verschleimten Atemwege von ständigen Rotzgeräuschen unterbrochen wird, bleibt spätestens hier kein Auge mehr trocken.
Mit dem Gastspiel des Kölner Kabarettisten feierte der Neustadter Kleinkunstverein „Die Reblaus“ den Jahresabschluss im 40. Jahr seines Bestehens. Eine Jubiläumsfeier hat es bei dem Verein, mit dessen Weiter-Existenz es bekanntermaßen zwischenzeitlich Spitz auf Knopf stand, 2025 nicht gegeben. Dafür aber hat man sich selbst und dem Publikum mit dem Engagement Martin Zingsheims ein sehr schönes vorweihnachtliches Geschenk beschert!