Neustadt Leicht kann schließlich jeder
«Neustadt-Hambach.» Dvorak, Brahms und Schumann – mit einem musikalisch sehr attraktiven und anspruchsvollen Programm gelang es dem Sinfonieorchester Neustadt unter Leitung von Jürgen Weisser und der Solistin des Abends, Jeanette Pitkevica an der Violine, die Hambacher Pauluskirche am Samstag bis auf den letzten Platz zu füllen. Das Publikum feierte die Musikerinnen und Musiker für eine beeindruckende Leistung mit tosendem Schlussapplaus. Besonders Schumanns 4. Sinfonie geriet klanglich prächtig.
Das hätte sich das Amateurorchester wahrlich leichter machen können! Aber leicht kann schließlich jeder, hatte sich wohl Jürgen Weisser gedacht, als die drei Werke des Abends auserkoren wurden. Und so stellte sich das Orchester den Herausforderungen des Programms furchtlos, aber mit Konzentration. Allein schon dafür verdient es Respekt! Dvoraks Ouvertüre zur leider heute von den Spielplänen verschwundenen Oper „Wanda“ op. 25 kommt so daher, wie man die orchestrale Musik des großen Böhmen kennt: schwungvoll, prall im Ton und abwechslungsreich. Dynamik und unterschiedliche Tempi beleuchten verschiedene Stimmungen, die die hochdramatische Handlung der Oper nachzeichnen. Und so ging es auch gleich saftig los. Weisser hielt die Tempi beisammen und leitete souverän ohne Attitüde. Zu Anfang waren noch ein wenig die Nerven im Spiel, etwa als das Blech mal ein bisschen zu früh einsetzte. Geschenkt! So was kann passieren. Außerdem kam erschwerend hinzu, dass die Kirche zu Beginn doch reichlich kühl war. Ein Orchestermitglied saß sogar mit Jacke auf der „Bühne“. Wer schon einmal mit kalten Händen musiziert hat, weiß, zu welchen Problemen das führen kann. Schon recht früh kam auch ein anderer Aspekt des Abends zum Vorschein: Die Akustik der Pauluskirche verstärkte die hinten in der Apsis sitzenden Blechbläser überproportional. Die bekamen damit ein klangliches Übergewicht, das manchmal opulent, manchmal störend wirkte. Bei Dvorak schadete die prächtige Bläserpräsenz nicht, sondern machte das Ganze noch brausender und beeindruckender. Beim folgenden Violinkonzert op. 120 D-Dur von Johannes Brahms wirkte der Effekt eher negativ. Das Konzert, das den Zeitgenossen als unspielbar galt – es sei weniger „für“ als „gegen die Violine“ geschrieben, sagte der Dirigent Hans von Bülow – ist technisch und interpretatorisch äußerst anspruchsvoll. Mit seiner Konzertmeisterin Jeanette Pitkevica hatte das Neustadter Sinfonieorchester aber eine Solistin, die ihre Routine souverän ausspielte. Obwohl mit Noten ausgestattet, blickte sie kaum in die Partitur und ließ ihrem Spiel lieber freien Lauf. Mit kräftigem Ton und sehr zarten Pianopassagen leuchtete sie das Konzert aus und differenzierte klar zwischen Soli und Passagen, in denen die Violine zwar vor dem Orchester steht, aber in den Gesamtklang eingebunden ist. Brahms hat hier wie auch in seinen beiden Klavierkonzerten das Soloinstrument gleichsam ins Orchester verwoben. Pitkevica kostete die Reibungen im Kopfsatz regelrecht aus, ehe sie mit viel Schmelz im Ton in die süßliche Kantilene am Ende des Satzes einbog. Leider war hier die hinreißende Violinstimme bisweilen verschwunden, weil sich das Blech von hinten zu heftig durchsetzte. Die Solistin ließ sich davon nicht zu vordringlicherem Spiel verleiten. So musste man in Tutti-Passagen manchmal die Solostimme erahnen. Auch im Schlusssatz blieb sie bei ihrem Konzept und spielte nuanciert von zart bis rabiat. In diesem Rondo-Satz passte der Orchesterklang wieder besser, weil das Hauptthema ein ungarischer Tanz ist, der der Musik eine effektvolle Dynamik gibt. Die Solistin bekam großen Applaus und erfreute das Publikum mit eine Zugabe. Natürlich Bach, natürlich Solosuiten! Schließlich ging das Programm mit Schumanns Vierter op. 120 d-Moll zu Ende. Diese Sinfonie sollte eigentlich einsätzig werden und war zunächst mit „Sinfonische Fantasie“ betitelt. Nach zahlreichen Überarbeitungen bekam sie die Ordnungszahl vier der Sinfonien, obwohl sie eigentlich früher als die zweite und dritte entstand. Interessant sind hier die satzüberschreitenden Themen, die auf die geplante Einsätzigkeit hinweisen. Schumanns Sinfonie lag dem nunmehr komplett warmgespielten Ensemble am besten! Die Musik pulsierte, hier passte das hochpräsente Blech hervorragend in das Klangbild. Und wenn es mal läuft, läuft es richtig: Dirigent Weisser ließ es am Ende mit einem rasanten Accelerando förmlich krachen. Da nahm der Klangkörper noch mal ordentlich Fahrt auf, um mit einer mächtigen Coda und einem satten Schlussakkord das Programm zu beenden. Das Publikum bedankte sich mit einem ebensolchen Applaus.