Zeitungsgeschichte
Konkurrenz für die „Neustadter Zeitung“
Am 13. Januar 1933 erreichte das Bürgermeisteramt ein von mehreren Neustadtern unterzeichnetes Schreiben mit dem Betreff „Ruhestörung“. „Es dürfte Ihnen nicht entgangen sein, dass bei der Pfälzischen Bürgerzeitung seit 2. Januar eine Frühausgabe erscheint. Die Druckereimaschinen werden dieserhalb morgens schon gegen 2 Uhr in Betrieb gesetzt. Sobald dieser Lärm einsetzt, ist die Nachtruhe bezw. der Schlaf erledigt.“
Die Aktiendruckerei befand sich mitten in der Stadt in der Turmstraße 11 – 13. Die Gebäude existieren heute nicht mehr. Sie standen gegenüber des alten Karstadt-Gebäudes, ungefähr mittig zwischen dem Restaurant Poseidon und der Diskothek Musikwerkstatt. Seit Beginn des Jahres 1933 wurden in den Räumen der Aktiendruckerei zwei Zeitungen mit je zwei Ausgaben pro Tag gedruckt. Dabei handelte es sich um die Pfälzische Bürgerzeitung und die Nationalsozialistische Zeitung NSZ-Rheinfront. Auf der Rückseite des Anschreibens vermerkte dazu die Polizei: „Hierbei wird jede Nacht gearbeitet und fahren Morgens um 4 Uhr schon die Autos an, um die in der Nacht fertiggestellten Zeitungen nach auswärts zu verbringen.“
Aktien für die Gründer
Bevor die Nachtschichten der Aktiendruckerei zu einem Nachbarschaftsstreit führten, druckte die Gesellschaft bereits über viele Jahre ihre Tageszeitung. Nachdem Trautmann und Kranzbühler mit der Neustadter Zeitung mehr als 40 Jahre lang das einzige Tagesblatt der Stadt verlegt hatten, kam ab 1873 Konkurrenz auf. Zum 1. Januar desselben Jahres erschien die Neue Bürger-Zeitung der damals neu gegründeten „Aktiendruckerei und Verlag der Neuen Bürger-Zeitung“. Die Firma formierte sich als Aktiengesellschaft unter dem Vorsitz von Ferdinand Heckel. Alle Gründungsmitglieder erhielten Aktien, das Stück zu je 50 Mark. Gelegentlich ist auch die Rede von der Akzidenz-Druckerei. Der Betrieb hat neben der Tageszeitung auch sogenannte Akzidenzen gedruckt. Damit sind Drucksachen von geringem Umfang gemeint – zum Beispiel Prospekte, Broschüren, Flugblätter oder Visitenkarten. Der Verlag publizierte ebenfalls Bücher der Neustadter Dichterin Lina Staab und des Pfälzer Mundartdichters Friedrich Dacqué sowie geschichtliche Abhandlungen.
Ein Zeitungskrieg
Die Neue Bürger-Zeitung erschien täglich mit einem Unterhaltungsblatt als Beilage. Verantwortlicher Redakteur war mehr als zehn Jahre Alexander Olinda. 1890 übernahm Paul Baader von der Frankfurter Zeitung die Redaktion. Unter Olinda brach ein wahrer Zeitungskrieg mit Daniel Kranzbühler von der Neustadter Zeitung aus. Sie wurden zu politischen Widersachern und nahmen sich und ihre Einstellungen in diversen Artikeln auseinander. Vermutlich mit dem neuen Direktor Carl Bockfeld wurde 1910 aus der Neuen Bürger-Zeitung die Pfälzische Bürgerzeitung. Mit ihr wurde auch das Repertoire der Beilagen vergrößert. Neu hinzu kamen Landwirtschaftliche Blätter und „Die Welt in Wort und Bild“. Mitte der 1920er Jahre versuchte sich der Verlag im politischen Milieu und publizierte den „Pfälzer Demokrat“. Das partei-amtliche Wochenblatt des Pfälzischen Landesverbandes der Deutschen Demokratischen Partei wurde nach knapp zwei Jahren wieder eingestellt.
Die Aktiendruckerei hatte in den 1920er-Jahren mit der politischen und wirtschaftlichen Situation zu kämpfen. Im März 1923 wurde die Zeitung für einen Monat „ohne Angabe von Gründen“ verboten, wie der Direktor in einem Schreiben an seine Kunden formulierte. Vermutlich stand das Zeitungsverbot mit der Situation unter den französischen Besatzern und dem damaligen passiven Widerstand in Zusammenhang. Die Sorge um das Personal der Aktiendruckerei veranlasste Bockfeld, seine Kunden nach anderweitigen Druckaufträgen zu fragen.
Viele Auflagen
Er schrieb: „Wir bitten Sie, uns die Durchhaltung des in jahrelanger, mit uns eng verbundenen Personals zu erleichtern, indem Sie Ihre Drucksachenvorräte einer Prüfung auf Ergänzungsbedürftigkeit unterziehen.“ Bedingt durch die Hyperinflation im November 1923 sah sich die Aktiendruckerei dieses Mal selbst gezwungen, den Zeitungsbetrieb einzustellen. In einem Brief an Kunden der Druckerei erklärte Bockfeld, „daß wir unsern Zeitungsbetrieb der unerschwinglich hohen Betriebskosten halber bis zur Wiederkehr geordneter Wirtschaftszustände stillgelegt haben“.
Die Anzeige wegen Lärmbelästigung der Anwohner konnte die Aktiendruckerei in Absprache mit dem Gewerbeaufsichtsamt abwehren. Dem Betrieb wurde zur Auflage gemacht, dass Fenster und Türen, die zur Straße hin lagen, geschlossen bleiben mussten. Außerdem hatte der Verlag zugesagt, dass eine neue Maschine aufgestellt würde, so dass der Druck weniger Lärm produzierte.
Ab Anfang der 1930er-Jahre wurde die nationalsozialistische Zeitung Rheinfront in der Aktiendruckerei in Neustadt gedruckt. Der NSZ-Verlag als Herausgeber der Rheinfront war zunächst eine Abteilung der Aktiendruckerei.
1933 wurde die Pfälzische Bürgerzeitung eingestellt. Die NSZ-Rheinfront sowie deren Nachfolgerin NSZ-Rheinfront Ausgabe Süd wurden bis 1940 verlegt. Dem Wertpapierantiquariat aktiensammler.de zufolge soll sich die Aktiendruckerei im gleichen Jahr aufgelöst haben.