Neustadt
Keke Rosberg, der Türöffner fürs Team Rosberg in Neustadt
Interview: Das Team Rosberg feiert in diesem Herbst sein 25-jähriges Bestehen. Im Exklusiv-Interview für die RHEINPFALZ in Neustadt erzählt Gründer und Eigentümer Keke Rosberg, mittlerweile 70 Jahre alt, über die Anfänge und warum das Team in Neustadt gelandet ist. Seine schwierigste Entscheidung hat der Formel-1-Weltmeister von 1982 übrigens Ende 2005 fällen müssen.
Herr Rosberg, was halten Sie als Mann mit Benzin im Blut von der Elektromobilität und als ehemaliger Formel-1-Weltmeister vom autonomen Fahren?
Momentan haben wir einen Hype. Einen Hype um eine gute Sache. Wir wollen allerdings die Welt mit weniger CO2-Ausstoß in zwei Wochen retten. Das werden wir nicht schaffen. Wir stürzen die Automobilindustrie, die Schlüsselindustrie in Deutschland, in eine komplett unbekannte Zukunft.
Aber wir können nicht so weiterleben.
Da stimme ich Ihnen zu. Wir leben momentan in einer turbulenten Zeit. Aber es ist auch nicht so, dass sich nichts geändert hat. Wir haben in den vergangenen 15, 20 Jahren wahnsinnig viel geändert. Die Dieselhysterie ist unerklärlich. Ich verfolge sie mit einem lachenden und einem weinenden Auge und verstehe sie nicht. Die Elektroautohysterie ist genauso schlimm, denn wir haben dafür nicht genügend Strom.
Was hat den Rennfahrer Keke Rosberg vor 25 Jahren bewogen, einen eigenen Rennstall zu gründen?
Meine Karriere als Fahrer neigte sich dem Ende entgegen. Da war ein eigenes Team die einzige Art und Weise, wie man auch danach noch dabei sein konnte.
Aber Ihre Laufbahn hatten Sie doch noch nicht beendet. In den ersten Jahren sind Sie selbst noch gefahren.
Ich bin tatsächlich mit Klaus Ludwig das erste Jahr gefahren. Für das Team waren die beiden prominenten Fahrern Ludwig und Rosberg ein guter Einstand.
Wie lange hat die Umsetzung von der Idee bis zum ersten Rennen gedauert?
Maßgeblich war die Zusage von Opel, dass wir ein DTM-Team werden können. Danach ist dann alles andere schnell erfolgt.
Wie kamen Sie auf den Standort Neustadt?
Durch Bernd Fischer, den damaligen Inhaber der Firma CNC Fischer. Als ehemaliger Rennfahrer hat er Teile für alle Hersteller gebaut. Er war die neutrale Anlaufstation im Fahrerlager, bei dem sich alle getroffen haben. Es war tragisch, dass Bernd bei einem Autounfall gestorben ist, bevor wir gestartet sind.
Das war gleich zum Start ein Tiefschlag. An welche Höhen und Tiefen erinnern Sie sich noch?
Es ging mit der DTM damals hoch und runter. Als 1996 die DTM plötzlich weg war, sind wir mit Nissan bei den Super-Tourenwagen weitergefahren. Das war kein vollwertiger Ersatz für die DTM. Aber es war zu der Zeit die beste Rennserie in Deutschland.
Als die DTM im Jahr 2000 wieder zurückkam, war für Sie klar, dass das Team Rosberg erneut dabei sein muss?
Ja. Damals hatte bereits Arno Zensen als Teamchef die Zügel in der Hand. Ich war nur noch im Hintergrund tätig. Klar war ich mit meiner Historie die Galionsfigur nach außen hin.
Würden Sie die vergangenen Jahre mit den Titeln von René Rast und den Siegen in der Teamwertung als die erfolgreichsten bezeichnen?
Ja, das kann man so schon sagen.
Sicherlich hat es dem Team geholfen, die eine oder andere Türe zu öffnen, wenn Sie angeklopft haben.
Das war meine eigentliche Aufgabe.
Was waren die schwierigsten Entscheidungen, die Sie treffen mussten?
Nicht leicht gefallen ist uns die Entscheidung Ende 2005 mit dem Formelsport aufzuhören. Wir waren ja in der Formel BMW und der Formel 3 dabei.
War dieses Engagement nicht auf Ihren Sohn Nico ausgerichtet?
Nein, das war überhaupt nicht wegen Nico. Er war nur zufälligerweise ein Fahrer bei uns. So würde ich das beschreiben. Aber in einem so großen Team wie dem Team Rosberg war es einfach schwierig, den kleinen Formelsport zu machen. Für so etwas sind wir eine zu teure Organisation. Irgendwann mussten wir einsehen, dass das keinen Sinn ergibt. Dies war für mich mehr als für alle anderen die schwerste Entscheidung. Ich hätte gerne weiter Formelsport betrieben.
Weil Ihr Herz mehr für den Formelsport schlägt?
Ja, schon ein bisschen. Irgendwann war es klar, dass der Formelsport nicht in unser Konzept passt.
Wie hat sich Ihre Arbeit für das Team verändert?
Allein wegen meines Alters hat sich das geändert. Vor sechs oder sieben Jahren habe ich aus China einen Virus mitgebracht und war zwei Jahre ziemlich lädiert. Da war schnell klar, dass ich nicht mehr dieselbe Rolle würde spielen können wie davor.
Und hat sich die Arbeit im Team über die Jahre gewandelt?
Klar ändert sich die Welt. Besonders im Motorsport hat sich durch die Elektronik und die Datenerfassung in den Autos vieles verändert. Und zwar komplett. Die heutige Generation an Ingenieuren schaut gar nicht mehr auf die Rennstrecke, sondern nur noch auf den Bildschirm ihres Computers. Von deren Arbeit verstehe ich nichts mehr. Es gibt Strategieingenieure, es gibt Reifeningenieure – es ist alles schon sehr komplex.
Waren die Teams früher freier?
Die Hersteller haben absichtlich die Teamidentität runtergefahren. Alles wurde der Marke untergeordnet. Erst langsam, mit dem Wechsel zu Gerhard Berger an der DTM-Spitze, hat man wieder ein wenig Oldschool reingebracht. Gerhard arbeitet mit Nachdruck daran, dass die Teams wiederbelebt werden, weil es doch eine Marketingkraft ist.
Noch mehr betrifft dies die Rolle der Fahrer.
Richtig, auch die rückt Gerhard wieder in den Mittelpunkt. Denn es ist doch so: Es ist nicht der Kampf zwischen BMW und Audi, der die Fans begeistert, sondern der Zweikampf zwischen Marco Wittmann und René Rast. Und dann sind die Teams, so wie das Team Rosberg in der Pfalz, in ihrer Region sehr bekannt ist. Diese Leute muss man mitnehmen. Die Fahrer und Teams können begeistern, das Label DTM schafft das nicht.
Nicht umsonst ist der Fahrertitel in der DTM wie in der Formel 1 bedeutender als der Titel für den Hersteller.
Genau, für die große Öffentlichkeit ist das wichtig. Lediglich für uns intern ist die Teamwertung von Bedeutung.
Wie sind Sie ins tägliche Geschäft eingebunden?
Man kann ganz einfach sagen: Ich bin der Namensgeber. Die Führung der Geschäfte liegt ausschließlich in den Händen von Arno Zensen.
Wie haben Sie und Arno Zensen damals zusammengefunden? War er von Anfang an dabei?
Nein, Arno war der zweite Geschäftsführer. Der erste ist nach nur zwei Monate gescheitert. Arno war damals Manager im Team Schübel von Michael Bartels. Dadurch kannten wir uns oberflächlich. Als das Team aufgehört hat, sind wir zusammengekommen.
Gehörte die Gründung der TRE – Team Rosberg Egineering, einem Unternehmen im Bereich der Fahrwerksentwicklung – von Anfang an zu Ihren Plänen?
Die TRE kam dazu, weil die Saison, speziell in der DTM, relativ kurz ist. Man muss die Leute aber das ganze Jahr beschäftigen, sonst verliert man sie. Also musste ich etwas finden, was ein Jahresgehalt berechtigt. Deswegen musste ein zweites Standbein dazukommen. Das war dann zwangsläufig der Engineeringbetrieb.
Beide Bereiche sind aber getrennt?
Heute ist die Konstellation ganz anders. IAV (Anm. d. Red.: Ingenieurgesellschaft Auto und Verkehr) ist als Gesellschafter und großer Mutterkonzern der TRE dabei. So sind sie vom Rennteam Rosberg ziemlich weit entfernt. Trotzdem gibt es immer wieder Anknüpfungspunkte zwischen beiden Bereichen.
Ihr Sohn Nico kümmert sich sehr intensiv um die Geschäftsfelder der TRE. Er engagiert sich auch in den Zukunftsthemen Elektromobilität und autonomes Fahren.
Das macht er, das ist seine Welt.
Zurück zum Team Rosberg. Arno Zensen wird im Mai ausscheiden. Wer wird sein Nachfolger? Und wie lange wollen Sie noch aktiv mitarbeiten?
Ich bin nicht mehr aktiv.
Übernimmt Nico?
Ins operative Tagesgeschäft wird er nicht einsteigen. Eine ähnliche Rolle wie ich beim Team Rosberg hat er bereits bei TRE. Seine Zeit reicht nicht für mehr. Er hat seine Messe in Berlin im Rahmen des Formel-E-Rennens. Er ist Experte bei vielen Formel-1-Rennen.
Und der Nachfolger von Arno Zensen: Steht er schon fest?
Nein, leider noch nicht. Das ist nicht gut.
Interview: Klaus-Eckhard Jost
In eigener Sache: Fast zehn Jahre geschwiegen
Zu Neujahr 2010 fasste Keke Rosberg einen Entschluss. Künftig wollte der Formel-1-Weltmeister von 1982 keine Interviews mehr geben. Und er besuchte keine Formel-1-Rennen mehr. Denn in den Anfragen wurde er nur zur Karriere seines Sohnes Nico gefragt. Auch nach dessen überraschendem Rücktritt 2016 als Formel-1-Weltmeister blieb der Finne stumm. Bis zum DTM-Saisonfinale in Hockenheim hielt er durch. „Ich habe das fast zehn Jahre durchgezogen, für die RHEINPFALZ aber mache ich eine Ausnahme“, sagte er. (jok)
Zur Person: Keke Rosberg
Keke Rosberg, der eigentlich Keijo Erik heißt, wurde am 6. Dezember 1948 in Solna (Schweden) geboren. Über seine Eltern, beide Finnen, kam er zum Motorsport. Von 1978 bis 1986 bestritt er 114 Grand Prix, fünf gewann er. 1982 wurde er Weltmeister. Nach seinem Rücktritt fuhr er unter anderem in der DTM weiter, gründete 1994 sein eigenes Team. Wegen des Motorsports zog Rosberg nach Wiesbaden, wo er seine Frau Sina kennenlernte. Sohn Nico wurde 2016 ebenfalls Formel-1-Weltmeister. Mittlerweile lebt die Familie Rosberg in Monaco. (jok)