Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Keine explosive Stimmung bei Kampfmittelräumung am Jahnplatz

Im Foyer warteten die Haardtblick-Bewohner, davor verteilte Notarzt Benny Benker die Senioren per Funk auf die DRK-Fahrzeuge.
Im Foyer warteten die Haardtblick-Bewohner, davor verteilte Notarzt Benny Benker die Senioren per Funk auf die DRK-Fahrzeuge.

Ist es der Auftakt einer ganzen Reihe von Kampfmittelräumungseinsätzen? Oder bleibt es bei diesem Einzelfall? Am Sonntag haben Einsatzkräfte und Lachen-Speyerdorfer auf jeden Fall eine gelungene Generalprobe hingelegt.

„Der Puls ist immer niedrig.“ Thomas Guindeuil vom Kampfmittelräumdienst Rheinland-Pfalz lässt sich nicht zu einem Vergleichswert hinreißen. Es ist Sonntag, kurz nach 12 Uhr, und gerade hat ihn Oberbürgermeister Marc Weigel gefragt, ob sein Puls diesmal niedriger gewesen sei als beim Einsatz in Mußbach im Januar 2020.

Unter Corona-Bedingungen

Guindeuil und sein Kollege Marco Ofenstein stehen mit den Neustadter Verantwortlichen an einer Baggerschaufel-großen Grube im Baugebiet am Jahnplatz. Eine kleine schwarze Stelle zeugt davon, dass kurz zuvor eine Gewehrgranate aus dem Zweiten Weltkrieg erfolgreich gesprengt wurde. Stadtfeuerwehrinspekteur Stefan Klein dankt den Kampfmittelexperten für ihre Geduld. Zwei Tage ließen sie der Technischen Einsatzleitung für den Katastrophenschutz Zeit, die Evakuierung des nahen Umfelds – darunter das Seniorenheim Haardtblick – zu planen. Und zwar unter Corona-Bedingungen.

Über 200 Einsatzkräfte waren mobilisiert worden. Feuerwehr, DRK, Technisches Hilfswerk, Stadtverwaltung und natürlich die Polizei. Am frühen Sonntagmorgen treffen sich alle auf dem Lidl-Parkplatz und in der Sackgasse der Conrad-Freytag-Straße. Dort steht auch der neue Einsatzleitwagen der Feuerwehr: Unterteilt in einen Funk- und einen Besprechungsraum, kann der Ernstfall nun am Ort geregelt werden. Die Hauptfeuerwache ist frei für andere Einsätze.

40-mal hin und her

Im Foyer des Seniorenheims Haardtblick herrscht derweil ein kleiner Stau. Alle Bewohner, die dazu in der Lage sind, versammeln sich dort. Vom DRK werden sie nach und nach ins Corona-Notkrankenhaus bei den Diakonissen gebracht, gut 40-mal wird hin- und hergefahren. Dort gibt es Frühstück, später auch Mittagessen. Bei aller Aufregung für die betagten Neustadter ist es trotzdem ein kleines Abenteuer für sie, wie Heimleiterin Ute Rieger sagt. Nach jeder Fahrt werden die Wagen teildesinfiziert; die volle Packung gibt es nur dann, wenn einige wenige Corona-Infizierte transportiert wurden. Sie alle seien fast schon wieder gesund, so die Leiterin des Gesundheitsamts, Silke Basenach.

Bis 9.30 Uhr sollten die neben den Senioren rund 600 betroffenen Lachen-Speyerdorfer ihre Wohnungen verlassen haben. Um 8 Uhr ist es noch ruhig, 45 Minuten später nimmt der Verkehr zu. Ein Mann macht sein Auto sauber, bevor es zum Ausflug in den Pfälzerwald geht. Eine Radlerin ist auf dem Weg zum Frühstück bei den Eltern: „Ansonsten wäre ich heute zuhause geblieben.“ Die Stimmung ist entspannt, alle zeigen Verständnis.

Zum Frühstück bei den Eltern

Auf dem Weg sind auch Kontrollteams der Stadt. Probeweise wird an Wohnhäusern geklingelt, vor allem dort, wo noch Fenster oder Balkontüren geöffnet sind. Gut 15 Anwohner, vorneweg betagte Menschen, nutzen die Alte Turnhalle als Übergangsstation. Dort betreuen sie das DRK und die Ortsverwaltung. Ein Ehepaar trinkt einen Kaffee und wartet, um später mit dem Rad weiterzufahren, „wenn die Gaststätten auf haben“. Zwei Schwestern, beide an Rheuma erkrankt, wählten die Turnhalle, weil die Zeit zu kurz gewesen sei, um etwas anderes zu planen. Falls es noch einmal zu solch einer Aktion kommt, sollten sie sich gleich bei ihm melden, bittet Ortsvorsteher Claus Schick.

Vor einem in der Conrad-Freytag-Straße geparkten Lkw bleibt derweil eine Polizeistreife stehen und schaltet die Sirene ihres Wagens ein. Die Befürchtung: Gerade angekommen, könnte sich der Fahrer zum Schlafen in die Kabine gelegt haben. Doch Schick kann durch einen Anruf für Entwarnung sorgen: Der Mann sei zu Fuß nach Hause gegangen.

Achtung, Radfahrer!

Gegen 11 Uhr sollte die kleine Gewehrgranate gesprengt werden; Radler, die plötzlich gesichtet werden, verzögern alles noch einmal. Um 11.45 Uhr aber ist es soweit: Nachdem das Viererteam des Kampfmittelräumdienstes alles geprüft hat, wird das Weltkriegsrelikt beseitigt, was eher unauffällig über die Bühne geht. Gegen 12.15 Uhr dürfen die Medien anrücken, und dann dürfen auch die Lachen-Speyerdorfer zurück: Die Absperrungen werden aufgehoben.

Dass bei der Kampfmittelerkundung des fünf Hektar großen künftigen Wohngebiets nicht noch mehr gefährliche Dinge an den Tag kommen, hoffen alle. Doch wird auch schon überlegt, ob im Fall der Fälle so gesprengt werden kann, dass das Seniorenheim außen vor bleibt. „Vielleicht könnte der Sprengort weiter nach hinten verlegt werden“, denkt Experte Guindeuil laut nach. Die Neustadter hören es gerne.

Kommentar: Auf ein Neues ...

45 Tage wird das Baugebiet am Jahnplatz in Lachen-Speyerdorf im Auftrag der Stadt auf Kampfmittel erkundet. Dass es sich mit den bisherigen Funden erledigt hat – damit rechnen die Experten eher nicht. Es bleibt also spannend. Spannend aber nicht nur für Bürger und Einsatzkräfte, sondern auch für den Bauherrn Gerst und die Stadt. Denn je mehr gefunden wird, desto teurer kann die Sache werden und sich die Erschließung verzögern.

88 Heimbewohner wurden transportiert, darunter 35 Rollstuhlfahrer.
88 Heimbewohner wurden transportiert, darunter 35 Rollstuhlfahrer.
Der Lidl-Parkplatz war eine Anlaufstelle der Einsatzkräfte.
Der Lidl-Parkplatz war eine Anlaufstelle der Einsatzkräfte.
Es gab viel Rat und Hilfe.
Es gab viel Rat und Hilfe.
Die Funkzentrale des neuen mobilen Einsatzleitfahrzeugs der Feuerwehr.
Die Funkzentrale des neuen mobilen Einsatzleitfahrzeugs der Feuerwehr.
Der DRK-Patientenfahrdienst desinfiziert die Fahrzeuge nach jeder Tour zum Notkrankenhaus.
Der DRK-Patientenfahrdienst desinfiziert die Fahrzeuge nach jeder Tour zum Notkrankenhaus.
Das Sprengloch mit der schwarzen Stelle, wo die Granate lag.
Das Sprengloch mit der schwarzen Stelle, wo die Granate lag.
Kampfmittel-Profis: Thomas Guindeuil (links) und Marco Ofenstein.
Kampfmittel-Profis: Thomas Guindeuil (links) und Marco Ofenstein.
Die Polizei sperrt ab: Nahe beim Baukran liegt die Gewehrgranate.
Die Polizei sperrt ab: Nahe beim Baukran liegt die Gewehrgranate.
Rad-Patrouille: Ortsvorsteher Claus Schick und seine Stellvertreterin Fabienne Frisch.
Rad-Patrouille: Ortsvorsteher Claus Schick und seine Stellvertreterin Fabienne Frisch.
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