Wachenheim
Kabarett: Max Uthoff liest der Gesellschaft gehörig die Leviten
Max Uthoff braucht kein Bühnenbild, keine Verkleidung, keine Musik. Er schlüpft in keine Rolle, bleibt ganz er selbst. Ganz in schwarz gekleidet und faktenorientiert wirft er in den Raum: „Die durchschnittliche Lebenserwartung des deutschen Mannes ist 78 Jahre.“ Er selbst ist 56, also bleiben ihm noch 8024 Tage. Statistisch. Im Glücksfall mehr, sonst weniger, wenn er zum Beispiel mit einem U-Boot zur Titanic tauchen würde.
Refrainartig spricht er Zuschauer an: „Darf ich Sie fragen, wie alt Sie sind?“ – und errechnet dann die verbleibende Zeit. Es ist der Ausgangspunkt seiner Ausführungen zur Absurdität der Lebensgestaltung. Für was sollte man sich noch Zeit nehmen? Hat man die Zeit, eine Stunde den Podcast „Lanz und Precht“ anzuhören? Brauche es statt „Life Coaches“ nicht „Death Coaches“? Was ist mit Schlafoptimierung? Yoga, Fitnesswahn? Gedanken, die ihm im Pflegeheim kommen, wo sein Vater nach einem Schlaganfall lebt. Was, wenn man sich am Ende des Lebens auf Selbstfindungssuche begäbe, den Sinn des Lebens ergründen würden, und dann feststellte: „Fuck – das wäre es gewesen!“ Aber jetzt bleibt keine Zeit mehr.
Absurditäten des Alltags
Ein weiterer Strang in seinem intellektuell sehr anspruchsvollen Programm ist das Motto „Alles im Wunderland“, angelehnt an „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll. Alice begibt sich im Roman auf eine Traumreise in ein Land, in dem alles absurd, doppeldeutig und unlogisch ist. Sie hält diese Doppeldeutigkeit aus, „weil Kinder halt so sind“. Aber es gibt auch die „normalen“ Absurditäten im Alltag. Zum Beispiel, dass Kinder auf Bürgersteigen spielen, während auf der Straße tonnenschwere Autos vorbeirasen. Eine tödliche Gefahr, die aber als vollkommen normal hingenommen und mit dem Dienstwagenprivileg subventioniert werde, auch mit dem Geld von Geringverdienenden.
Als nächstes sind die Widersprüche von Arm und Reich in unserer Gesellschaft Thema. Uthoff geht von einem Durchschnittsvermögen eines Deutschen von 139.000 Euro in Relation zu einer Körpergröße von 1,72 Meter aus. Dieter Schwarz, Besitzer der Discounter-Kette Lidl, habe 32 Milliarden Euro an Vermögen. „Das entspräche einer Körpergröße von 445 Kilometer“, rechnet Uthoff aus. Sehr plastisch stellt er dann ein Gespräch mit diesem Riesen dar, dessen Kopf in den Weltraum ragt.
Lernen, Mehrdeutigkeiten zuzulassen
Unter Tränen liest er dann, dass ein Flüchtlingsboot untergegangen sei. Alle Kinder und Frauen, die unter Deck waren, um sie vor möglichen Übergriffen zu schützen, starben, und im nächsten Moment springt ihm der Immobilienteil mit Luxusimmobilien ins Auge. Flüchtlinge wolle man aber lieber los haben, sagt Uthoff, während die FDP in Indien auf Rikschas für Fachkräfte werbe. Schade, dass nicht Informatiker, Krankenschwestern und andere gesuchte Berufsgruppen in ihrer Heimat verfolgt würden und sich deshalb auf den Weg nach Deutschland machten.
Nicht verstehen könne er übrigens die Kritik an dem „knuffigen Habeck“ und den Grünen, die doch die einzigen seien, die wenigstens versuchten, Gesetze zu machen, die das Klima schützen, was die nachfolgenden Generationen vor Klimaflüchtlingen schützen würde, sagt Uthoff. Wieso fühlt man sich bevormundet, wenn man weniger Auto fahren und weniger Fleisch essen sollte, wo man doch ansonsten auch vielen Restriktionen im Alltag unterworfen sei, fragt er. Ihn als eindeutigen CIS-Mann störe es nicht, wenn es viele unterschiedliche Geschlechtsidentitäten gibt. Man müsse einfach lernen, Mehrdeutigkeiten zuzulassen. So wie Alice im Wunderland.
Die Bedeutung der Kindheit
Was zum nächsten Thema führte, dem Zusammenhang von Kindheitstraumata, autoritärem, gewalttätigem Verhalten und eindimensionalen Sichtweisen. Das Lachen bleibt einem da im Hals stecken. Uthoff zählt Biografien Prominenter auf, die in ihrer Kindheit traumatisiert wurden. Darunter Ronald Reagan, Wladimir Putin, Ulrike Meinhoff, Anders Breivik, Adolf Hitler, Bill Clinton. Sie alle hätten später als Politiker, Terrorist oder Amokläufer viel Leid verursacht.
Wichtig sei deshalb eine Kindheit ohne „Ellbogendemütigungsnonsens“, ohne entwürdigende unsichtbare „Schläge“ wie „Sei artig!“, „Benimm Dich!“, „Tut doch gar nicht weh!“ oder „Hat mir auch nicht geschadet!“. Kinder sollten intrinsisch lernen, statt benotet zu werden für das Abrufen von Wissen, das man googeln könne, fordert Uthoff. Sie sollten nicht ständig beurteilt und verglichen werden. Der Vergleich sei das Ende des Glücks, habe schon der Philosoph Kierkegaard gesagt. Wobei der Vergleich allerdings auch Schmierstoff des Kapitalismus sei. Wozu sonst müsse man ein größeres Auto als der Nachbar haben? Hat eine glückliche Kindheit stattdessen also Toleranz, Offenheit und Zukunftsfähigkeit zur Folge? Genug Stoff zum Nachdenken.