Neustadt Jesus und der Eselpersonennahverkehr

„Gott kommt zum Zug“: So übersetzt Dekan Andreas Rummel die Weihnachtsgeschichte der Bibel.
»Gott kommt zum Zug«: So übersetzt Dekan Andreas Rummel die Weihnachtsgeschichte der Bibel.

Wenn in einer Bahnhofshalle zu Heiligabend Gottesdienst gefeiert wird, ist das fast wie damals im Stall zu Bethlehem.

Die Vorstellung ist bestechend: Als Maria und Josef aufbrechen, um sich an Josefs Geburtsort Bethlehem schätzen zu lassen, nutzen sie den Eselpersonennahverkehr. Und wie so manche Reisende 2023 Jahre später, kommen sie nicht pünktlich an, finden kein Zimmer mehr, stranden in einem Stall. Dort wird wenig später Jesus Christus als Gottes Sohn geboren. Ohne Kleidung, in schäbiger Umgebung. Indes hat er auch keinen großen Bahnhof gebraucht.

In diesem Sinn übersetzt Andreas Rummel, Dekan des protestantischen Kirchenbezirks Neustadt, die Weihnachtsgeschichte. Für 16 Uhr ist in der Halle des Neustadters Hauptbahnhofs ein Gottesdienst zu Heiligabend angesetzt. Ein Gottesdienst, der Parallelen zieht zwischen Jesus, dessen Geburt sozusagen die erste Station Gottes auf seinem Weg zu den Menschen ist, und dem Treiben rund um einen Bahnknotenpunkt wie Neustadt.

Falsches Ambiente?

Als bekannt geworden sei, dass an Heiligabend Gottesdienst im Bahnhof gefeiert werde, sei das nicht bei jedem auf Gegenliebe gestoßen, so Rummel. Zu schmutzig, zu viele Menschen, die man gar nicht treffen will. Dass diese Kritik nicht jeder teilt, machen die vielen Besucher dieses Gottesdienstes deutlich, darunter Familien, Großeltern mit Enkeln und ebenso bekannte Gesichter wie Handwerkskammer-Präsident Dirk Fischer oder Winfried Walther, Vorsitzender der Willkomm-Gemeinschaft.

Viel gesungen wird auch, natürlich am Ende „O du Fröhliche“.
Viel gesungen wird auch, natürlich am Ende »O du Fröhliche«.

„Auch Gott in der Gestalt seines Sohnes ist manchen zu schäbig gewesen“, gibt Rummel zu bedenken. Der erwachsene Jesus aber habe viele aufs richtige Gleis gesetzt: auf jenes der Nächstenliebe. Gerade in Bahnhöfen als Treffpunkt ganz unterschiedlicher Menschen, einem Ort, wo man schnell mal ins Gespräch komme, werde immer wieder deutlich: „Gott kommt zum Zug.“

Bundespolizei als Retter

Was das heißen kann, macht Anne Venus-Awartani von der Bundespolizei deutlich, indem sie aus dem Alltag berichtet. Von der Zehnjährigen aus Eritrea, die es nicht geschafft hatte, hinter Mutter und Geschwistern den Zug nach Mainz zu besteigen und deshalb allein zurückblieb. Die Bundespolizei sorgte für die Wiedervereinigung. Oder von dem Paar, das ein ganzes Jahr für den Urlaub gespart hatte und auf dem Flughafen bemerkte, das wichtigste Gepäckstück im Zug vergessen zu haben. Die Bundespolizei suchte, wurde fündig und transportierte das gute Stück auf den Frankfurter Flughafen. „Aus dem Bahnhof heraus lassen sich viele solcher kleinen Geschichten der Nächstenliebe erzählen“, sagt Rummel.

Erzählt aus dem Alltag der Bundespolizei: Anne Venus-Awartani.
Erzählt aus dem Alltag der Bundespolizei: Anne Venus-Awartani.

Musikalische Geschichten erzählt der Posaunenchor Hambach-Winzingen. Die Bahnhofshalle sorgt für eine tolle Akustik, die Gottesdienstbesucher sorgen für viel Applaus. Beeindruckend: das eher unbekannte Lied „Von den Rändern dieser Erde“ – nach einer Melodie aus der Ukraine.

Stößt in der Bahnhofshalle auf eine tolle Akustik: der Posaunenchor Hambach-Winzingen.
Stößt in der Bahnhofshalle auf eine tolle Akustik: der Posaunenchor Hambach-Winzingen.
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