Neustadt Interview mit Johanna März und Lars Felder: „Wir brauchen und wollen Europa“

Engagieren sich in Neustadt für die Themen, die die jungen Menschen bewegen: Lars Felder und Johanna März.
Engagieren sich in Neustadt für die Themen, die die jungen Menschen bewegen: Lars Felder und Johanna März.

Johanna März (17) und Lars Felder (19) gehen „auf die Barrikaden“.

Mit ihrer Jugendorganisation, der Engagierten Jugend Neustadt, demonstrieren sie nächsten Samstag unter dem Motto „Mut für Europa“. Zusammen mit rund 30 anderen jungen Leuten aus Neustadt und Umgebung bildet ihr die Engagierten Jugend. In der Stadt kennt man euch aber noch nicht so gut. Wofür steht eure Jugendorganisation? Lars Felder: Für viele Dinge. Wir sind eine Gruppe von Schülern, Auszubildenden und Studenten, die sich für die Themen einsetzen wollen, die die jungen Leute in Neustadt bewegen. Entstanden ist die Engagierte Jugend aus der Arbeitsgemeinschaft Integration und Soziales Engagement an meiner alten Schule, dem Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium. In Neustadt haben wir schon einige konkrete Projekte durchgesetzt: Zum Beispiel den Jugendkongress oder eine Podiumsdiskussion mit den Neustadter OB-Kandidaten. Außerdem haben wir mehrmals Müll gesammelt und versuchen, politische Veranstaltungen bei den Jugendlichen bekannter zu machen. Umweltschutz, Lokalpolitik, Integration von Flüchtlingen: Das sind auch in Neustadt politische Dauerbrenner. Versteht ihr euch denn als politische Jugendorganisation? Felder: Das Interessante an unserer Gruppe ist, dass es bei uns intern auch politische Diskussionen gibt. Einige Mitglieder sind selbst Teil einer politischen Jugendorganisation wie der Jungen Union oder den Jungen Linken. Was aber nicht heißen soll, dass wir einer bestimmten Partei zuzuordnen sind. Im Gegenteil: Wir verstehen uns als überparteiliche Gruppe, in der Leute mit verschiedensten Hintergründen zusammenarbeiten. März: Wir sind also definitiv politisch geprägt und fordern das politische Mitspracherecht von Jugendlichen in Neustadt. Gemeinsam mit den anderen Mitgliedern habt ihr für Samstag eine Demo vom Saalbau zum Marktplatz angemeldet. Thema „Mut für Europa“. Provokant gefragt: Was geht die jungen Leute Europa an? Felder: Angemeldet hatten wir die Demo, bevor das Ergebnis der Präsidentschaftswahl in Frankreich feststand. Denn so, wie viele Medien in letzter Zeit diskutieren haben, haben auch wir in unserer Gruppe über Europa diskutiert: Das, was Populisten und Nationalisten für Europa fordern, finden wir schlecht. Gerade als junge Leute, die noch lange in Europa leben werden, wünschen wir uns ein Fortbestehen der Europäischen Union. Mit der Demo wollen wir ein Zeichen setzen und gemeinsam auf die Straße gehen und sagen: Wir brauchen Europa, wir wollen Europa. Europa war zuletzt auch beim Brexit-Votum ein Thema, das besonders die jungen Leute in den Vordergrund gerückt hat. Dort hieß es, die Alten diktierten den Jungen, wie sie zu leben hätten. Ist Europa nur ein junges Thema? März: Ich finde, Europa ist ein Thema, das alle Leute angeht. Egal, ob 18 oder 80. In Großbritannien haben die Älteren für die Jüngeren entschieden. Für uns ist das schrecklich. Wir Jugendlichen brauchen Europa, die Freizügigkeit beim Reisen, Studieren, Arbeiten. Da wird mit unserer Zukunft gespielt. Felder: Gerade wir Jugendlichen können bei diesem Thema ein Zeichen setzen: Weil wir diejenigen sind, die das größte Interesse an Europa haben. Also wenn nicht jetzt, wann dann? Felder: Ja. Wovor ich Sorge habe, ist, dass viele jetzt aufatmen und sagen, in Frankreich ist pro Europa gewählt worden, jetzt können wir uns ausruhen. Genau das sehen wir kritisch: So wie Emmanuel Macron werden viele neue Regierungschefs liefern müssen. Wenn sie die Wähler enttäuschen, zerbricht Europa bei der nächsten Wahl vielleicht völlig. Jetzt ist also der Punkt erreicht, wo man sich entweder für Europa einsetzt, oder mit ansieht, wie es zerfällt. Trotz der pro-europäischen Wahl in Frankreich werden die Europa-Gegner ja nicht weniger. Könnt ihr deren Kritik verstehen und was entgegnet ihr ihnen? Felder: Auch in der Engagierten Jugend wird das Thema Europa kritisch diskutiert. Wir sind nicht naiv, denn wir sehen auch, was an den europäischen Außengrenzen passiert, wie dort täglich Menschen sterben. Sehen, wie die europäische Wertegemeinschaft mit Polen und Ungarn zerbröckelt. Wir sehen die Fehler und Probleme Europas. Aber wir sagen trotzdem: Wir müssen Europa bewahren. Es gibt keinen Grund, Europa zerfallen zu lassen. Das ist unser Mantra: Man muss Europa bewahren, aber auch reformieren. Denn so wie Europa jetzt ist, funktioniert es nicht mehr. Habt ihr denn konkrete Verbesserungsvorschläge? Felder: Da gibt es viele Baustellen, angefangen beim Demokratiedefizit, der fehlerhaften Agrarpolitik und der destruktiven Freihandelspolitik gegenüber vielen afrikanischen Staaten. Ganz aktuell schockiert uns auch, wie das freiheitliche, demokratische Europa, das die Menschenrechte immer wieder hochhält, den Tod von abertausenden Notleidenden im Mittelmeer und an den Außengrenzen zulässt. Ihr beiden seid politisch interessierte, engagierte junge Leute. Unsere Generation hört oft: „Die Jugend interessiert sich nicht für Politik.“ Habt ihr das Gefühl, das ändert sich in Anbetracht von Trump, Putin, Le Pen und Co.? Oder seid ihr Ausnahmen, was politisches Engagement angeht? März: Ich finde schon, dass sich immer mehr junge Leute für Politik interessieren und engagieren. In meinem Sozialkunde-Leistungskurs am Leibniz-Gymnasium zum Beispiel gibt es viele, die sagen: Ich habe keine Lust mehr, nur zu Hause zu sitzen und Serien zu gucken. Ich will etwas tun. Durch die Aktualität vieler Probleme hat man den Drang, etwas zu tun und nicht einfach nur mit dem Strom zu schwimmen. Felder: Ich denke, der Vorwurf, dass Jugendliche sich nicht für Politik interessieren, hing lange Zeit auch mit den Themen zusammen. Die Finanzkrise zum Beispiel ist etwas, das schon viele Erwachsene nicht verstanden haben. Als Jugendlicher konnte man sich da nicht einsetzen und diskutieren, das hat niemanden auf die Straßen gebracht. Populismus und Nationalismus sind dagegen sehr nahe Themen, die man in der eigenen Stadt erleben und diskutieren kann. März: Hinzu kommt, dass wir durch die Globalisierung und Vernetzung durch das Internet einfach viel mehr mitbekommen – und uns so gut eine eigene Meinung bilden können. Kontakt Per Mail an ejugendnw@gmail.com oder über Facebook. Die Autorin Anne Lenhardt ist selbst erst 26 Jahre alt und seit Oktober 2016 Volontärin bei der RHEINPFALZ. Ihr Studium hat sie auch an einer Universität im europäischen Ausland absolviert. Ohne das Erasmus-Programm der Europäischen Union wäre das nicht möglich gewesen.

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