Neustadt
Internat statt Schrebergärten?
Die private Internationale Schule in Neustadt zählt rund 150 Kinder und Jugendliche. In den besten Zeiten waren es dauerhaft knapp 200. So soll es wieder werden. Deshalb hat die Schulleitung ein neues pädagogisches Konzept für die Oberstufe auf dem Radar und will zudem verstärkt in Richtung Berufsorientierung gehen, auch mit Blick auf den deutschen Arbeitsmarkt. Das schafft sie allein. Für den weiteren Wunsch, ein Internat, braucht sie aber einen Partner. Den idealen scheint sie jetzt gefunden zu haben.
Wie Projektleiter Patrick Wesp darlegt, handelt es sich um Lincoln Management, ein taiwanesisches Unternehmen, das seit rund 20 Jahren unter anderem in den USA und der Schweiz „Onboarding“ betreibt. Das heißt, es unterstützt das Visa-Verfahren vor allem für Kinder und Jugendliche aus dem asiatischen Raum, die eine Schule im Ausland besuchen wollen. Ein Markt dafür ist spätestens vorhanden, seit die Volksrepublik China und etwas später Taiwan die internationale Schulbildung stärker in den Fokus gerückt haben und ebenso die Berufsorientierung. „Das passt einfach, wir hatten ursprünglich an einen ganz anderen Partner gedacht“, so Wesp.
Klein macht anfällig
Lincoln Management würde das Internat bauen und betreiben und dafür einen Betrag im „mittleren einstelligen Millionenbereich“ investieren. Doch warum ist der Internationalen Schule ein Zuhause für die Schüler so wichtig? Die Schule sei klein, aber fein, sagt Wesp. „Wir haben vergleichsweise wenig Schüler, weil das Einzugsgebiet nicht sehr groß ist, aber mit recht familiärem Umfeld.“ Das sei zwar gut, mache aber anfälliger für ökonomische Krisen. „Zehn Schüler weniger können da schon ein Problem sein.“
Zwar gebe es keine akute Krise, da mit der SBW Haus des Lernens AG in Romanshorn/Schweiz ein Schulträger vorhanden sei, „der stabilisiert und viel Vertrauen in den Schulstandort Rheinland-Pfalz, insbesondere die Metropolregion Rhein-Neckar hat“. Langfristig aber will die Schulleitung etwas ändern.
An drei Standorten
Aktuell ist die Internationale Schule in Neustadt über drei Standorte verteilt. Sozusagen die Hauptrolle spielt die Maximilianstraße 43, hinzu kommen die Haardter Straße 1 und die Winzinger Straße 99. Die Haardter Straße 1 teilt sie sich mit der Zollverwaltung. Schon lange wird mit Unterstützung der Stadt daran gearbeitet, für den Zoll mit seinen gut 400 Arbeitsplätzen einen anderen Standort zu finden. Dann würde die Internationale Schule die Gebäude erwerben und renovieren. „Wir arbeiten also weiter an der Expansion“, beschreibt Wesp. „Wir treten die Flucht nach vorne an, weil wir wegen des guten Standorts Neustadt vom Erfolg überzeugt sind.“
Folglich sei der Schulträger bereits stark finanziell engagiert, ebenso wie am zweiten Pfälzer Standort im westpfälzischen Landstuhl. Noch mehr sei aktuell nicht möglich, doch wolle die Schule beim Internat schnell vorankommen. Daher sei Lincoln nicht nur vom Konzept her ein wichtiger Partner. Trotzdem können erst mal nur noch kleine Schritte gemacht werden, zumindest im nächsten halben Jahr. Denn Corona bremst auch die sehr konkreten Internatspläne aus, wie Wesp sagt. Der Start zum Schuljahr 2022/23 sei zwar noch nicht ganz aus dem Kalender gestrichen, doch müsse abgewartet werden.
Pachtverträge gekündigt
Sollte sich das Projekt verzögern, hätten die Pächter von Schrebergärten nahe der Martin-Luther-Straße noch etwas Zeit. Der geplante Standort für das Internat liegt nahe des Parkplatzes der Turnhalle am Böbig, sozusagen hinter der Martin-Luther-Kirche. Links des dortigen Fußwegs in Richtung Flüchtlingsunterkunft sind fünf Schrebergärten, rechts davon ist eine Wiese, alles im Eigentum der Stadt.
Etwa 2000 Quadratmeter Fläche sind für das Internat vorgesehen. Den Schrebergärtnern, die Baudezernent Bernhard Adams zufolge jährliche Pachtverträge haben, sei vorsorglich zum 31. Oktober gekündigt worden. Allerdings sei noch kein Kaufvertrag unterschrieben. Auch ein Teil der Wiese würde benötigt. Auf Kosten der Investoren würde der Fußweg dann verlegt, die Anbindung an die Umgebung bleibe.
Zu „ortsüblichen Wohnwerten“
Laut Oberbürgermeister Marc Weigel begrüßt die Stadt die Internatspläne und habe sie gern unterstützt. Die Internationale Schule sei wichtig für das Bildungsangebot in Neustadt. Die politischen Gremien hätten einem Verkauf zu „ortsüblichen Wohnwerten“ zugestimmt.
Würde es mit allem klappen, soll Projektleiter Wesp zufolge ein Generalunternehmer das Internat in Modulbauweise erstellen, weil das am schnellsten gehe. 50 bis 55 Schülern soll es Platz bieten, die dann rund zehn Minuten Fußweg zur Schule hätten. Wichtig ist ihm auch die Kooperation mit anderen Neustadter Schulen: „Wir wollen keine geschlossene Gesellschaft sein.“ Vor Corona seien bereits Gespräche mit dem Käthe-Kollwitz-Gymnasium geführt worden, ebenso mit der Berufsbildenden Schule.
Aktuell macht die Internationale Schule für Kinder ab vier Jahre ein Angebot. Zweite Muttersprache ist Englisch. Am Ende des 10. Schuljahrs absolvieren die Schüler externe Prüfungen. Die Oberstufe führt bis zu einem dem Abitur ähnlichen, internationalen Abschluss (IB Diploma), der von vielen Universitäten im Ausland als Zulassungsvoraussetzung für ein Hochschulstudium anerkannt wird. In Deutschland müssen die Anforderungen der Ständigen Kultusministerkonferenz in Bezug auf die Fächerwahl vom IB Diploma-Programm erfüllt sein.