Wachenheim RHEINPFALZ Plus Artikel Intensive Diskussion ums Jungbleiben und Älterwerden

Diskussionsrunde zum Thema des Jungbleibens beziehungsweise Älterwerdens im Wachenheimer Badehaisel mit dem Ideengeber und Moder
Diskussionsrunde zum Thema des Jungbleibens beziehungsweise Älterwerdens im Wachenheimer Badehaisel mit dem Ideengeber und Moderator Friedrich Georgens (rechts).

Unter der Fragestellung „Forever young? Wollen wir 800 Jahre leben?“ lud das Wachenheimer Badehaisel für den Donnerstagabend zur Podiumsdiskussion ein.

Wie differenziert Menschen zu dem überaus aktuellen Thema stehen, zeigten nicht zuletzt die Reaktionen im Publikum.

Das Fragezeichen beim diesjährigen Motto des Kultursommers Rheinland-Pfalz „Forever Young?“ hat besondere Tragweite. Denn ob der uralte Traum, unbegrenzt lange zu leben, überhaupt erstrebenswert ist, darüber gehen seit jeher die Meinungen auseinander. Das zeigte sich auch in der Diskussionsrunde im Badehaisel, wo Vertreter unterschiedlicher Richtungen zusammenkamen.

Moderator Friedrich Georgens, der den Diskussionsabend im Badehaisel angeregt und organisiert hatte, brachte den Aspekt der Machbarkeit in den Diskurs ein: „Ist das Umkehren des Alterns überhaupt möglich und soll der Mensch umsetzen, was durch die Wissenschaft machbar wird?“, fragte er.

„Tausende Jahre gesund“

Eindeutig äußerte sich zu dieser Frage im Badehaisel der Psychologe Rudolf Pölking, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Sozialanalytische Forschung: „Trotz aller neuer Technologien zur Lebensverlängerung können wir den Kampf gegen die Sterblichkeit nicht gewinnen. Wir müssen bereit sein, zeitliche Grenzen anzunehmen.“

Sandra Borst von der Partei für Verjüngungsforschung hielt dagegen, dass im Grundgesetz für alle Menschen, also unabhängig vom Alter, das Grundrecht auf Leben verankert sei. „Trotzdem sterben jeden Tag altersbedingt mehr als 100.000 Menschen. Auch für sie sind wir ethisch verantwortlich.“ Die 2015 gegründete Partei tritt zu Wahlen mit der Forderung an, der Verjüngungsforschung obere Priorität einzuräumen. Ihr Ziel ist es, das Altern durch den sogenannten Reparaturansatz zu heilen, damit „Menschen Tausende Jahre gesund leben können.“ Jährlich sollen zehn Prozent des Bundeshaushalts zusätzlich in die Verjüngungsforschung fließen, die Hälfte davon in den Bau und Betrieb staatlicher Einrichtungen.

Prozess des Reifens

Doch lassen sich die Schäden des Alterns wirklich so weit reparieren, dass sich das Leben um ein Vielfaches verlängert? „Der Fortschrittsglaube liegt tief drin im Menschen“, sagte hierzu die Medizinerin Antonia Pölking. Als Ärztin an der Fachklinik Eußerthal erlebt sie allerdings als entscheidende Faktoren für Lebensqualität, bei denen der Einzelne durchaus mitentscheidet: „Ich sehe das Altern nicht als Krankheit, sondern als einen früh beginnenden Prozess des Reifens. Für den körperlichen Erhalt spielt die eigene Lebensweise eine wichtige Rolle.“

Im Lauf der Diskussion stellte sich auch die Frage, ob der Wunsch nach Unsterblichkeit ethisch vertretbar ist und welche persönlichen und gesellschaftlichen Folgen der Verlust des Endlichen hätte. „Das Bewusstsein für die Gabe des Lebens und seine kostbaren Momente würde verloren gehen“ , sagte Friedrich Schmidt-Roscher, protestantischer Pfarrer in Haßloch: „Es kommt auf die Qualität an, nicht auf die Quantität.“ Der extremen Machermentalität stellte Schmidt-Roscher die Tatsache entgegen, dass die gesamte Schöpfung der Vergänglichkeit unterliegt.

Von der kulturellen Seite beleuchtete Gitarrist und Sänger Jeremias Holtz das Thema und nahm zugleich Bezug auf ein natürliches Symbolbild: Angesichts der Komplexität menschlichen Daseins solle man nicht nur die Krone des Baumes sehen, sondern auch den Stamm: Ihn verglich er mit dem Halt durch menschliche Gemeinschaft und familiäres Zusammenwirken.

Skeptisches Publikum

Besonders solchen sozialen Aspekten spendete das interessierte Publikum im Badehaisel Beifall. Auch hinsichtlich zunehmender Umweltprobleme äußerten sich die Zuhörer skeptisch zu den nachdrücklichen Erklärungen von Sandra Borst und den entsprechenden Anliegen ihrer Partei für Verjüngungsforschung.

„In welcher Welt würden wir denn weiterleben?“ – das fragte eine Zuhörerin. Eine andere Besucherin kritisierte, angesichts der wachsenden Erdbevölkerung würden Technologien für ewiges Dasein zur ökologischen Katastrophe führen. In die gleiche Richtung ging die Forderung eines Zuhörers, stattdessen mehr Forschung und Energie daran zu setzen, unseren Planeten zu erhalten.

Problem der Verteilung

Auch das Problem einer gerechten Verteilung lag den Besuchern spürbar am Herzen. „Von der Lebensverlängerung würden nur die Reichen profitieren“, hieß es etwa. Ein Krankenpfleger gab zu bedenken, wie man dann beispielsweise die Therapie gesetzlich betreuter Behinderter regeln wolle. Und schließlich regte eine Zuhörerin an, man solle die letzte Lebensphase der Menschen verbessern, statt das Leben verlängern zu wollen.

Trotz aller Unterschiede und Gegensätze blieb der Austausch im Badehaisel doch freundlich und positiv. Indes klang konsequent durch, was Rudolf Pölking abschließend festhielt: Dem unsterblichen Menschen würde das Einzigartige verloren gehen. Von den griechischen Sagenfiguren bis zu modernen Romanhelden zeigt uns die Literatur eine düstere und endlose Wiederholung des immer Gleichen.

Auch die besonders langlebigen Bäume zeigen uns: Das Leben ist begrenzt und endlich.
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