Neustadt
Hund stirbt an Giftköder: Tödliche Gefahr für Tiere und Kinder
Eigentlich war alles wie immer, als Tamara Wolff mit ihrem Hund Henry am 11. Februar auf dem Rückweg von der Gassirunde durch die Gimmeldinger Straße lief. Auf Höhe des Autohauses Dreher passierte es dann: Der zwölfjährige Goldendoodle schnüffelte Wolff zufolge in ein paar Lavendelbüschen und kaute plötzlich etwas, das sein Frauchen nicht genauer sehen konnte. Zuhause fraß der Rüde noch sein Abendessen, kurz darauf bekam er Krämpfe, erbrach sich und hatte Durchfall. Wolff fährt Henry nach Ettlingen in eine Tierklinik. Dort bestätigt sich der Verdacht: Der Hund ist vergiftet worden. Da seine Organe versagen, erlösen ihn die Ärzte noch in der Nacht.
Für die 70-jährige Besitzerin ist der plötzliche Tod ihres Hundes ein Schock, auch weil sie daran denkt, dass es genauso gut ein Kind hätte treffen können. Sie erstattet Anzeige bei der Polizeiinspektion (PI) Neustadt, die den Vorfall auf Anfrage bestätigt. Die Art des Gifts, das Henry getötet hat, ist demnach unbekannt. Der mutmaßliche Tatort wurde von Beamten abgesucht, jedoch wurden keine weiteren schädlichen Stoffe gefunden. Wolff hat dagegen gehört, es sei noch ein Welpe im gleichen Zeitraum wie ihr Hund getötet worden– verifizieren lässt sich die angebliche Vergiftung nicht.
Ermutigt Diskussion Nachahmer?
„In meiner Praxis hatte ich, Gott sei Dank, dieses Jahr noch keinen vergifteten Hund“, sagt die Neustadter Tierärztin Regina Rühl. Es habe aber zwei Verdachtsfälle gegeben, die sich im Nachgang nicht bestätigt hätten. Insgesamt haben Giftködervorfälle in den letzten Jahren nach ihrem Empfinden zugenommen, wobei es sehr häufig beim Verdacht bleibe. „Leider hat man das Gefühl, je mehr darüber gesprochen wird, desto häufiger findet es statt.“
Stimmt das? Zu einer Giftköder-Meldung Ende März, bei der angeblich am Mußbacher Tennisplatz giftiges Schneckenkorn in Hundefutter ausgelegt worden sein soll, liegen der Polizei „keinerlei Erkenntnisse“ vor. Bestätigen kann die Behörde aber den Tod eines Hundes, der an Halloween 2024 auf einem Privatgrundstück im Aspenweg mutmaßlich Schneckenkorn aufgenommen hat. Ermittelt wird in einem Fall vom 9. März, bei dem eine bisher unbekannte Frau Rattengift in das Freigehege einer Hundepension in einem Neustadter Ortsteil geworfen haben soll. Zum Glück fraß keiner der Hunde das Gift. Polizeilich erfasst wurde auch die Meldung eines Fleischstücks auf einem Feldweg bei Diedesfeld am 28. März, wobei nicht verifiziert werden konnte, ob es sich tatsächlich um etwas Giftiges handelte.
Apps können verunsichern
Tierärztin Rühl rät Besitzern, ihre Hunde gerade an beliebten Gassistrecken wie beispielsweise in der Wallgasse nur an der kurzen Leine zu führen und nicht ins Gebüsch oder in die Nähe von Mülleimern zu lassen. „Man sollte den Hund immer beobachten, wenn er intensiv an einer Stelle schnüffelt, und kontrollieren, ob sich dort etwas Verdächtiges befindet“, sagt Rühl. Täter verpacken Gift oder scharfe beziehungsweise spitze Gegenstände meist in für Hunde besonders attraktiven Leckerli wie Wurst oder Hackfleisch.
Es gibt auch Giftköder-Alarm-Apps, die vor Auslegeorten warnen, wobei Rühl bemerkt, dass diese Hundebesitzer stark verunsichern können, da es „dort leider eine ganze Menge Falschmeldungen gibt“. Hundeschulen bieten in der Regel spezielles Training an, damit Hunde keine unbekannten oder potenziell gefährlichen Substanzen vom Boden aufnehmen. „Bei ,unverbesserlichen’ Vierbeinern hilft ein Maulkorb, wobei es auch hier Training braucht, damit das Tragen für den Hund entspannt abläuft und er damit weiter hecheln kann.“
Keine Hausmittel verwenden
Wenn der Hund trotz aller Vorsicht einen Giftköder gefressen hat, sollte man der Tierärztin zufolge umgehend mit Haustierarzt oder diensthabendem Notdienst in Kontakt treten. Vergiftungen zeigen sich durch Symptome wie Erbrechen, Durchfall, Zittern, Unruhe und Teilnahmslosigkeit. „Dann heißt es für Besitzer: Schnell sein und zum Tierarzt gehen.“ Gift sollte schnellstmöglich aus dem Körper geschafft werden, doch sollte man keine Hausmittel verwenden, um den Hund zum Erbrechen zu bringen. „Das kann die Situation verschlimmern“, sagt Rühl, etwa wenn scharfe Gegenstände im Köder platziert wurden.
Um zu helfen, ist die Sicherung etwaiger Reste des Köders wichtig. „Dabei sollte man sich selbst schützen, zum Beispiel, indem man einen Kotbeutel zum Aufnehmen verwendet“, erklärt Rühl. „Wenn der Hund den Köder oder Teile davon wieder ausspuckt, sollte man sie genau auf scharfe Gegenstände, bunte Krümel oder ähnliches untersuchen.“ Auch eine Probe des Erbrochenen oder des Kots können helfen, das Gift zu identifizieren.
Tatort und Köder dokumentieren
Wie sie bei Giftködern vorgeht, will die Polizei „aus ermittlungstaktischen Gründen“ nicht im Detail preisgeben. Man sei auf die Mithilfe der Bevölkerung angewiesen. Verdächtiges oder Giftköder sollten umgehend an die Polizei gemeldet werden. Am besten wird der mutmaßliche Köder oder zumindest ein Foto davon gesichert. Auch ein Bild des Auffindeortes kann die Ermittlungen unterstützen. Wer einen Hund vergiftet, macht sich nach § 17 des Tierschutzgesetzes strafbar und muss mit bis zu drei Jahren Gefängnis oder Geldstrafe rechnen. Es handelt sich laut Polizei hierbei um ein Erfolgsdelikt, das heißt, dass das Auslegen in vielen Fällen erst bei Eintritt des Erfolgs (also bei Schaden des Tieres) strafbar ist. Gleichwohl kann das reine Auslegen auch als Versuch strafbar sein, wenn erkennbar ist, dass jemand ein Tier schädigen will.
Einen Zusammenhang zwischen der Berichterstattung in der RHEINPFALZ zu Problemen mit Hundekot und den jüngsten Giftködervorfällen in Neustadt konnte die Polizei „im Rahmen der Ermittlungen nicht feststellen“. Die Motivlage sei unklar. Tierärztin Rühl plädiert für gegenseitige Rücksichtnahme: „Nichts entschuldigt das Auslegen von Giftködern, es gefährdet unsere Vierbeiner, aber auch Kinder und Wildtiere. Aber je rücksichtsvoller wir Hundebesitzer uns bewegen, desto weniger Ärgernis bringt kranke Menschen auf so komische Ideen.“