Neustadt
Feuerwehrtierärztin Regina Rühl: Notfallmedizin für tierische Patienten
Eine humpelnde Wildente am Speyerbach, Schildkröten am Soldatenweiher oder eine Katze, die in der Wäschetrommel gefangen ist: Zwei bis drei Dutzend Einsätze fährt die Neustadter Feuerwehr jährlich wegen Tieren, die in einer Notlage sind oder von denen eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit ausgeht. In solchen Fällen kontaktiert die Einsatzzentrale in der Hauptfeuerwache Regina Rühl. Sie ist seit 27 Jahren Tiermedizinerin und seit 2021 offiziell die Feuerwehrtierärztin in Neustadt. Das Amt gebe es anderswo nicht, im städtischen Haushalt seien dafür gesonderte Mittel bereitgestellt worden, erklärt Ralf Stuhlberg, stellvertretender Brand- und Katastrophenschutzinspekteur (BKI). Die Zusammenarbeit sorge für sichere Abläufe in der Tiernotfallmedizin, sagt Rühl. „Ohne festen Ansprechpartner wird die Suche nach Hilfe schnell zur Rennerei, bis man denjenigen findet, der Notdienst hat. Oft sind die Anfahrtswege dann lang.“
Rühl ist für die Feuerwehr nur einen Anruf entfernt. Ist der tierische Patient nicht transportfähig, fährt sie hin. Zum Beispiel, wenn ein Hund in einem Unfallwagen verletzt wurde oder eine angefahrene Katze mit inneren Verletzungen oder Knochenbrüchen Hilfe braucht. „Im Grunde ist es das gleiche Prozedere wie in der Humanmedizin, ich kann sogar mobil röntgen.“ Die Wehr ruft die Tierärztin auch, wenn Tiere aus Brandwohnungen gerettet werden. So wie bei den Balkonbränden in Neustadt in der letzten Silvesternacht. Wichtig dabei: niemals ohne Handschuhe zu arbeiten, weil panische, verletzte Tiere kampfbereit sind. Die Polizei darf sogar zur Schusswaffe greifen, wenn Tiere aggressiv sind und andere gefährden. Damit es nicht so weit kommt, hat Rühl den Neustadter Wehrleuten bei einer Schulung nähergebracht, wie man mit den Tieren umgeht, ohne sie oder sich selbst zu gefährden.
Salami statt Sedierung
In manchen Fällen müssen Tiere im Einsatzgeschehen sediert werden, damit sie gesichert und transportiert werden können. Stuhlberg erinnert an den Fall eines Kangals, der nach der Festnahme seiner Eigentümer plötzlich herrenlos vor der Neustadter Polizeiinspektion stand. Da die türkischen Hirtenhunde manchmal Fremde ohne Vorwarnung angreifen, wurde Rühl hinzugerufen. „Eine Sedierung war dann aber nicht nötig.“ Polizisten hatten sich die Gunst des Hundes mit Minisalami gesichert, er kam ins Neustadter Tierheim. Generell stehen Besitzer in der Pflicht, Gefahren, die für oder durch ihr Tier entstehen, selbst zu beseitigen.
Früher seien die Menschen direkt in ihre Praxis gekommen, wenn sie ein verletztes Tier gefunden hatten, erzählt Rühl. Heute werde schneller die Feuerwehr angerufen, und sie bemerke eine gestiegene Anspruchshaltung der Finder. Bei der Behandlung von Wildtieren ergeben sich für die Tierärztin rechtliche Tücken: Je nach Fundort liegt die Zuständigkeit beim Forstamt beziehungsweise Jagdpächter (Wald) oder der Polizei und Feuerwehr. Auch die Art ist entscheidend. Ein Igel etwa genießt Schutzstatus, eine Taube dagegen nicht. „Die müsste man eigentlich liegenlassen“, erklärt Rühl. Ärzte stehen also nicht in der Pflicht, Wildtieren zu helfen, „aber das entspricht nicht meiner Berufsauffassung“, sagt Rühl. Schließlich stehe im Tierschutzgesetz, dass jedem Tier in Not geholfen werden muss. „Und es macht etwas mit unserer Gesellschaft, wenn wir nicht helfen.“
Einsatz fürs Tierwohl
Auch Tierkliniken nehmen nicht alle Patienten an, insbesondere wenn es keine Besitzer gibt. Da bleibe dann nur das Einschläfern. Oder eben persönlicher Einsatz. So hat Rühl schon Tiere intensivüberwacht, obwohl ihre Praxis dafür eigentlich nicht ausgestattet ist. „Ich habe meine Matratze neben den Behandlungstisch gelegt, so ging’s.“ Gibt es für ein Wildtier keine Aussicht auf ein Leben in Freiheit mehr, werde es jedoch nicht behandelt. „Das wäre nicht im Sinne des Tieres.“
Wer ein verletztes Tier findet, dem empfiehlt Rühl, zunächst Ruhe zu bewahren und Abstand zu halten, um das Tier zu beobachten. Ist es wirklich in Not? „Ein Nestling stürzt beim Üben auch mal ab, und Rehkitze warten oft auf die Ricke. Das Tier hat die besten Überlebenschancen, wenn man es wieder aussetzt.“ Hilfe sei nur notwendig, wenn es offensichtlich verletzt, orientierungslos oder apathisch ist. Rühl rät, zur Sicherung des Tiers eine Decke und einen Karton bereitzulegen. „Die sind meisten nicht begeistert, wenn man sie auf den Arm nimmt.“
Einen Beitrag leisten
Ist die Sicherung des Tiers geglückt, sollte ein Tierarzt, der tierärztliche Notdienst oder eine Wildtierauffangstation kontaktiert werden. Laien ohne Fachkenntnisse sollten nicht eigenmächtig handeln. Rühl erinnert: „Wer ein verletztes Tier aus der Natur aufnimmt, übernimmt damit auch Verantwortung dafür.“ Nimmt jemand ein Wildtier aus der Natur, das nicht verletzt, krank oder hilflos ist, kann er wegen Wilderei sogar rechtlich verfolgt werden.
Die Notfallmedizin macht der Feuerwehrtierärztin Spaß. Sie will damit aber auch einen Beitrag für die Gemeinschaft leisten. „Die Freiwillige Feuerwehr macht einen sehr guten Job, und das ehrenamtlich. Das muss man so gut unterstützen, wie man kann.“