Neustadt Hohe Kunst für Stimme und Orgel
«Hassloch». Wer am kommenden Freitagabend aus der Haßlocher Christuskirche über den inneren Nachhall eines mutmaßlich eindrucksvollen Konzerts hinaus mehr noch mit nach Hause nehmen möchte, hat diesmal gute Karten. Denn der Duo-Abend mit dem Bariton Christopher Jung und Bezirkskantor Simon Reichert an der Orgel präsentiert das Programm einer CD-Einspielung, die ab sofort käuflich zu erwerben ist. Und das genüssliche Nachhören im heimischen Ambiente geradezu nahelegt.
Punktgenau zur jahreszeitlichen Stimmungslage des nebeltrüben, melancholisch besinnlichen Herbstes ist die bei Paschen-Records erschienene Scheibe jetzt auf dem Markt. Produziert wurde die Aufnahme mit Orgelmusik von Johannes Brahms und Liedern für Bariton und Orgel von Max Reger sowie des zeitgenössischen Tondichters Tilo Medek in großen Teilen bereits 2016. Neu im Plot ist der titelgebende siebenteilige Lieder-Zyklus „Wo läufst Du hin?“ von Jan Roelof Wolthuis, der als Auftragskomposition Vertonungen barocker Verse des schlesischen Dichter-Mystikers und Arztes Angelus Silesius beisteuerte. Die Genese des Projekts ist eng verknüpft mit dem Wunsch Simon Reicherts, Teile des – nicht eben umfangreichen – Orgelwerks von Johannes Brahms einzuspielen. „Gerade die späten Choralbearbeitungen op. 122, die im Übrigen sehr viel mit Brahms’ lebenslanger Bindung an Clara Schumann zu tun haben, sind so wunderbare Charakterstücke und zusammen mit den an Bach’scher Kontrapunktik geschulten Präludium und Fuge in g-Moll und a-Moll ein nobler Rahmen für die drei markanten Wegmarken der ansonsten rar besetzten Sparte Gesang und Orgel“, sagt er. Max Reger, der mit seinen neun Gesang-und-Orgel-Kompositionen quasi eine musikgeschichtliche Gattung kreierte, ist mit vier Vertonungen von Texten unter anderem von Novalis, dem romantischen „Dichter der Nacht“, vertreten. Bei den Orgel-Liedern von Tilo Medek, geboren 1940 in Jena, im Zusammenhang mit der Biermann-Affäre 1977 aus der DDR ausgebürgert, später sehr eng mit Mannheim verbunden, faszinierte Reichert vor allem die ganz spezielle Behandlung der Orgel, „die nicht mehr nur begleitend die Singstimme stützt, sondern Eigenständigkeit entwickelt, kommentierend ganz eigene Deutungen des Textes präsentiert“. Das resultiert nicht zuletzt aus den mannigfaltigen Möglichkeiten des Instruments Orgel, das im Grunde ein Orchester ersetzt, so Reichert. Und dem Melos der Singstimme einen ganzen Bühnenkosmos zur Seite stellt. Rasche Registerwechsel ermöglichen Schichtungen von Stimmungen, opulente Bilderfluten ebenso wie sphärische Kontemplation. Mit dem niederländischen Komponisten und Pianisten Jan Roelof Wolthuis, der lange am Nationaltheater Mannheim wirkte, haben beide Interpreten schon öfter zusammengearbeitet, und so entstand die Idee, ihn in das Projekt einzubinden. Sein Lieder-Zyklus „Wo läufst Du hin?“ greift sieben sich stimmig fügende Mehrzeiler aus der umfangreichen Sammlung „Der Cherubinische Wandersmann“ auf. Ihr Dichter Angelus Silesius, Mystiker und Mahner, der 1653 entgegen dem Zeitgeist vom Protestantismus zum Katholizismus konvertierte, blieb zeitlebens ein verzweifelter Gottsucher. Seine Texte – und dies spiegelt sich in Wolthuis’ zu Musik geronnener Exegese ganz eindrücklich – offenbaren die Zerrissenheit zwischen Gottesferne und Gottesnähe. Dabei geht die Orgel ähnlich wie bei Medek ganz eigene Weg, aber stets in Korrespondenz zur ungemein emotional und expressiv deklamierenden Singstimme. Raum und Instrument für die CD-Aufnahme hatte Simon Reichert bei einer Orgel-Fahrt mit dem Kirchenmusikalischen Seminar in Nordrhein-Westfalen aufgespürt. Die Paulikirche in Soest beherbergt – in barockem Gehäuse – eine Walcker-Orgel im Originalzustand von 1895 mit 28 Registern. „In fabelhaften Zustand“, wie der Organist vermerkt, und eingebettet in eine vorzüglich rundende Raumakustik. Professioneller Tonmeister der Aufnahme war Reicherts Bruder Benjamin. Auch Bariton Christopher Jung, Professor in Halle, ist in der Region kein Ungekannter. Mehrfach hat er mit Reichert hochgelobte Konzertabende gestaltet und auch dieses eher ungewöhnliche Programm gewinnt durch die Qualität der Ausführenden zusätzliches Profil. Termin Erstmals konzertant vorgestellt wurde die CD am letzten Samstag im Dom zu Ratzeburg. Am Freitag, 2. November, 19 Uhr, folgt auf Einladung der Haßlocher Turminitiative die Pfalz-Premiere in der Haßlocher Christuskirche. Der Eintritt ist frei