Neustadt
Hürdenlauf wegen Corona-Verdachts am Wochenende
Es ist ein heißer Samstagmorgen. Eine Neustadterin kommt aus der Nachtschicht in einer Betreuungseinrichtung und klagt über Kopf- und Halsschmerzen, Fieber und Schüttelfrost. Der Verdacht liegt nahe, sie könnte sich mit dem Coronavirus infiziert haben. Zu Hause ruft sie beim ärztlichen Bereitschaftsdienst unter der Nummer 116117 an. „Ich habe es zwei Stunden lang probiert und bin nicht durchgekommen“, berichtet die Frau. Sie will anonym bleiben, um ihren Arbeitgeber und die Bewohner zu schützen.
Dann ruft sie beim ärztlichen Notdienst an, ihr wird geraten, ins Krankenhaus Hetzelstift zu gehen. Dort darf sie aus Infektionsschutzgründen nicht ins Gebäude. Sie soll stattdessen vor dem Untersuchungszeit warten, das seit der Corona-Hochphase vor dem Krankenhaus steht, bis jemand kommt und sie untersucht. „Ich stand krank in der brütenden Hitze, und die Leute schauten mich an, als hätte ich einen Corona-Stempel auf der Stirn“, ärgert sich die Betreuerin. Sie hätte sich mehr Diskretion und ein schattiges Plätzchen zum Warten gewünscht.
Überweisung an Hausarzt
Nach einer guten halben Stunde kommt eine vollvermummte Ärztin, untersucht die Frau im Zelt und gibt ihr eine Überweisung an den Hausarzt mit. Darauf steht: Verdacht auf Corona. Die Nachricht gibt sie ihrem Arbeitgeber weiter, der sofort die Tore der Einrichtung dicht macht: Die Bewohner dürfen übers Wochenende nicht nach Hause. Daheim nimmt die Neustadterin Schmerztabletten und gurgelt gegen die Halsschmerzen an.
Anruf am selben Tag beim Gesundheitsamt: Dort ist man nicht zuständig, die Frau soll am Montag zu ihrem Hausarzt gehen. Gesagt, getan. Dienstagnachmittag dann die Erleichterung: Das Testergebnis ist negativ, die Menschen in der Betreuungseinrichtung dürfen wieder raus. Doch es bleiben Fragen offen. So wundert sich die Frau, warum ihr zunächst niemand so wirklich sagen konnte, wie sie sich verhalten und wohin sie sich wenden soll mit ihren Beschwerden. „Zwischen 10 und 12 Uhr an einem Samstag ist die absolute Hochzeit, da rufen üblicherweise sehr viele Leute die Hotline 116177 an“, erklärt Rainer Saurwein, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Rheinland-Pfalz, weshalb beim ärztlichen Bereitschaftsdienst kein Durchkommen möglich war. Um 8 Uhr sähe das ganz anders aus.
Wer ist für Zelt verantwortlich?
Die nächste Frage: Warum musste die Frau mehr als eine halbe Stunde in der Sonne stehen? Um dies zu klären, sei es erst einmal nötig, die Verhältnisse vor Ort zu erklären, sagt Carla Bernius, die ärztliche Leiterin der zentralen Notaufnahme des Marienhauses Hetzelstift: „Wir als Krankenhaus betreiben das Zelt. Am Wochenende nutzt es die Vertretung der niedergelassenen Ärzte.“
Weil das Krankenhaus noch keine Möglichkeit im Gebäude habe, Infektpatienten von Nichtinfektpatienten zu trennen, wurde Ende Februar das Zelt aufgestellt. Dort werden Patienten „vorsortiert“. Es wird also bestimmt, ob sie etwa wieder nach Hause entlassen werden können oder stationär aufgenommen werden müssen. Erst bei allen stationären Fällen ist das Hetzelstift laut Bernius zuständig – egal ob es sich um Corona oder ein gebrochenes Bein handelt. Weshalb die Frau länger vor dem Zelt warten musste, müsse der Bereitschaftsdienst der KV klären. Deren Sprecher Saurwein sagt hingegen: „Man kann es uns nicht anlasten, wenn dort keine geschützten Wartebereiche aufgestellt werden.“ Denn dafür sei das Hetzelstift als Betreiber zuständig.
Warum nicht getestet?
Die Neustadterin fragt sich außerdem, warum nicht schon im Zelt ein Rachenabstrich gemacht wurde. Sie arbeite in einem systemrelevanten Beruf, der Verdachtsfall habe auch Auswirkungen auf ihren Arbeitsplatz gehabt. Rein technisch wäre das möglich gewesen, sagt Silke Basenach, Leiterin des Gesundheitsamts, auch weil die Ärztin voll vermummt war. „Es liegt im ärztlichen Ermessen, wie in einem solchen Fall gehandelt wird“, sagt Bernius. Saurwein ergänzt: „Da an den Wochenenden kein Labor geöffnet hat und somit keine Tests ausgewertet werden, hätte die Dame das Ergebnis ohnehin erst Montagabend oder Dienstagfrüh bekommen.“ Ein Test am Samstag hätte also nichts geändert. Dennoch bleibe es der Neustadterin freigestellt, ob sie sich bei der KV über die behandelnde Ärztin beschwert, so Saurwein.
Alle drei – Basenach, Bernius und Saurwein – betonen: Corona-Tests seien mittlerweile Sache des Hausarztes. Eine Ausnahme gilt für Reiserückkehrer aus Risikogebieten. Denn diese können sich noch bis 30. September montags, mittwochs und freitags im früheren Testzentrum in der Speyerdorfer Straße testen lassen. Ab 1. Oktober gelten dann neue Quarantäne-Regeln: Wer aus einem Risikogebiet zurückkehrt, soll zehn Tage lang in Isolation. Erst ab Tag fünf kann die Quarantäne vorzeitig beendet werden – sofern ein negativer Test vorliegt.