Neustadt Glänzendes Heimspiel
«Neustadt». Bejubelt wurden beide mit Recht: das Landesjugendorchester Rheinland-Pfalz, dirigiert von Markus Huber, und der Solist am Klavier, Joseph Moog, aus Neustadt stammend, heute international in den bedeutendsten Konzertsälen der Welt gefragt.
Moog zeigte am Sonntag im Saalbau einmal mehr sein glänzendes, technisch ausgefeiltes und gestalterisch in jedem Moment spannendes Spiel. Markus Huber verwirklichte ein wunderbar ausgeglichenes, strahlendes und transparentes Klangbild. Da und dort hätte man sich von ihm aber stärkere gestalterische Impulse in Richtung seiner jungen Musikerschar gewünscht. Diese wäre gewiss, wie die Zugabe zeigte, in der Lage gewesen, ihnen zu folgen. Aber von Anfang an. Das Programm war nordisch-norddeutsch-spätromantisch: Sibelius, Grieg, Brahms. Eine schöne Zusammenstellung. Als Ouvertüre fungierte Jean Sibelius’ Tondichtung „Finlandia“, schon bei der Uraufführung 1899 als politisches Signal für den Unabhängigkeitsdrang der Finnen gegenüber dem zaristischen Russland inszeniert. Das Stück ist, man mag das mögen oder nicht, ein ungemein effektvolles, höchst pathetisches Schlachtross. Es will vorwärtsdrängenden, mitreißenden Schwung. Hubers Dirigat fordert aber vor allem Exaktheit ein. Da kommen die einleitenden Bläserakkorde unverbindlich, fast zögernd, der folgenden Passage fehlt neugierig machende Spannung. Es gibt aber auch genug, über das sich der Hörer freuen kann: ein wirklich das Gesamt des großen Orchesters umfassendes blitzsauberes, strahlendes Klangbild, höchst bemerkenswert angesichts der Tatsache, dass da ja keine ausgebildeten Profis am Werk sind, sondern begabte junge Menschen, die solche (vielleicht) erst werden wollen. Alle Details der Komposition kommen klar zur Geltung, nichts versinkt in teigigem Klangdickicht, das Blech ist äußerst präzise und klanglich sehr angenehm. Aber insgesamt wird eher sachlich-zurückhaltend als mitreißend musziert, so dass auch der Beifall verhalten bleibt. Ganz anders die ersten Takte des Klavierkonzerts von Edvard Grieg. Joseph Moog meißelt die charakteristischen Eingangsfiguren mit federnder Kraft, agogisch akzentuiert, also mit kleinen, verlebendigenden Tempoverschiebungen. Das sagt was, das will was. Moog genießt das Bizarr-Perlende, kostet das Elegische aus, spielt bis zum Ende voller Spannung und vielfältig gestaltend. Man kann in diesem Stück bombastisch donnern. Das liegt Joseph Moog völlig fern, er bleibt hell und klar im Klang, gestaltet bewusst aus einer gewissen Distanz, ohne dass sein Spiel je emotionslos wirkt. Das Orchester unterstützt ihn dabei trefflich. Kurz: Dem Hörer kann kaum Interessanteres, Fesselnderes geboten werden. Zwei Zugaben gibt der 30-Jährige, nach einem Gruß an seine Heimatstadt: das Chanson „En Avril à Paris“ von Charles Trenet, von Alexis Weißenberg für Klavier arrangiert – auch hier weiß Joseph Moog Präzision mit gelöstem, subtilen, klanglich ungemein nuancenreichem Spiel zu verbinden – und die Etude tableau op. 33/8 von Rachmaninoff, glänzend gemeistert und von begeistertem Applaus gefeiert. Nach der Pause: die Sinfonie Nr. 2 in D-Dur von Johannes Brahms. Das Orchester gestaltet sie klanglich wunderschön, musiziert einträchtig, bestens ausbalanciert und immer wieder geradezu brillant. Da gibt es anfangs einen zarten, präzisen Streicher-Abstieg ins kaum noch hörbare zwei- oder dreifache Piano, gleich darauf höchst diszipliniert aufgebautes Orchestercrescendo. Immer wieder zeigt sich in technischem Sinn ganz hervorragende Orchesterarbeit. Aber auch hier kommt Hubers Auffassung über eine gewisse Neutralität nicht recht hinaus. Seine Hände erzählen den Musikern keine Geschichte. Was damit gemeint ist, zeigt die Zugabe, ebenfalls von Brahms, einer der bekannteren Ungarischen Tänze, die all das bisher Fehlende in reicher Fülle hat. Hier ist Schwung, Temperament, rhythmische Raffinesse, Ironie, belebende Freiheit im Tempo gegenüber dem regelmäßigen Taktskandieren. Etwas von dieser Spritzigkeit hätte auch der Fantasie gut getan. Am Ende feierten nicht nur die vielen aus dem ganzen Land angereisten Angehörigen im ausverkauften Saal die Musiker ausgiebig. Die hatten dies aber auch unbedingt verdient.