Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Fußball: Immer mehr Partien werden in der Vorderpfalz live im Netz gestreamt

Die Kamera folgt dem Spielgeschehen vollautomatisch.
Die Kamera folgt dem Spielgeschehen vollautomatisch. Foto: Benndorf

Interview: Seit 2018 werden Heimspiele höherklassiger Fußballvereine in der Vorderpfalz live im Internet übertragen. Möglich ist das dank einer vollautomatischen Videokamera. Alexander Neyer (28), Head of Sports der Plattform sporttotal.tv, erläutert die Technik und die Kosten.

Herr Neyer, was ist sporttotal.tv und seit wann gibt es das Angebot?
Die sporttotal.tv GmbH ist die Streaming-Plattform der Sporttotal AG – ehemals wige Media AG –, auf der Sportevents live übertragen werden. Gegründet wurde sie im Januar 2017. Anfang 2017 haben wir eine halbjährige Pilotphase im Fußball in Niedersachsen und Bayern gestartet. Das erste Spiel, welches live übertragen wurde, war eine Benefizpartie im Juli 2016 zwischen dem SV Lippstadt und dem FC Bayern München. In der Saison 2017/18 wurden dann rund 60 Vereine, unter anderem aus der Regionalliga Nord, live übertragen. Über alle Sportarten aus unserem Portfolio gesehen haben wir mittlerweile knapp 700 Kamerasysteme installiert und bereits über 14.500 Spiele live gestreamt.

Die Vereine stehen bei Ihnen unter Vertrag. Wie kann ich mir das vorstellen?
Auf den Fußball bezogen: Wir haben 2017 mit dem DFB einen Zehn-Jahres-Vertrag unterzeichnet und uns damit die Übertragungsrechte für das DFB-Lizenzgebiet ab der vierten Ebene abwärts (Regionalliga) gesichert. Damit einher geht, dass wir an die Landesverbände herantreten dürfen, um Vereine für Liveübertragungen zu gewinnen. Beim Fußball haben wir beispielsweise bis auf die Regionalliga Nordost alle Rechte. Als Rundfunksendeanstalt – mit Medienprivileg – haben wir hier fast die gleichen Rechte wie öffentlich-rechtliche und private Sender. Wichtig ist, dass wir mit dem Regional- sowie dem Landesverband und dann im letzten Schritt den Vereinen ein gültiges Rechteverhältnis aufbauen/aufgebaut haben.

Wie viele Sportarten übertragen Sie denn?
Insgesamt sind es mittlerweile zehn Sportarten. Neben Fußball sind das unter anderem Basketball, Feld- und Eishockey, Futsal, American Football, Tennis und Motorsport. Außerdem haben wir die Exklusivrechte für die Volleyball-Bundesliga Frauen und Männer sowie die Damen Basketball Bundesliga DBBL.

Sehen Sie sich dabei auch als Konkurrenz zu Sportsendungen beispielsweise auf Dritten Programmen?
Nein, man kann es nicht als Konkurrenz zu solchen Sendungen bezeichnen. Wir wollen ein anderes Angebot schaffen und können generell ja auch gar keine Konkurrenz sein, da wir über einen anderen Kanal aussenden und eine andere Zielgruppe ansprechen. Wir sehen uns vielmehr als Ergänzung, wollen über einen neuen Weg Zuschauer für Sportarten generieren, die vielleicht auch nicht immer im Mittelpunkt stehen und teilweise im besten Fall natürlich diese Sportarten auch gemeinsam weiterentwickeln. Streaming gehört mittlerweile einfach dazu. Viel wichtiger ist jedoch, dass wir eine Plattform aufbauen, auf der der User Sport konsumieren kann – ohne auf einen anderen Kanal wechseln zu müssen. Zudem haben wir für diese Sportarten bei uns eine langfristige Content-Strategie aufgebaut, die nicht nur dem Sport, sondern darüber hinaus dem Verein und mittlerweile auch direkt den Sportlern einen großen Mehrwert bietet.

Und wie funktioniert das Ganze dann genau?
Für die Übertragungen wird eine 180-Grad-Kamera-Technologie eingesetzt. Die Kamera ist fest am Spielfeldrand auf Höhe der Mittellinie zum Beispiel am Flutlichtmast oder Tribünendach installiert. Mit Hilfe eines Algorithmus erkennt die Software dahinter das Spielgeschehen vollautomatisch, orientiert sich dabei am Schwarmverhalten der Spieler und dem Ball.

Was ist, wenn mal ein zweiter Ball im Spiel ist. Dreht die Kamera dann durch?
Nein (lacht). Beim Spiel kann es schon mal vorkommen, dass der Algorithmus dann kurz braucht, bis er richtig gerechnet und den Fokus hat. Weil er sich aber ja auch am Schwarmverhalten der Spieler in einem vorab kalibriertem Bereich orientiert, liegt er in der Regel während des Spielbetriebs richtig.

Wie viele Kameras sind installiert?
Insgesamt sind es etwa 680, darunter auch zirka 40 Systeme in Frankreich mit unserer in Luxemburg basierten neugegründeten Sporttotal International SA. Deutschlandweit sind es in allen Sportarten etwa 640, darunter allein etwa 580 im DFB-Lizenzgebiet.

Wie hoch sind ihre Nutzerzahlen?
Im vergangenen Jahr hatten wir Seitenaufrufe im zweistelligen Millionenbereich, für dieses Jahr rechnen wir mit hohen zweistelligen. Im Idealfall werden wird dann schon die dreistelligen Millionenaufrufe knacken. Im Durchschnitt übertragen wir am Wochenende mehr als 300 Fußballspiele mit einer knappen vierstelligen Zuschauerzahl pro Partie im Schnitt über alle Spiele. Regionalligen und teilweise einige Oberligen liegen natürlich deutlich über dem Durchschnitt, hier haben wir teilweise sechsstellige Views einer Partie – Live und On-Demand.

In den Streams werden auch die Spielzeit und das Ergebnis eingeblendet. Wie funktioniert das?
Die Daten zum jeweiligen Spiel werden von fussball.de beziehungsweise dfb.net bereitgestellt, hier direkt bei einem Spiel über den DFB-Liveticker. Dadurch wird automatisch die Ergebnis- und Zeitanzeige generiert. Ähnlich funktioniert es in anderen Sportarten, zum Beispiel im Volleyball.

Und was passiert, wenn mal ein Tor zurückgenommen wird?
Wenn der „Tickerer“ des Vereins aufmerksam ist, stellt das kein Problem dar. Bisher erkennt die Kamera solche Highlights noch nicht automatisch, daran arbeiten wir aber zur Zeit sehr intensiv und sind hier auch schon in der Entwicklung weit fortgeschritten.

Werden die Spiele auch kommentiert?
In 90 Prozent der Fälle gibt es noch keinen Kommentator. Generell wäre das aber ohne großen Aufwand möglich. Nach einer kurzen Einführung könnte nahezu jeder Verein direkt vom Platz aus kommentieren.

Welche Voraussetzungen braucht es, damit ein Verein seine Spiele auf ihrem Portal übertragen lassen kann?
Generell braucht der Verein eigentlich keine individuellen Voraussetzungen. Wir stellen im Prinzip die komplette Infrastruktur von der Stromversorgung über eine Internetverbindung bis hin zur Kamera inklusive Mast. Aber natürlich ist es besser, wenn bestimmte Dinge schon vorhanden sind. Denn wir evaluieren, ob sich eine Investition auch im Kontext rechnet. Ziel ist es immer, eine Sportart beziehungsweise eine Liga vollständig abdecken zu können, so bindest du Community und Vereine zu einem Konstrukt zusammen und zeigst Mehrwerte für alle Beteiligten.

Was kostet Sie die Infrastruktur?
In der Regel investieren wir pro Standort zirka 10.000 Euro. Darin enthalten ist alles, von der Soft- bis zur Hardware.

Und für den Verein entstehen keine Kosten?
Im Fußball zahlt der Verein monatlich eine Lizenzgebühr von 9,90 Euro sowie die laufenden Stromkosten pro Jahr.

Die monatlichen Gebühren für die Vereine sind sehr gering. Wie finanzieren Sie sich?
Der Großteil wird über unsere Partnerships abgedeckt, beispielsweise durch unseren Exklusivpartner Hyundai. Dazu kommen Einnahmen aus Werbung, die etwa während der Liveübertragungen eingeblendet wird oder Produktvermarktung auf unserer Plattform und sozialen Kanälen.

Schafft ein solches Digitalangebot nicht auch neue Anreize für kleinere Vereine?
Ja, auf jeden Fall. Durch die Möglichkeit, Werbung in den Stream einzubinden, ist das natürlich auch für lokale Sponsoren attraktiv, schließlich können darüber neue Zielgruppen erreicht werden. Ohnehin legen die Sponsoren zunehmend Wert auf digitale Angebote. Diese Möglichkeit haben wir seit Mitte Oktober auf unserer Plattform und informieren gerade über unsere Unit „Club-Management“ unsere Vereine darüber.

Derzeit ist das Angebot für Nutzer kostenfrei. Gibt es Pläne, ein kostenpflichtiges Abo einzuführen?
Klar gibt es solche Pläne. Wie, ab wann und in welchem Umfang ist aber noch in der Diskussion. Für den Fußball wird das im Allgemeinen kurz- und mittelfristig nicht so schnell kommen. Bei anderen Sportarten oder auch im Jugendbereich ist eine Pay-Wall aber natürlich immer interessant.

Die 180-Grad-Kamera ist an einem Flutlichtmast im Rudolf-Harbig-Stadion beim VfR Grünstadt (Landesliga) installiert. Weitere Kam
Die 180-Grad-Kamera ist an einem Flutlichtmast im Rudolf-Harbig-Stadion beim VfR Grünstadt (Landesliga) installiert. Weitere Kameras in der Region gibt es beim FV Dudenhofen und TuS Mechtersheim (beide Oberliga). Foto: Benndorf
Alexander Neyer von sporttotal.tv.
Alexander Neyer von sporttotal.tv. Foto: PRIVAT
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