Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Froh wegen des kleinen Wörtchens „negativ“

Dierk Vagts macht einen Abstrich bei Benedikt Grüne.
Dierk Vagts macht einen Abstrich bei Benedikt Grüne.

Das „Aufwärmtraining“ der Wasserballer des SC Neustadt war am Freitag spannungsgeladen. Die 25 Spieler des Zweitliga-Kaders kamen zum routinemäßigen Corona-Schnelltest ins Clubheim. Ein positives Ergebnis hätte das Ende des Trainingsbetriebs bedeuten können.

Seit der zweiten großen Corona-Welle werden die Spieler alle 14 Tage getestet. Dass sie überhaupt wieder ins Wasser können, ist keine Selbstverständlichkeit. Der Förderverein der Wasserballer hat dazu das Stadionbad von den Stadtwerken gemietet. SCN-Manager Michael Heinz: „Alle Kadermitglieder können in den Leistungszentren trainieren, auch die Vereine der höchsten drei Ligen dürfen ins Wasser, sofern sie ein Schwimmbad zur Verfügung haben. Dass wir nicht ins Wasser konnten, war ein riesiger Nachteil.“

Deshalb hat Heinz zusammen mit dem Ordnungsamt und den Stadtwerken ein Konzept auf Grundlage der 12. Corona-Schutzverordnung erarbeitet und sich mit den Werken auf eine tägliche Nutzung geeinigt. Eine erste Kontrolle durch das Ordnungsamt gab es bereits. Jetzt gehen die Spieler täglich außer sonntags ins Wasser, samstags gibt es gleich zwei Trainingseinheiten.

Spielervater nimmt Abstrich

Doch auch wenn sich alle an die Regeln halten, Corona lauert schließlich auch im beruflichen oder schulischen Alltag. Daher zieht Spielervater Dierk Vagts alle zwei Wochen einen Vollschutzanzug an und verwandelt sich damit in ein Marsmännchen. Der Medizinprofessor, der als Chefarzt im Marienhaus Klinikum Hetzelstift auf Anästhesiologie und Intensivmedizin spezialisiert ist, war vor dem Lockdown regelmäßig als Zuschauer dabei, wenn sein Sohn Jakko auf Torjagd ging. Jetzt übernimmt er mit seiner Frau Sandra die Testreihe.

Sie nimmt an diesem Freitagabend die in Etappen ankommenden Spieler in Empfang, trägt das Ergebnis der Temperaturmessung in eine Tabelle, fragt nach eventuellen Kontakten zu Corona-Infizierten und vergibt eine Nummer. Die nächste Station ist der Stuhl im Testraum. Es ist kalt im Clubheim, alle Türen sind geöffnet. Dierk Vagts nimmt das rund 12,5 Zentimeter lange Teststäbchen. Er trägt Schutzanzug, Handschuhe, Brille, FFP-1-Maske und Visier. Das Stäbchen hat ein kleines Schwämmchen, mit dem in der Nasenhöhle beim Übergang zum Rachen der Abstrich genommen wird.

Die Spannung steigt

Vagts redet beruhigend auf den Athleten ein, denn er weiß, für wenige Sekunden gibt es ein unangenehmes Gefühl in der Nase. Dann ist es auch schon vorbei. Jetzt ist weiterhin Fingerspitzengefühl gefragt. Vagts schwenkt das Stäbchen mit dem Tupfer in einer kleinen Ampulle und drückt das Schwämmchen sorgfältig an die Seitenwand, damit die Probe auch korrekt entnommen wird. Danach kommen drei Tropfen auf den Testträger. Ist alles richtig gelaufen, wird das mit einem Kontrollstreifen „Gültig“ angezeigt. Jetzt heißt es warten.

Jeder Streifen wird mit der Uhrzeit und der Spielernummer versehen. Nach 30 Minuten wird abgelesen. Läge eine Infizierung vor, würde ein weiterer Streifen auftauchen. Und es würde eine hektische Betriebsamkeit beginnen, um die engeren Kontakte zu ermitteln sowie den gesamten Trainingsbetrieb einzustellen.

Doch regelmäßig ruft Vagts die Namen der getesteten Spieler auf und sagt: „Negativ.“ Aufatmen. Das Freitagstraining im Stadionbad kann also beginnen. Für diesen Moment sind alle gesund. Weiterhin gelten Abstand, Maske und Hygiene, damit sich das Virus nicht in den nächsten Tagen in den Trainingsbetrieb einschleicht.

Nur auf dem Trockenen schlecht

„Wir sind damit natürlich in einer privilegierten Stellung“, sagt Heinz. Doch seien die Spieler „Hochleistungstiere“: „Man kann sie nicht wochenlang ohne Wasser trainieren lassen. Kraft- und Konditionstraining ohne Wasser beanspruchen ganz andere Muskelpartien.“ So sei die zweiwöchige Pause Anfang November noch relativ unschädlich für den Körper gewesen, außerdem hätten alle nach ausführlichen „Trockenplänen“ gearbeitet. Eine längere Pause hätte aber bewirkt, dass die Spieler, darunter sehr viele junge, ambitionierte und in die Zweitligamannschaft gut integrierte Nachwuchsspieler, das Gefühl für das Wasser verloren hätten.

Trotzdem ist Training auch momentan eine Übung im Nebel. Die Clubs wissen nicht, wann und wie es weitergeht. Heinz: „Wir trainieren jetzt Schwerpunkt Kondition und Taktik. Wann wir das alles im Spielbetrieb wieder abrufen dürfen, ist völlig offen.“ Er rechnet mit besonderen Modellen im Ligabetrieb. Etwa mit Wochenenden in Turnierform oder einer verkürzten Runde mit jeweils nur einer Begegnung gegen einen Ligakonkurrenten, also ohne Rückspiel. „Und dann vielleicht nur als Freiluftsaison“, spekuliert Heinz. Die Kosten für Schwimmbadmiete und Corona-Tests trägt der Förderverein. Je Testkit fallen zehn Euro pro Spieler an. Heinz: „Da wir momentan aber keine Kosten für Auswärtsspiele haben, können wir das finanzieren.“

Trotzdem voll motiviert

Stefan Ehrenklau und Fernando Mongrell, zwei Führungsspieler des Zweitligisten, bedauern den bisherigen Ausfall der Saison. Ehrenklau: „Ziel war ja, dass wir unsere Nachwuchsspieler integrieren und mit unserer Erfahrung anleiten. Den jungen Spielern fehlt jetzt fast ein ganzes Jahr an Spielpraxis. Aber das Training macht mit ihnen viel Spaß, sie sind voll motiviert.“

Und Fernando Mongrell, der inzwischen in Ludwigshafen wohnt, kommt dreimal wöchentlich nach Neustadt zum Training: „Mir würde das Wasser sehr fehlen. Aber ich weiß von Vorwärts Ludwigshafen, dass die Spieler momentan gar nicht schwimmen können. Ich jogge manchmal mit Martin Görge oder treffe mich mit ihm zum Workout.“ Görge, der auch mehrere Jahre beim SCN spielte, ist inzwischen wieder in seinem Ludwigshafener Heimatverein am Ball.

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