Grünstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Film ab und Nadeln los – erstes „Strickkino“ der Region steigt in der „Filmwelt“

Kino in Verbindung mit Stricken und anderen Handarbeiten erlebt einen Riesen-Boom in der ganzen Republik – dieses Foto zum Beisp
Kino in Verbindung mit Stricken und anderen Handarbeiten erlebt einen Riesen-Boom in der ganzen Republik – dieses Foto zum Beispiel entstand in Oldenburg. Jetzt gibt es das Angebot erstmals auch bei uns.

Interview mit Margit Hofmann, einer der beiden Initiatorinnen.

Stricken im Kino? Das ist beim ersten „Strickkino“ kommenden Sonntag in der Filmwelt Grünstadt möglich. Veranstaltet wird dieses von Margit Hofmann und Heike Diehl, die beide hauptberuflich als Färberinnen arbeiten und auch gemeinsam das Wollcraft Festival in Worms organisieren. Im Gespräch mit Sandrina Lederer berichtet Hofmann, was einen beim „Strickkino“ erwartet, für wen es sich eignet und warum sich so viele für Handarbeiten begeistern.

Frau Hofmann, Stricken und dabei einen Film schauen – klingt nach einer eher ungewöhnlichen Kombination. Wie kamen Sie auf diese Idee?
Strickkino ist seit einem Jahr der totale Hype in der Handarbeitscommunity. Ich habe mich riesig gefreut, dass wir die Filmwelt Grünstadt gewinnen konnten, um das hier in der Region anzubieten. Überall, wo sich Handarbeitsbegeisterte treffen, gibt es in Großstädten wie Mannheim, Frankfurt, Mainz, München oder Berlin schon die Möglichkeit, ein Strickkino zu besuchen. Wir treffen uns auch gerne im Café zum Stricken, aber Strickkino ist noch mal was richtig Nettes, da wir auch den Film gemeinsam sehen. Es wird natürlich nicht komplett abgedunkelt wie bei einem normalen Kinofilm, damit wir stricken oder häkeln können. Häkelbegeisterte sind natürlich genauso eingeladen, auch wenn der Name sich aufs Stricken bezieht – wir mussten eben einen griffigen Titel wählen ...

Irgendjemandem tritt man leider immer aufs Wollknäuel…
(Lacht) Ja, genau. Es sind wirklich alle eingeladen, wir brauchten eben nur einen einprägsamen Namen und bundesweit ist das bereits unter Strickkino bekannt. Heike Diehl und ich organisieren das Wollcraft-Festival, das Ende August zum zweiten Mal in Worms stattfand. Aber ganz besonders freuen wir uns über das erste Strickkino in Grünstadt. Gemeinsam werden wir an einem Sonntagnachmittag „Mamma Mia“ schauen, und im Anschluss haben wir noch die Möglichkeit, im Restaurantbereich des Kinos weiter zusammenzusitzen und gemeinsam zu stricken.

Wie sind Sie auf diesen Trend aufmerksam geworden?
Ich habe das innerhalb der Community mitbekommen, auf Social Media. Da dachte ich, das wäre doch total klasse, wenn wir das auch bei uns haben könnten.

Waren sie selbst schon einmal bei einem Strickkino dabei?
Nein, war ich noch nie.

Grünstadt ist demnach auch für Sie selbst eine Premiere.
Genau. Das war wie immer bei mir: Ich wollte nicht weit fahren müssen und es deshalb auch hier vor Ort haben. Ich wohne in Rüssingen in der Verbandsgemeinde Göllheim und fahre 20 Minuten bis zum Kino, das ist wunderbar. Das ist zudem das Kino, in das ich am liebsten fahre. Wir möchten damit auch das Kino unterstützen und die Community mal ins Kino bringen.

Haben die Kinobetreiber den Film vorgegeben?
Nein, die sind da total offen. Wir haben uns zusammengesetzt, die Filmwelt Grünstadt hatte sich auch informiert und herausgefunden, dass es das bundesweit gibt. So haben wir alle Vorschläge mitgebracht und geschaut, was in der Ausleihe zu bekommen ist und uns zusagt. So ist die Filmauswahl entstanden.

Jetzt wird in diesem Film viel gesungen. Ich stelle mir das ziemlich schwierig vor: stricken, singen und schauen … aber Sie sind zuversichtlich, dass keine Masche verloren geht?
(Lacht) Da bin ich total zuversichtlich, denn wir Strickerinnen und Häklerinnen sind gestählt. Wir stricken beim Fernsehen, im Zug, Flugzeug, in voll besetzten, überfüllen Restaurants, wo es laut zugeht. Wir sind geübt.

Das heißt, das Strickkino ist eher was für Profis als für Anfänger?
Nein, überhaupt nicht. Es kann absolut jeder kommen. Wer nur Lust auf den Film hat, ist genauso willkommen wie alle, denen das Stricken wichtiger ist. Wenn jemand eine Masche verliert, sind genügend da, die sofort aushelfen können, die Masche wieder hochzuholen.

Haben Sie denn ein Projekt, das Sie dort stricken werden?
Ich werde eventuell einen Poncho machen, den habe ich nämlich gerade angefangen und meistens versuche ich, meine Strickprojekte weiter zu stricken. Aber ganz viele stricken die sogenannten Stino-Socken – das ist die Abkürzung für stinknormale Socken, bei denen man einfach ganz entspannt glatt rechts strickt. Das ist am wenigsten fehleranfällig.

Die sind mittlerweile hauptberuflich in die Färberei mit Pflanzenfarbe eingestiegen. Wie haben Sie Ihre Liebe zur Handarbeit und speziell fürs Färben entdeckt?
Ich habe als Kind Handarbeiten von meiner Großmutter gelernt, dann aber viele Jahrzehnte nichts mehr in diese Richtung gemacht. Über Museumsdarstellungen bin ich wieder auf Handarbeiten gestoßen und auch aufs Färben mit Pflanzen und Naturfarben gekommen. Ich mache Kurse und Vorführungen in Museen und übernehme Färbeaufträge für Museen, wenn Rekonstruktionen im Textilbereich benötigt werden. Über diese Rekonstruktionsarbeiten bin ich wieder zum Stricken gekommen. Im zweiten Schritt habe ich vor einigen Jahren festgestellt, dass pflanzengefärbte Wolle für Strickprojekte auf dem deutschen Markt nicht zu bekommen waren, weshalb ich das hier wieder einführen und zeigen wollte, dass diese Art des Färbens mit industriell gefärbter Wolle mithalten kann und zudem eine Farbpalette liefert, die mit industrieller Herstellung gar nicht abzudecken ist.

Seit einiger Zeit besinnt man sich wieder auf die „Alten Künste“ wie Stricken, Häkeln, Filzen und Co. Es ist ein regelrechter Hype entstanden. Was ist für Sie das Besondere am Stricken?
Der Hype, wenn man das so nennen kann, ist für mein Empfinden schon seit über zehn Jahren da. Es steigt seitdem kontinuierlich an, auch bei Jüngeren. Letztens hatte ich ein Gespräch mit einer Kundin, die im Bayrischen auf dem Land lebt und sich ärgert, dass Handarbeit oft noch so einen Oma-Touch hat. Innerhalb der Community ist das absolut nicht der Fall. Wir haben uns wahnsinnig verjüngt, haben aber natürlich noch viele tolle Omis dabei. Am Ende hat man etwas in der Hand, das man selbst geschaffen hat. Während Corona hat dieser Hype, der schon im Anlauf war, noch mal richtig Zulauf bekommen, man hat sich online verknüpft. Egal ob häkeln oder stricken, ein Teil des Hirns, so geht es mir, ist damit beschäftigt, dass dieser Ablauf funktioniert. Das ist, meiner Meinung nach, auch der Teil des Hirns, der mich sonst stresst. Ich bin ein um Längen entspannterer Mensch, wenn ich häkeln und stricken kann. Das tut mir gut. Und ich denke so geht es vielen.

Soll das Strickkino ein Unikat bleiben oder eventuell eine Reihe werden?
Wenn es ankommt und die Resonanz entsprechend ist, möchten wir das Strickkino gerne mit anderen Filmen wiederholen. Das ist sowohl unsere als auch die Hoffnung des Kinos: das Strickkino in der Region zu etablieren, damit sich Gleichgesinnte regelmäßig treffen, austauschen und eine schöne Zeit miteinander haben.

Noch Fragen?

Das Strickkino zum Film „Mamma Mia“ findet am Sonntag, 7. September, ab 14.30 Uhr in der Filmwelt Grünstadt statt. Karten (8,50 Euro) auf www.filmwelt-gruenstadt.de. Margit Hofmann (55) betreibt das Label „Alte Künste“ und färbt auf Pflanzenbasis, Heike Diehl, die ebenfalls in Rüssingen lebt, ist als „Frau Wöllfchen“ auf Säurefarben spezialisiert. Weitere Infos unter www.altekuenste.eu und www.frau-woellfchen.de.

Margit Hofmann, mit einer Partnerin Initiatorin des ersten „Strickkino“ in Grünstadt, hat sich hauptberuflich auf das Färben von
Margit Hofmann, mit einer Partnerin Initiatorin des ersten »Strickkino« in Grünstadt, hat sich hauptberuflich auf das Färben von Wolle verlegt.
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