Neustadt
Figuration trifft auf Abstraktion: Die beiden Maikammerer Hans Gareis und Christina Hohenwarter zeigen ihre Werke im GDA-Wohnstift
Beide Kunstschaffenden stammen aus Maikammer und sind Mitglied im Neustadter Kunstverein – dann hört es mit den Gemeinsamkeiten aber auch schon (fast) auf. Gareis, geboren 1958, ist ein alter Hase der regionalen Kulturszene, Hohenwarter, zarte 29 Jahre alt, steht dagegen eher noch am Anfang ihrer Laufbahn. Vor allem stilistisch aber unterscheiden sich die beiden gewaltig: Hohenwarters Kunst ist informell und minimalistisch, was während des Gesprächs nicht jedem der alten Herrschaften, die den Gang des Wohnstifts bevölkern, übermäßig zusagt, die von Gareis dagegen expressiv, aber gegenständlich, „erkennbar“. Diese Spannung zwischen Figuration und Abstraktion drückt sich auch schon im Titel der Schau aus: „Tiere/Menschen – Freiheit/Verbundenheit“.
Die Natur als Ort der Freiheit
Hohenwarter, die aus der Nähe von Köln stammt, von Haus aus Kreativ- und Ergotherapeutin ist und seit 2019 mit ihrer Familie in Maikammer lebt, beschreibt sich selbst als sehr naturverbundenen Menschen. „Ich liebe das Wandern im Pfälzerwald, das Fahrradfahren“, berichtet sie. Diese Verbundenheit mit der Natur drücken auch ihre Materialbilder aus, schon in den erdigen Farben. Dabei arbeitet sie bevorzugt in Serien, bei denen sie sich jeweils auf ganz wenige Farbtöne konzentriert. Im Wohnstift sind nun die zwei jüngsten dieser Werkgruppen zu sehen: Bei „Through the Seasons“, die inspiriert ist von ihrem Lieblingsort, dem Wald, im Wandel der Jahreszeiten, dominieren verschiedene Braun- und Crème-Valeurs, bei „Change & Steadiness“, die im Herbst 2023 nach einer Wanderung zum Altschlossfelsen in der Südwestpfalz entstand, das typische Rot der Sandsteinfelsen. Tatsächlich verwendete Hohenwarter hier Pigmente, die sie vor Ort gesammelt hatte. Auch die Rahmen baut sie grundsätzlich selbst und bespannt die Leinwände stets in Eigenregie.
Die „Change & Steadiness“-Bilder erinnern in ihrem horizontalen, wellenartigen Aufbau dabei selbst irgendwie an geologische Schichtungen, an Sedimentgestein. Manchmal meint man gar eine karge Hügel-Landschaft zu erkennen. Das ist nicht streng geplant, denn bei der Arbeit mit den stark verdünnten Farben hängt viel vom Zufall des Farbverlaufs ab. Aber es ist der Schöpferin auch nicht unrecht. „Als Künstlerin konzentriere ich mich darauf, die Schönheit der Natur in ihrer Einfachheit und Ruhe in eine minimalistische malerische Sprache zu übersetzen“, erklärt sie. Dies verstehe sie auch für die Betrachter als eine Einladung, sich von der Natur inspirieren zu lassen, sich mit ihr zu verbinden und sie als Ort der Freiheit zu erleben.
Tiere sind eben auch Persönlichkeiten
Im Vergleich dazu wirkt die Malerei des studierten Grafik-Designers Hans Gareis viel direkter, praller, zupackender. Das hat mit den Motiven zu tun – expressive Portraits von Menschen und Tieren –, aber auch mit der emotionalen Qualität. Insbesondere eine Serie, die Tiere verschiedener Art jeweils als Individuen mit akut drohenden Gefahren konfrontiert, würde sich ideal für eine Tierwohl-Kampagne eignen. Denn welcher Nicht-Vegetarier bekäme kein schlechtes Gewissen, wenn er dem Fisch zusieht, der nichtsahnend auf den Angelhaken zuspringt, der Gans, auf die das blutige Messer wartet, oder dem Rehbock, dessen Schicksal in der Hand des Jägers auf dem Hochsitz im Hintergrund liegt? „Es geht mir um die Blicke“, sagt Gareis, und das gilt besonders auch für ein herzerwärmend dreinschauendes Schwein und einen melancholischen Stier vor dramatisch dunkelroter Farbfläche – mehr Persönlichkeit geht kaum. Gesteigert hat der Künstler, der übrigens selbst Fleisch nicht grundsätzlich ablehnt, dies noch in einer Schlachthausserie, aber die wollte er in einem Seniorenstift dann doch lieber nicht zeigen.
Seine bildkünstlerische Laufbahn begann Hans Gareis bereits in den späten 70er Jahren, schon als Teenager trat der in den Neustadter Kunstverein ein. Etwas jünger, aus dem Jahr 1980, ist das Foto, das er 2023 als Vorlage für ein nachgeholtes Jugendselbstbildnis verwendete, das jetzt gleich am Anfang des Kunstparcours im Wohnstift hängt. Ansonsten zeigt der 66-Jährige, der nach einem Designstudium lange Jahre in der Werbung sowie als Marketing- und Kreativchef in der Verlagsbranche tätig war und dabei mit Künstlern wie Markus Lüpertz, André Heller, Udo Lindenberg und Armin Mueller-Stahl zusammenwirkte, Werke aus allen Schaffensphasen, darunter auch eine beeindruckende kleine Portraitserie junger Frauen, die ganz auf die Gesichter, die Augen fokussiert. „Blue Eyed Girl in the Rain“ erinnert in der Stimmung dabei irgendwie an den Dauerregen im legendären Sci-Fi-Film „Blade Runner“, „Lost Girl“ ist inspiriert von einem Zeitungsfoto der enttäuschten Leichtathletin Gina Lückenkemper nach einer Niederlage.
Ein Neuanfang auch für das Wohnstift
Die Gemeinschaftsausstellung im GDA-Wohnstift ist übrigens bereits die zweite von Hohenwarter und Gareis nach einer, die im vergangenen Jahr im Rathaus der Verbandsgemeinde Maikammer zu sehen war. Aufmerksam geworden war Gareis auf die junge Kollegin 2022 bei der Junge-Kunst-Ausstellung des Kunstvereins in der Villa Böhm. Das Wohnstift wiederum nimmt mit dieser Schau nun endgültig die durch Corona abrupt unterbrochene Tradition der regelmäßigen Kunstausstellungen wieder auf. Richtig voll wird es dabei am letzten Aprilwochenende bei der großen Präsentation des „Gimmeldinger Künstlernetzes“, bei der sich 38 Kunstschaffende aus der Region mit rund 170 Werken unter dem Motto: „Kunst für Jedermann von Jedermann“ vorstellen.
Die Ausstellung
Die Bilder von Hans Gareis und Christina Hohenwarter sind bis 31. Mai im GDA-Wohnstift in Neustadt-Haardt im Flur links des Foyers zu sehen – und zwar durchgehend von Montag bis Sonntag.