Neustadt Fasziniert vom Licht der Ostsee
Neustadt. Rund 900 Kilometer liegen zwischen Neustadt und der Ostsee-Insel Usedom, doch seit kurzem gibt es einen interessanten Anknüpfungspunkt zwischen den beiden so weit entfernten Regionen. Das verbindende Element ist der leidenschaftliche Kunstfreund Jürgen Lüder gen. Lühr, der eine beachtliche Sammlung von Werken Usedomer Maler zusammengetragen und zudem ein über vier Kilogramm schweres Standardwerk über die wichtigsten Künstler verfasst hat, die von den 1930er Jahren an die Insel in Vorpommern zu ihrem Lebens- und Wirkungsort wählten.
Wer das professionell gestaltete Buch mit seinem fundiert recherchierten Textteil und seinen brillanten, in Farbtreue und Druckqualität keinem Museumskatalog nachstehenden Abbildungen in der Hand hält, wird kaum vermuten, dass hier kein studierter Kunsthistoriker als Autor am Werk war. Auch dass es biografisch keinen direkten Bezug zu der Insel gibt, will man angesichts der intimen Ortskenntnisse kaum glauben. Tatsächlich ist der 1942 in Berlin geborene Lüder-Lühr aber von Haus aus Polizeibeamter und wirkte bis zu seiner Pensionierung 2002 an der Polizeiakademie in Wiesbaden, wo er auch den größten Teil seines Lebens verbracht hat, bevor er vor einem Jahr „der Liebe wegen“ nach Neustadt zog. Wie also kam es zur Verbindung nach Usedom und zur Liebe zur Kunst? Die Erklärung erfordert einen Umweg ins Baltikum, denn von dort, genauer aus Riga, stammten Lüders Eltern. Schon sein Vater Heinrich hatte eine bedeutende Kunstsammlung zusammengetragen, in der Werke des baltendeutschen Malers Johann Walter-Kurau (1869-1932) eine bedeutende Rolle spielten. Rund 40 Gemälde dieses Künstlers aus der Lüder-Sammlung hängen heute im Kunstmuseum in Riga – kein Wunder, gilt Walter-Kurau, auf Lettisch Janis Valters, doch als einer der Begründer der modernen lettischen Malerei. Aus der Beschäftigung mit der ererbten Sammlung des Vaters entstand für den Sohn irgendwann die Idee, nach Schülern Walter-Kuraus zu suchen, von denen sich viele nicht zuletzt aus politischen Gründen in den 30er Jahren auf Usedom niedergelassen und dort eine künstlerische Traditionslinie etabliert hatten, die bis heute fortdauert. Insgesamt 14 Künstlerinnen und Künstler, von denen heute noch fünf hochbetagt auf der Insel leben, behandelt Lüder-Lühr in seinem Buch in ausführlichen Kapiteln, denen neben einer biografischen Skizze und einer repräsentativen Auswahl an Werkabbildungen jeweils auch viele historische Fotos sowie einige Seiten mit „Gedanken“ zu ihrer Kunst, die Kunsthistoriker oder Künstlerkollegen beigesteuert haben, beigesellt sind. Das Grundgerüst für die Darstellung bilden allerdings die vielen intensiven Gespräche, die Lüder-Lühr in den 90er Jahren mit den Künstlern selbst oder deren Nachkommen vor Ort geführt hat, und intensives Akten- und Nachlassstudium. Der Wiesbadener war erst nach dem Mauerfall erstmals auf die Insel gekommen. Zuvor hätten die DDR-Behörden jede Kontaktaufnahme unterbunden, erzählt er. In dieser Zeit entstand auch die rund 100 Werke umfassende Sammlung aus Gemälden und Grafiken, die Lüder-Lühr heute in seinem Neustadter Appartement hütet. Es sind überwiegend Geschenke der Künstler oder ihrer Nachfahren „als Dank für meine Arbeit“, wie er sagt. Die Bilder zeigen, was der Autor auch in seinem Buch ausführt: dass der Begriff „Usedomer Maler“ rein geografisch aufzufassen ist, aber keine einheitliche Stilistik beinhaltet. Allenfalls häufiger auftauchende Motive wie Fischerboote, Strandszenen oder maritime Landschaften schaffen eine gewisse Verbindung. Den Begriff Malerschule oder Malerkolonie lehnt Lüder-Lühr daher ab: „Die Künstler selbst hatten sich so nie gesehen, sondern als einen sich gegenseitig anregenden Freundeskreis unterschiedlicher Temperamente, der sich offenhielt, sich aber nach außen verschließen konnte – die Zeiten erforderten es bisweilen“, heißt es dazu im Buch. Die Namen der Usedomer Hauptkünstler, die der Autor in drei Generationen unterteilt, sind dabei sicher zumindest im Westen Deutschlands nicht allgemein geläufig, obwohl einige von ihnen in der DDR bedeutende Staatsaufträge ausführten. Das Blättern im Katalog wie der Rundgang bei Lüder-Lühr zeigen aber, dass sie durchaus Werke von hoher Qualität geschaffen haben, in denen sich auf vielfältige Weise nationale und internationale Einflüsse spiegeln. Das beginnt schon bei der Gründergeneration, zu der der Autor Otto Manigk, Karen Schacht, Rosa Kühn, Herbert Wegehaupt, Susanne Kandt-Horn, Manfred Kandt, Vera Kopetz, Otto Niemeyer-Holstein und Rolf Werner zählt und bei der die stets bewahrte Gegenständlichkeit im Grunde das einzige verbindende Prinzip darstellt. Klassischen „Sozialistischen Realismus“ findet man allerdings nicht. Lüder-Lühr verbindet in seinem Buch das Leben und Werk dieser Maler auch mit dem anderer Künstler, die nur zeitweilig auf Usedom gearbeitet haben – der bekannteste ist hier sicher Lyonel Feininger – und stellt auch sonst zahlreiche interessante Querverweise her. Sogar eine Karte mit den Wohnorten der Künstler ist vorhanden. Das Eingangskapitel behandelt Johann Walter-Kurau, der unter anderem Lehrer Otto Manigks und Karen Schachts war. Zwei Jahre intensiver Arbeit hat der heute 73-jährige Autor in das Buchprojekt gesteckt und dafür auch Ausgaben in fünfstelliger Höhe für Bildrechte und Druckkosten in Kauf genommen. Auf das Ergebnis kann der Mann mit dem ungewöhnlichen, sogar im Duden-Namenslexikon aufgeführten „Genanntnamen“ zu Recht stolz sein. „Es ist mein Anliegen, dass diese Maler nicht in Vergessenheit geraten“, begründet er sein Engagement und freut sich auch darüber, dass es ihm 2015 erstmals gelungen ist, eine Ausstellung mit Werken aus seiner Sammlung auf Usedom selbst zu organisieren. Gerne würde er die Bilder auch einmal in Neustadt zeigen – er sucht nur noch einen geeigneten Ausstellungsort. Lesezeichen Jürgen Lüder gen. Lühr: Usedomer Maler des 20. Jahrhunderts. Die Würde des Lebendigen. Hinstorff-Verlag, Edition Konrad Reich, Hardcover, 832 Seiten, rund 1100 Abbildungen, 89 Euro.