Neustadt Fahrvergnügen mit Fingerfertigkeit und Fantasie
„Die Bahndirektion München begrüßt Sie zu einer Rundfahrt mit der gläsernen Bahn“, ertönt die Stimme aus dem Lautsprecher der Bahnanlage. „Unsere Spur-1-Anlage stellt sich zum ersten Mal in Deidesheim vor“, freut sich Andreas Fetzer vom Modellbauverein (MBV) Neustadt. Denn in der Stadthalle fahren dort an insgesamt zwei Adventswochenenden ausgewählte Modelleisenbahnen in transportablen Anlagen.
Veranstalter sei zum zweiten Mal die in Deidesheim ansässige Firma it-works Sytemtechnik GmbH/moba-tech, die die Halle angemietet hat, während der Modellbauverein sich um den Lkw für den Anlagentransport gekümmert habe. Das erklärt Thomas Schlösser, der sich selbst als „Modelleisenbahn-Infizierten“ bezeichnet, die Tombola beaufsichtigt und für die Kasse zuständig ist. Die Eintritte der auch von Familien gut besuchten Veranstaltung sollen einen Teil der Kosten decken, hofft er. Seine Spur-1-Anlage hat Fetzer mit der Anlage seines Vaters aus dem Jahr 1998, beide mit Wagen der Märklin-Epochen 3 und 4, kombiniert und dem Verein zur Verfügung gestellt. Die Wagen seien alle digitalisiert, erklärt Fetzer. Daher sind die authentischen Ansagen, Lokpfiffe und Fahrgeräusche möglich. „Die gläserne Bahn gab es wirklich“, erzählt Fetzer. Mit ihr seien Ausflugsfahrten und „Fotohalte mit Scheineinfahrt“ ermöglicht worden: Die Gäste seien ausgestiegen, um den zurückgesetzten und erneut zum Schein einfahrenden Zug zu fotografieren. Die gläserne Bahn fährt heute nicht mehr. So ist Fetzers Anlage auch etwas wie ein geschichtliches Dokument. Gegenüber steht Walter Salomon. Sein Modul ist eine komplett angelegte Landschaft der Baugröße H0e, das heißt um etwa die Hälfte kleiner als der H0 Standard. „So kann ich auf viel engerem Raum meine Runden drehen“, sagt er lachend. Seine Anlage mit den Miniatur-Holzhackern und sägenden Männern im Vordergrund, dank ausgefeilter Technik unter dem Tisch, ist Fiktion. Was ihm eingefallen sei und zueinander gepasst habe, habe er zusammengebaut. Denn eine authentische Landschaft zu bieten, erfordere für seinen Geschmack zu viel Recherche. Die haben sich zumindest in Teilen die Besitzer der großen, amerikanischen H0-Modulanlage auf die Fahne geschrieben. Auf ihr fährt ein „Catzug“ mit 20 detailgetreuen „Catbaggern“ in einer Gesamtlänge von 4,50 Metern. Michael Mohr erklärt, dass nicht nur Anlagenteile naturgetreue Vorbilder hätten, sondern auch Bausätze direkt aus den USA auf der Anlage Platz gefunden hätten. Nicht einfach nur zum Ansehen sind dagegen die nebeneinander, die ganze Bühne entlang in Hufeisenform aufgebauten Module von Christian Paul und Patrick Deluse. „Wir wollen den Leuten die Entwicklungsmöglichkeiten von Anlagen in unterschiedlichen Stadien zeigen“, erklärt Deluse. Ihre Module befinden sich in einer jeweils anderen Aufbauphase, von Rohholz über teilbegrünt bis „fix und fertig“ mit Häusern und Zügen. Um der Veranstaltung den vorweihnachtlichen Rahmen zu geben, hat sich Vereinsmitglied Wolfgang Paul auf die Fertigung von arbeitsaufwendigen Weihnachtsbäumen spezialisiert. Dutzende von in Handarbeit gedrahteten Ästchen warten auf das Verlöten am Messingstamm, in dem die feine Elektrik läuft, die Dutzende von winzigen LED-Birnchen zum Leuchten bringt. Mit Spraykleber „benadelt“ und bunten Kugeln geschmückt, ist jeder Baum ein Unikat. In den Abbildern der Natur wirken akribisch eingeklebte Zapfen aus Pfefferkörnern oder Stammmodulationen mit Spachtelmasse und patiniert täuschend naturgetreu. Der kreativen Fantasie seien keine Grenzen gesetzt, meint Paul und tüftelt in Gedanken nach der Andentanne schon an den Zapfen für einheimische Fichten, die hängen müssen, statt zu stehen. „Ich werde wohl Reisnudeln präparieren“, meint er schmunzelnd. |aew