Wachenheim RHEINPFALZ Plus Artikel Ewiges Leben? Ein Interview mit Sandra Borst von der „Partei für Verjüngungsforschung“

Druck auf die Tränendrüse: Mit diesem Plakat trat die „Partei für Verjüngungsforschung“ bei der Bundestagswahl im Februar an. Ih
Druck auf die Tränendrüse: Mit diesem Plakat trat die »Partei für Verjüngungsforschung« bei der Bundestagswahl im Februar an. Ihr Ziel: ein unbegrenzt langes, gesundes Leben für alle.

„Der Durchbruch in der Forschung wird nicht so lange dauern“, ist die Spitzenkandidatin ihrer Partei bei der vergangenen Bundestagswahl überzeugt.

Ewiges Leben? Es gibt tatsächlich eine Partei, die sich dafür einsetzt. Und würde nicht fast jede(r) begeistert zugreifen, wenn sich diese Möglichkeit böte? Nur was würde dann aus unserem Planeten werden, der schon jetzt aus allen Nähten platzt? Um solche Fragen geht es am 7. August bei einer Podiumsdiskussion des „Badehaisels“ in Wachenheim. Holger Pöschl hat mit einer der Teilnehmerinnen vorab gesprochen: mit Sandra Borst von eben jener „Partei für Verjüngungsforschung“.

Frau Borst, Sie sind jetzt schon zweimal bei großen Wahlen als Kandidatin der „Partei für Verjüngungsforschung“ angetreten. Was motiviert Sie zu einem solchen Engagement?
Das liegt letztlich daran, dass ich persönlich sehr gerne lebe. Es gibt sehr viel, was ich noch machen möchte, aber der Alterungsprozess setzt da eine Grenze. Ich denke, es gibt viele Menschen, die das genauso empfinden: dass man in der begrenzten Lebensspanne, die wir aktuell haben, nicht alles realisieren kann, was man möchte. Deshalb setze ich mich über die Partei dafür ein, dass Verjüngungstherapien schneller entwickelt werden können. Es ist doch tragisch, dass wir nicht selbst entscheiden können, wann wir sterben wollen.

Aber Sie sind doch erst zarte 23! Das Thema Sterben und Tod ist für Sie noch ziemlich weit weg ...
Ja, aber ich denke persönlich sehr langfristig. Ich habe mit etwa 15, 16 damit begonnen, mich mit dem Thema zu befassen und habe festgestellt, dass eigentlich alle Menschen, mit denen ich darüber sprach, das Sterben sehr tragisch finden. Ich habe auch viele Trauernde kennengelernt. Und da kam für mich eben die Frage auf: Kann man denn nichts dagegen machen? Ich beantwortete mir das dann damals zunächst auch noch mit „Nein, man kann nichts machen“. Aber dann habe ich mit der Zeit festgestellt, dass es auch Forschung in diesem Bereich gibt und eine Partei, die sich für diese stark macht,

Nun sind sich aber nahezu alle Biomediziner einig, dass wir mit dem sogenannten „Reparaturansatz“ für die menschlichen Zellen noch völlig am Anfang stehen. Profitieren würden also nicht Sie, sondern erst sehr zukünftige Generationen, oder?
Das weiß ich nicht, wer davon profitieren wird, aber darum geht es mir auch gar nicht. Ich möchte nicht unbedingt selbst als Person davon profitieren. Jeden Tag sterben 100.000 Menschen den altersbedingten Tod, das heißt, jeden Tag, den die Technologie früher da ist, hat man 100.000 Menschenleben gerettet. Wir müssen jetzt damit anfangen, dass die Therapien möglichst früh da sind. Und ich denke übrigens auch nicht, dass es tatsächlich so lange dauert mit einem Durchbruch in der Forschung.

Ihre Partei formuliert als zentrale Forderung, 10 Prozent des Bundeshaushalts in die Verjüngungsforschung zu stecken. Also lieber in die Medizin investieren als in die Bundeswehr, den Klimaschutz oder Soziales?
Wir wollen die 10 Prozent nicht anderen Bereichen aus dem Haushalt wegnehmen, sondern die Verjüngungsforschung über mehr Schulden finanzieren. Wir sind überzeugt, das würde sich sehr schnell auszahlen.

Als Langfristziel benennen Sie ja das ewige Leben. Nehmen wird das Gedankenspiel mal auf: Was wäre denn gewonnen, wenn wir im Schnitt 800 Jahre leben würden? Wir müssten dann mindestens 600 arbeiten ...
Das ist richtig, aber dieses Konzept, dass Arbeiten an sich so schlimm ist, teile ich nicht. Man muss nur vergleichen, wie die Arbeitswelt vor 100, 200 oder 300 Jahren aussah und wie die Verhältnisse heute sind. Dieser Fortschritt wird sich fortsetzen. Klar, man wird also in Zukunft länger arbeiten, aber dafür pro Woche weniger und unter besseren Bedingungen.

Wenn man davon ausgeht, dass weiterhin Kinder hinzukommen, wären die Ressourcen der Erde sehr schnell verbraucht ...
Ja, aber viele Prognosen gehen davon aus, dass wir bei der Weltbevölkerung ohne Verjüngungsforschung etwa 2060/70 ein Plateau erreichen und danach wieder schrumpfen werden. Da würden die Verjüngungstherapien also helfen, demografische Probleme zu vermeiden. Und es ist ja heute schon so, dass Technologien uns ermöglichen, mit gleichem Ressourceneinsatz viel mehr Menschen zu ernähren und ihnen ein gutes Leben zu ermöglichen als in der Vergangenheit. Das wird sich weiterentwickeln.

Aber es führt trotzdem kein Weg daran vorbei, dass die Ressourcen des Planeten nicht endlos sind ...
Das stimmt, aber es ist gar nicht gesagt, dass die Bevölkerung wirklich so massiv ansteigen würde. Und wir müssen dieses Problem auch nicht unbedingt jetzt gleich lösen.

Das verstehe ich jetzt nicht: Wenn Menschen nicht mehr sterben und ständig neue hinzukommen, muss die Anzahl doch massiv ansteigen ...
Ja, aber wir denken dabei auch immer noch, eine Generation seien 20 oder 30 Jahre. Wenn man 800 Jahre lebt, bekommt man Kinder jedoch vielleicht nicht mehr mit 30, sondern mit 100 oder 300. Der Anstieg wäre also nicht so rasant.

In den Kontext gehört dann aber auch die Frage der Generationengerechtigkeit: Die, die schon da sind, besitzen alles, die, die kommen, müssen sich mit den Krümeln begnügen ...
Wir haben doch jetzt schon eine Verdoppelung der Lebenserwartung gegenüber der Zeit vor 200, 300 Jahren. Muss man deshalb davon sprechen, dass künftigen Generationen nur die Krümel bleiben? Und ist es wirklich eine Notwendigkeit, dass die Verteilung so bleibt? Ich denke, man könnte da als Gesellschaft Lösungen finden. Und dann könnte man das Stichwort Generationengerechtigkeit ja auch umdrehen: Verjüngungstherapien werden kommen. Ist es da wirklich fair, sich nicht jetzt schon dafür einzusetzen?

Ein anderer Gesichtspunkt: Was entgegnen Sie auf den Einwand, dass die Menschen mental gar nicht in der Lage sind, sich beliebig an neue Zeitläufte anzupassen? Man stelle sich vor, in der U-Bahn säße einem ein Raubritter aus dem Mittelalter gegenüber ...
Mmh [überlegt]. Ich denke schon, dass Menschen fähig sind, sich bis zu einem gewissen Grad an Veränderungen anzupassen. Und man sollte auch die Chancen sehen, wenn weit mehr verschiedene Generationen nebeneinander existieren. Das könnte sehr bereichernd sein.

Die Diktatoren dieser Welt wären vermutlich die ersten, die die neue Therapie nutzen würden, oder?
Das weiß ich nicht. Diktatoren haben einen der gefährlichsten Jobs der Welt. Die sterben normalerweise nicht am Altern und die, die es doch tun, haben schon vorher für ihren Nachfolger gesorgt. Verjüngungstherapien ändern daran also wenig.

Sie sprechen in Ihrem Partei-Programm viel von Gerechtigkeit. Tatsächlich würden sich aber wahrscheinlich nur die Reichen eine solche Behandlung leisten können ...
Das wäre wohl am Anfang tatsächlich so – aber nur für eine Übergangszeit. Die meisten Therapien sind ja am Anfang sehr teuer, doch die Preise sinken mit der Zeit. Für die breite Masse würde es vermutlich schon sehr bald erschwinglich, zumal auch die Krankenkassen ein Interesse daran haben dürften. Schließlich geben sie enorm viel Geld für die Pflege von alten Menschen aus.

Bliebe noch die philosophische Dimension: Verlöre das Leben nicht seinen Wert, wenn es unendlich würde?
Da bin ich ganz anderer Ansicht. Gerade weil das Leben so begrenzt ist und man selbst nicht entscheiden kann, wann es endet, hat es für mich weniger Sinn. Man muss schließlich so vieles unvollendet zurücklassen.

Zum Schluss noch mal zurück zu Ihrer Partei: Sie erzielten bei der Bundestagswahl im Februar bundesweit nur 304 Stimmen. Warum zieht Ihr Thema, das doch eigentlich alle betreffen müsste, so gar nicht?
Unsere schlechten Zahlen erklären sich zum einen daraus, dass wir nur in Bremen angetreten sind und auch nur dort gewählt werden konnten. Außerdem ist das Thema für viele Menschen zunächst einmal sehr schockierend und aufwühlend, weil sie sich gar keine Gedanken darüber gemacht haben, dass es vielleicht doch Möglichkeiten gibt, dem angeblich unausweichlichen Schicksal des altersbedingten Todes zu entgehen. Es dauert eine Weile, bis man das verdaut hat, und bereit ist, sich damit auseinanderzusetzen. Für uns als Partei bedeutet das, dass wir an dem Thema dranbleiben müssen.

Zur Person

Sandra Borst wurde 2002 in Mühlacker geboren und wuchs im Main-Tauber-Kreis im fränkisch geprägten Nordosten Baden-Württembergs auf. Sie studiert Medieninformatik in Reutlingen und engagiert sich seit 2022 in der „Partei für Verjüngungsforschung“, für die sie bei der Europa-Wahl 2024 auf Listenplatz 2 kandidierte und für die Bundestagswahl 2025 sogar als Spitzenkandidatin. Auch bei der baden-württembergischen Landtagswahl im März 2026 wird sie auf Platz 1 der Liste ihrer Partei zu finden sein.

Zur Sache

Die heutige „Partei für Verjüngungsforschung“ wurde 2015 auf Initiative des Berliner Biochemikers Felix Werth unter dem Namen „Partei für Gesundheitsforschung“ gegründet. 2022 benannte sie sich in „Partei für schulmedizinische Verjüngungsforschung“ um. Seit 2024 trägt sie ihren heutigen Namen. Sie nahm bislang an drei Bundestags-, 14 Landtags- und zwei Europa-Wahlen teil. Mandate erzielte sie keine.

Termin

„Forever Young? Wollen wir 800 Jahre leben?“ hat der „Badehaisel“-Verein seine an das aktuelle rheinland-pfälzische Kultursommer-Thema angelehnte Podiumsdiskussion überschrieben, die er am Donnerstag, 7. August, ab 19.30 Uhr je nach Wetterlage und Publikumszuspruch im oder am „Badehaisel“ in Wachenheim veranstaltet. Eingeladen sind neben Sandra Borst der Haßlocher Pfarrer Friedrich Schmidt-Roscher und der Mannheimer Psychologe Rudolf Pölking. Eine weiteren Teilnehmerin aus dem Bereich Medizin/Pflege wird nach einer Absage derzeit noch gesucht. Der Eintritt ist frei.

Sandra Borst nimmt am 7. August an einer Podiumsdiskussion mit dem Titel „Forever young? Wollen wir 800 Jahre leben?“ des „Badeh
Sandra Borst nimmt am 7. August an einer Podiumsdiskussion mit dem Titel »Forever young? Wollen wir 800 Jahre leben?« des »Badehaisel«-Vereins in Wachenheim teil.
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