Neustadt „Es war wie ein Almabtrieb“

„De Baby-Boom-Bu“: „1964 war das erfolgreichste Jahr für die ,Beatles’ – und meine Eltern“, spielt Kabarettist Franz Kain auf se
»De Baby-Boom-Bu«: »1964 war das erfolgreichste Jahr für die ,Beatles’ – und meine Eltern«, spielt Kabarettist Franz Kain auf sein Geburtsjahr an, in dem in Deutschland mehr Kinder geboren wurden als je zuvor und je danach.

«Deidesheim». War der zeitliche Abstand zu seinem letzten Auftritt im Ort vor ein paar Jahren zu groß? Diese Frage stellte Franz Kain gleich am Anfang seines neuen Programms „De Baby-Boom-Bu“ sich und den Besuchern angesichts eines nur knapp halbvollen Zuschauerraums im Boulevardtheater Deidesheim. Aufgrund des schwachen Vorverkaufs hatte sich der Weinheimer Kabarettist gedanklich schon auf einen Stuhlkreis eingerichtet ...

„1964 war das erfolgreichste Jahr für die ,Beatles’ – und meine Eltern“, stieg er dann jedoch gleich ins biografisch unterfütterte Thema ein. Gehörte er doch dem geburtenstärksten Jahrgang Deutschlands an. „In ganz Deutschland wurden von 1955 bis 1964 7,8 Millionen Kinder geboren – der Baby-Boom. Heute ist Deutschland vom Aussterben bedroht“, warf Kain aber nicht nur einen Blick zurück, sondern auch in die Zukunft. „Wir haben früher auf dem Heimweg vom Fußballplatz die Straßen geflutet. Es war wie ein Almabtrieb. Auf der Straße gab es mehr Kinder als Autos“, ruft er die Zeit von damals wach. Commodore 64 als erster Computer, Videorecorder und tragbare Fernsehgeräte mit Sechs-Zoll-Bildschirmdiagonale, vor denen 20 Mann auf dem Campingplatz bei der Fußball-WM saßen, sind heute wie auch Bonanzaräder mit Chopperlenker, Bananensattel und Fuchsschwanz nur noch in der Erinnerung vorhanden. Immerhin: die Eissorte „Brauner Bär“ der 60er Jahre mit dem legendären Karamellkern gibt es jetzt wieder. Überlebt hat auch Muttis Spucke, mit der Kinder nach dem Genuss von Leckmuscheln oder gemischtem Eis in Waffelmuscheln früher über den Mund gewischt wurde: In Form von Feuchttüchern – auch „to go“ –, die Kain dem amüsiert-entsetzten Publikum präsentieren konnte. Überhaupt ist er auf der Höhe der Zeit: „Senioren sind nur zu früh geboren“, heißt das neueste Album von Tony Marshall, weiß er. „Früher haben wir als Jungs im Fußballstadion von den Rentnern die leeren Bierflaschen mit den Worten ,Da, Bu, kaaf der was dovor’ in die Hand gedrückt bekommen. Heute sammeln Rentner die Flaschen ein, die die Jungen wegwerfen: ein Armutszeugnis“, sieht Kain die Rollenumkehr nachdenklich. „Das Rollatorgeschwader wird immer größer. Bald wird es den ersten Rollator-Lauftreff mit der ,Rollenden Meute Pfälzerwald’ geben“, prognostiziert er. Social Freezing, das Frauen jetzt ermögliche, erst im fortgeschrittenen Alter Kinder zu bekommen, habe einen großen Vorteil: Kind und tattriger Vater könnten auf der Kommode gleichzeitig gewickelt werden. „Sie sagen ,junger Mann’, wenn sie nicht ,alter Sack’ sagen dürfen“, relativiert er gleich im nächsten Atemzug das an seine Altersgenossen gerichtete Kompliment jüngerer Verkäuferinnen. Siebensprachige Segensroboter, Erlebnis-Klobrillen mit ihren verschiedenen Funktionen, darunter einem die Männerwelt irritierenden „Damenstrahl“, und der moderne Saugroboter, der an den Fransen seines Perserteppichs kräftig zu „worksen“ (pfälzisch für würgen) hat: Kain bietet einen munteren Parforceritt durch die Zeiten, bei dem das Publikum begeistert mitgeht. Aus dem zuerst nur kurz angespielten „Schneewalzer“ wird so dann doch eine längere Einlage. „Das gibt es nur in der Pfalz“, staunte der Kurpfälzer. In seinem singenden Dialekt servierte der Weinheimer feinstes, mit Alltagsbeobachtungen gespicktes Kabarett. Um den Abstand jetzt nicht wieder zu groß werden zu lassen, möchte Kain nächstes Jahr wieder kommen. Schließlich gelte es, mehr Zuschauer als seine Tochter Patricia zu bekommen, die in verschiedenen Stücken des Boulevardtheaters mitspielt. Mit Standing Ovations wurde der Baby-Boom-Bu verabschiedet. Ob mancher Besucher auch wegen Kreuzschmerzen aufgestanden war, wie er augenzwinkernd meinte?

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