Neustadt „Er war eine Ausnahme-Persönlichkeit“

Placeholder-Image

Kirrweiler. „Blücher – Sieger von Waterloo, ein Held Europas“ – so lautet der Titel einer Podiumsrunde, die die Gemeinde Kirrweiler morgen zum 200. Jahrestag der Schlacht, die 1815 Napoleons Herrschaft endgültig beendete, im Kulturzentrum Edelhof veranstaltet. Mit diskutieren wird an diesem Abend der Edenkobener Historiker und Autor Herbert Hartkopf. Mit ihm haben wir vorab über die Rolle Blüchers gesprochen und über die Bedeutung des Gefechts bei Kirrweiler im Jahr 1794, das am Beginn der militärischen Karriere des Preußen stand.

Herr Hartkopf, von der Schlacht von Waterloo hat fast jeder schon mal gehört. Was aber hatte es mit dem Gefecht bei Kirrweiler auf sich?

In Kirrweiler vollbrachte Blücher im wahrsten Sinne des Wortes ein „Husarenstück“. Diese Art mutiger Reiterattacke hat ihm später in den Koalitionskriegen, 1813/14, den Beinamen „Marschall Vorwärts“ eingebracht. Wer traf auf wen? Wo genau und wann fand das Gefecht statt? Teile der französischen Rheinarmee drangen im Mai 1794 aus dem Süden in Richtung Neustadt vor, um die dort konzentrierten preußischen Truppen anzugreifen. Blücher kam ihnen aber zuvor. Wie muss man sich die Gefechtssituation in oder um Kirrweiler vorstellen? In seinem Campagne-Journal notierte Blücher: „Den 28ten May wurde mir früh Morgens gemeldet: der Feind sei in Anmarsch … Ich rückte sogleich mit den in Neustadt stehenden Truppen aus … ging mit den Eskadrons und 2 reitenden Kanonen vor … ich schickte zum Lieutenant von Arnim … wenn er sähe, daß ich mit den Schwadrons zum Vorschein käme, solle er ohne Bedenken in sie einhauen …“ Und weiter: „Wir bekamen zwar ein heftiges Feuer, dem ungeachtet drangen von Armin und Blücher der 2te (Blüchers Sohn) bis an die diesseits Kürweiler placierten feindlichen Kanonen vor und eroberten sie … Ich forcierte mit den übrigen Eskadrons das Dorf Kürweiler, woselbst abermals 2 Kanonen und mehrere Munitionswagen in unsere Hände fielen … von Planitzer hieb mehrere 100 Mann nieder … die hinter dem Dorf stehende (feindliche) Infanterie wurde über’n Haufen geworfen, und größtenteils zusammen gehauen … nun wurde die feindliche Kolonne völlig in Unordnung gebracht, alles floh, wir verfolgten sie bis Fischlingen.“ Wie verhielten sich die Truppen im Anschluss? Die Franzosen zogen sich auf die Linie Germersheim-Landau zurück – die Festung Landau war ja, mit kurzer Unterbrechung, seit 1680 französisch. Die Preußen legten südlich von Edenkoben Verhaue und Schanzen an – die Blücher- und Schanzstraße, sowie die Gewanne „An den Preußenschanzen“ erinnern noch daran – und sie schanzten sich im Gebirge beim „Schänzel“ ein. Im Juli 1794 machten die Franzosen einen erneuten Vorstoß. Am 13. kam es nördlich von Edesheim zum Gefecht, in dem Blücher, mit Finten und Husarenattacken „à la Kirrweiler“, die Franzosen schlug. Bei ihrer Flucht setzten sie das Dorf Edesheim in Brand. Am Folgetag kam es dann beim Schänzel – vermutlich durch Verrat – zum Sieg der 7500 Franzosen. Die verbündeten 4500 Preußen und Österreicher hatten 500 Tote zu beklagen. Vielleicht noch ein Satz zur Zivilbevölkerung. Inwieweit war sie betroffen? Bei der Einnahme von Edenkoben – das war aber schon im Dezember 1793 – beschrieb der Edenkobener Gerichtsschreiber Hügler es so: „Am Montag sprengten die französischen Vorposten mit aufgespanntem Gewehr und bloßen Säbeln im Galopp mit ungeheurem Geschrei durch die Straßen unter dem Ruf „Vive la nation! Vive la république! setzten sie alle Bewohner in Schrecken und Todesangst … stürmten Häuser, plünderten was ihnen gefiel, mißhandelten Bürger, feuerten ihre Gewehre auf sie los und verwundeten viele … Häuser wurden gewaltsam geöffnet, Schränke und Kisten aufgesprengt, alles Wertvolle hinweggenommen, Keller gelehrt und das übrige verwüstet. Weiber und Mädchen wurden verfolgt und geschändet; zwei Bürger wurden von den Plünderern auf offener Straße erschossen.“ Ähnlich, wenn auch nicht so extrem, könnte es bei Kirrweiler zugegangen sein. Wie wurden die Truppen eigentlich verpflegt, die Pferde mit Futter versorgt? Gab es Nachschub? Das zuvor Gesagte weist schon darauf hin: durch Plünderungen, Requirierungen. Jedes Heer führte Feldküchen mit sich, aber Lebensmittel und Futter wurden – auch von den „eigenen“ Militärs – erpresst oder beschlagnahmt. Wie ist Ihre Einstellung zu den Vorgängen bei Kirrweiler? Zum Glück gehört die Feindschaft zwischen den Nachbarländern längst der Vergangenheit an. Aber, wie wir sehen, sind Kriege in Europa leider wieder möglich. Freilich unter völlig anderen Voraussetzungen. Nehmen wir nur mal das Stichwort Cyberkrieg. Da drückt jemand auf einen Knopf, und sehr weit entfernt schlägt eine Bombe ein, oder eine unbemannte Drohne lädt ihre tödliche Fracht ab! Zu Blüchers Zeiten musste jeder Kommandant seinen eigenen Kopf hinhalten. War Blücher eine Ausnahmefigur? Militärisch, ohne jeden Zweifel. Aber auch in seinem zivilen Leben – obwohl sich das kaum vom Militärischen trennen lässt – war er eine ungewöhnliche Persönlichkeit: Frauenheld, Spieler, Schuldenkünstler, Gottvertrauer, rauborstiger Ehemann, Vater und Gutsherr. Termin Die Podiumsrunde „Blücher – Sieger von Waterloo, ein Held Europas“ findet als Teil des Historischen Symposiums zur Schlacht von Waterloo (wir berichteten auf der Landseite) morgen, Freitag, um 19 Uhr im Edelhof in Kirrweiler statt. Neben Herbert Hartkopf nehmen Roland Paul, Direktor des Instituts für pfälzische Geschichte und Volkskunde in Kaiserslautern, SWR-Redakteurin Kerstin Bachtler und der Blücher-Darsteller Wolfram Agde teil. Die Gesprächsleitung hat Judith Ziegler-Schwaab. Für musikalische Begleitung sorgt der Pianist Bernhard Rudy. Die Künstlerin Andrea Ramsel präsentiert ihr Waterloo-Triptychon. Eintritt ist frei. (Archivfoto: mehn)

x