Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Enkeltrick, Schockanrufe: Die ausgefeilten Tricks der Betrüger – und wie man sich davor schützt

Mit Schockanrufen wollen die Täter Geld erbeuten – und zwar mit möglichst geringem Risiko.
Mit Schockanrufen wollen die Täter Geld erbeuten – und zwar mit möglichst geringem Risiko.

Sollte die Masche von Schockanrufen nicht schon längst bekannt sein? Tatsächlich werden die Täter immer cleverer und haben in der Region sogar schon Künstliche Intelligenz eingesetzt. Wie man richtig reagiert und warum es keine gute Idee ist, den Tätern eine Falle stellen zu wollen, erklären Neustadter Kriminalbeamte.

Die Dramatik setzt ganz unvermittelt ein: Kaum hat man das Telefongespräch angenommen, hört man die panische, atemlose Stimme eines jungen Menschen. Ist das nicht der Enkel, der da berichtet, ins Gefängnis zu müssen? Man hat kaum Zeit, seine Gedanken zu sortieren, da übernimmt ein Staatsanwalt den Hörer und bestätigt: Ja, der Enkel hat einen tödlichen Verkehrsunfall verursacht und müsse hinter Gitter – es sei denn, es werde sofort eine hohe Kaution bezahlt. Doch nichts davon ist wahr, was aber nicht jeder Angerufene realisiert, denn der Schock sitzt zu tief.

Eben deshalb ist bei dieser Betrugsmasche von Schockanrufen die Rede, der bekannteste ist der Enkeltrick. Wobei es auch das (erwachsene) Kind sein kann, das angeblich am anderen Ende der Leitung ist. Den Kriminellen spielt oft in die Hände, dass die Angerufenen, meist ältere Leute, Rückfragen stellen wie „Lukas, bist du es?“. „Dann haben sie schon mal den Namen des Enkels“, sagt Kriminalhauptkommissar Gunther Kleinpeter, Fachbereichsleiter Eigentum, bei der Neustadter Kriminalpolizei.

Er berichtet, dass die Masche meist nach einem ähnlichen Muster abläuft. Nachdem der angebliche Enkel kurz am Hörer ist, wird das Telefon schnell an eine Amtsperson weitergegeben, die den vermeintlichen Ernst der Lage erklärt. Das geschehe, um die Dramatik aufrecht zu erhalten, die Spannung noch zu steigern, erklärt Kleinpeter. Dann werde eine Legende gestrickt, oft vom tödlichen Verkehrsunfall.

Auf die Kontonummer achten

Die Opfer sollen dazu bewegt werden, die Kaution zu bezahlen, und zwar am besten per Überweisung – das ist nämlich mit dem geringsten Risiko für die Täter verbunden. „Vielen fällt dabei nicht auf, dass das Konto im Ausland ist“, sagt Kleinpeter, was sich anhand der IBAN erkennen lasse. Eine deutsche IBAN beginnt mit den Buchstaben DE.

Anrufe dieser Art hätten in den vergangenen Jahren zugenommen, sagt Kleinpeter, aber auch weil der Großteil scheitere. „Das Bewusstsein bei den Bürgern für solche Tricks ist gewachsen.“ Die Aufklärungsarbeit habe sich gelohnt. Aber die Täter rüsten auch auf.

Kleinpeters Kollege Denis Winter berichtet von einem Fall, mit dem er jüngst zu tun hatte: Dabei setzten die Täter offenbar Künstliche Intelligenz (KI) ein. Sie waren an die Telefonnummer der Tochter gelangt und hatten Gesprächsfetzen von ihr aufnehmen können. Daraus erstellte die KI eine Tonspur, die das Opfer, die Mutter, täuschte. „Das ist eine resolute Frau Mitte 40, aber sie war völlig überzeugt, dass sie mit ihrer Tochter sprach“, sagt Winter.

Hinweise von Bankberatern

Die klassischen Opfer sind indes älter als jene Frau. Die Täter suchen dabei im Telefonbuch nach Namen, die in der Großeltern-Generation populär waren. Im Internet wird den Kripobeamten zufolge aber auch mit erbeuteten Datensätzen gehandelt.

Wie kann man sich davor schützen? Das Wichtigste sei, um die Masche zu wissen und im Falle eines Anrufs die Ruhe zu bewahren, sagt Kleinpeter – wissend, dass es nicht so einfach ist, wenn der Schock eingesetzt hat. Ist man sich unsicher, ob nicht doch etwas Wahres dran ist, sollte man versuchen, den Enkel beziehungsweise das Kind anzurufen oder sich auch mit der Polizei in Verbindung setzen. Hebe man Geld auf der Bank ab, sollte man mit dem Bankberater über den Grund sprechen. Diese würden in solchen Fällen hellhörig und vor der Betrugsmasche warnen. Winter sagt, dass sogar mehr Hinweise auf Bankangestellte zurückgingen als auf die Opfer.

Verkraftet es die Psyche?

In den meisten Fällen kommt es glücklicherweise gar nicht so weit. Die Mehrzahl der Leute durchschaut den Trick. Manche wiederum tun so, als ob sie den Anrufern glaubten, um ihnen eine Falle zu stellen. Winter berichtet von einem Fall, in dem ein Ehepartner die Polizei informierte, während der andere noch die Betrüger am Telefon hatte. Schnell fuhr Winter dann zu den Angerufenen, trotzdem hält er von solchen Aktionen nicht so viel. Seinem Kollegen Kleinpeter geht es ähnlich. Denn solche Fallen seien für die Bürger selbst nicht ungefährlich. „Bei einer Übergabe kann immer etwas passieren“, sagt Winter. Die Leute hätten solche Szenarien aus Krimis vor Augen, die Realität sei aber etwas anderes, ergänzt Kleinpeter. „Außerdem weiß man nicht, was es mit den Leuten anstellt, ob die Psyche es verkraftet, wenn ihnen bewusst wird, dass sie den Tätern eine Falle stellen oder gestellt haben“, gibt Winter zu bedenken.

Ermittlungserfolge gibt es dennoch. Die Neustadter Kriminalhauptkommissare verweisen darauf, dass es der baden-württembergischen Polizei vor einer Weile gelungen sei, eine Enkeltrick-Bande in der Türkei auszuheben. Dafür habe es eine eigene Ermittlungsgruppe mit diversen Spezialisten, etwa IT-Fachkräften, gebraucht. Auch die Behörden in dem fraglichen Land müssen freilich kooperieren.

Den Menschen in Neustadt und der Weinstraßenregion raten die beiden Kripo-Beamten, im Falle eines Schockanrufs einfach aufzulegen und dann die Polizei zu informieren. Kleinpeter erzählt, dass er jüngst mit einem Rentner zu tun hatte, der ihm stolz erzählte, dem Anrufer direkt gesagt zu haben, dass er ihn durchschaut hat.

Die Serie

In unserer Serie „Vorsicht Kriminelle“ blicken wir auf die Maschen von Betrügern, Einbrechern und Taschendieben und erklären, wie sich die Menschen schützen können.

Der erste Teil der Serie:

Wie man sich vor Einbrechern schützt

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