Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel „Elwie und Dritsch“ – eine pfälzische Abenteuergeschichte

Oger „Kobold“ als heimlicher Star: Anne Ebel spielt „Elwie und Dritsch“ in offener Spielweise mit den Figuren von Billy Bernhard
Oger »Kobold« als heimlicher Star: Anne Ebel spielt »Elwie und Dritsch« in offener Spielweise mit den Figuren von Billy Bernhard.

Das neue Kindertheaterstück steht im Hambacher „Theater in der Kurve“ vor der Premiere.

Wie sind eigentlich die Elwetritsche, die berühmten Fabelwesen aus dem Pfälzerwald, zu ihrem Namen gekommen? Die Schauspielerin Anne Ebel und der Puppenspieler und Regisseur Billy Bernhard haben diesem Stoff ein Puppenspiel für „alle Mutigen und Tapferen ab vier Jahren“ gewidmet – eine Eigenproduktion des Hambacher „Theaters in der Kurve“ . Nach der Vorpremiere im August beim Waldfest am Hohe-Loog-Haus steht jetzt die eigentliche Uraufführung in Hambach an.

Seit 1985 lebt Bernhard in Schweighofen in der Südpfalz. Als Autor, Zeichner, Komponist, Regisseur, Bühnenbildner, Schau- und Puppenspieler leitet er dort das von ihm gegründete „Chaussée-Theater“. Das Prinzip „Gesamtkunstwerk“ kennzeichnet auch seine aktuelle Zusammenarbeit mit der Neustadter Schauspielerin Anne Ebel. Zentrale Strategien, die Billy Bernhard in seinen Projekten beschäftigen – offene Spielformen, ein sparsames Bühnenbild, live in die Handlung integrierte (und selbst komponierte) Musik, dynamische Interaktion mit dem Publikum, Lautmalerei und Elemente der Pantomime – sind hier entwickelt. Gleich zur Einleitung, wenn die Darstellerin sich auf der Bühne das Gesicht schminkt, bröckelt die Vierte Wand.

Im modernen Figurentheater sei es seit langer Zeit nicht mehr üblich, dass sich Puppenspieler während der Aufführung unkenntlich machen, betont Bernhard. Im Gegenteil, die Situation werde kreativ ausgenutzt – ein experimentelles Spannungsfeld zwischen Illusion und Verfremdung, das die Darstellerin als Teil der Inszenierung, die Requisite als Objekt und das Spiel als Prozess in Echtzeit bloßlegt und damit Aspekte der Improvisation miteinbezieht.

Die Vierte Wand bröckelt ganz schnell

Sogar der Bogen für das neben der (nur scheinbar behelfsmäßigen) Tischbühne auf einen Ständer montierte Cello wird erst auf Sinn und Zweck überprüft und ausprobiert, bis er seinen Weg auf die Saiten findet. Mancherlei Klänge, auch mehrsaitige Akkorde und Melodien bis hin zu einem bekannten Kinderlied werden in die Story verwoben. So entspinnt sich das Stück ebenso als „offenes“ Kunstwerk, als Baukasten und als intellektuelles „Ready-Made“ mit vielseitigen Metaphern zum Nachdenken über das (Rollen-)Spielen an sich. Bisweilen geschieht das an der Schwelle zur Groteske – schließlich erzeugt die Darstellerin neben der Musik auch nahezu alle Geräusche.

Verkörpert werden „Elwie und Dritsch“ und alle anderen Charaktere durch Anne Ebel mit dem passenden Universaltalent. Geboren in Lüdenscheid, aufgewachsen in Neustadt, neuerdings auch als Theaterpädagogin in der zusammen mit Kollegin Paulina Sommer gegründeten Theaterwerkstatt „Die lila Henne“ aktiv (wir berichteten hier), entfaltet sich die studierte Schauspielerin und Sprecherin hier in voller Bandbreite. Auch die Musik singt und spielt sie selbst.

Das Szenario habe Billy Bernhard gemeinsam mit ihr erst vor wenigen Monaten vollendet, erzählt sie. Die Handlung kreist um das Hühnchen Elwie und das Entlein Dritsch, die, wenn sie nicht Verstecken spielen oder sich um Würmer zoffen, unbehelligt auf einem Bauernhof wohnen. Ein Schmetterling lockt sie in die Wildnis, ein Gewitter scheucht sie in den Wald. Dort lauert nicht nur eine singende Elfe mit zweifelhaften Absichten (Anne Ebel in ihrer einzigen Kostümrolle), sondern auch ein hinreißender Oger namens „Kobold“, der mit humoristischen Überraschungen und regionalem Akzent aufwartet und damit – so viel sei verraten – den Protagonisten die Schau stiehlt.

Spannung bis zum magischen Showdown

Entworfen und gefertigt hat die Figuren ebenfalls Billy Bernhard. Mittels der an den Hinterköpfen befestigten Stäbe sind sie bereits für eine recht zupackende Handhabung konstruiert. An Pointen fehlt es nicht – etwa wenn das beinahe im „Eimer-Ententeich“ ertrunkene Hühnchen von der Puppenspielerin gerettet und trockengeföhnt wird, oder wenn gegen die Mitte des Stücks zum ersten Mal ein Wort gesprochen wird. Aber Anne Ebel beherrscht eben auch das richtige Timing, um eine solche Dramaturgie umzusetzen. Zur Virtuosität von Billy Bernhards Konzept gehört, dass sich keiner von jenen Effekten, die die Fiktion durchbrechen, wiederholt. „Sparsam“ bedeutet für ihn auch, dass die Einfälle so ökonomisch platziert sind, dass die Situationen mit begrenzten Mitteln viel Raum erhalten und den Ablauf Schritt für Schritt zusammenaddieren.

So wirkt nichts an der Darbietung bloß methodisch: Vielmehr trägt die Spannung gerade durch ihr Maß an (kontrollierter) „Zufälligkeit“ bis hin zum magischen Showdown und einer Auflösung im Stil von „Und sie lebten glücklich …“, die wie eine abschließende Kadenz zum Mythos der Pfälzer Elwetritsche zurückführt. Fazit: ein durchweg gelungenes Stück Kleinkunst, unterhaltsam und mit seinen lediglich 45 Minuten Dauer auch für kleine Gäste mit weniger Sitzfleisch ein sicheres Vergnügen.

Termine

„Elwie und Dritsch“ feiert am Sonntag, 28. September, um 15 Uhr Premiere im Hambacher „Theater in der Kurve“. Weitere Vorstellungen sind dort derzeit für 5. Oktober und 9. November, ebenfalls jeweils um 15 Uhr, geplant. Das Stück ist für Kinder ab 4 Jahren gedacht. Karten (9 Euro) via Eventim über www.theaterinderkurve.de oder die Buchhandlung Quodlibet in Neustadt.

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