Neustadt
„Eine Stunde Vorlauf“ für das Notkrankenhaus
Räume für 200 Betten in zwei Gästehäusern haben die Diakonissen zur Verfügung gestellt – „ohne eine Sekunde darüber nachzudenken, was wir dafür bekommen“, wie Oberin Iris berichtet. Die Betten kommen aus den unterschiedlichsten Quellen, zum Teil gespendet und geliehen. 40 Konzentratoren für die Sauerstoffversorgung und zwei Beatmungsgeräte stehen zur Verfügung. Für die Intensivbetreuung bleibt das Marienhaus-Klinikum Hetzelstift zuständig.
„Wir brauchen eine Stunde Vorlauf, dann kann es hier losgehen“, sagt Feuerwehrchef Stefan Klein. Der Tag, den keiner will, aber auf den sich alle vorbereiten müssen. „Wenn die Zahlen sich so weiter entwickeln, dann kommt das Hetzelstift Ende des Monats an seine Kapazitätsgrenze“, hat der Leitende Notarzt Benny Benker ausgerechnet. Entscheidend sei dann, die neu Infizierten von ihren Mitbewohnern oder Patienten mit anderen Erkrankungen zu trennen, so der Allgemeinmediziner aus Gimmeldingen.
Auch zum Sterben in Würde
Die ärztliche Leitung wird Michael Hatzenbühler vom Hetzelstift übernehmen. Er hat dafür gesorgt, dass auch Einzelzimmer für Schwerkranke eingerichtet wurden. „Es wird sicherlich Patienten geben, bei denen die intensivmedizinische Betreuung wegen Vorerkrankungen nicht mehr sinnvoll oder nicht gewollt ist. Hier bei uns hätten Angehörige die Möglichkeit, sich von Sterbenden in Würde und ungestört zu verabschieden. Das wäre bei einem Krankenhaus, das wegen der Pandemie nicht betreten werden darf, überhaupt nicht möglich“, so der Spezialist für Palliativmedizin.
Für die Einrichtung des Notkrankenhauses hat die Stadt 55.000 Euro in die Hand genommen. Die Kosten für drei Monate im Betrieb gibt Stadtkämmerer Stefan Ulrich mit 90.000 Euro an. Weil das 14-Hektar-Gelände der Diakonissen im Funkloch liegt, hat die Telekom einen mobilen Mast für das LTE-Netz aufgebaut.
Mündliche Zusage aus Mainz
Oberbürgermeister Marc Weigel nahm gestern mit anderen Stadtchefs und Landräten an einer Telefonkonferenz mit Vertretern der Landesregierung teil. Dabei sei ihm mündlich zugesichert worden, dass das Land im Notfall den Standort in den Krankenhausbedarfsplan mit aufnehmen wird und auch einen Träger anweist. „Was nicht gewollt ist vom Ministerium sind wohl die Lazarett-Lösungen mit Schulen und Turnhallen“, so Weigel, der sich das Hetzelstift als Träger wünscht – „wir haben schon lange nicht mehr als Stadt ein Krankenhaus betrieben und können es auch nicht mehr“. Das sei allein schon eine Frage der Abrechnungsmöglichkeiten und des Haftungsrisikos.
Mitbewerber USA
Der Südpfälzer Thomas Gebhart, Staatssekretär von Gesundheitsminister Jens Spahn, hielt sich aus der Diskussion heraus: „Krankenhausfinanzierung ist Ländersache.“ Angesprochen auf die Materialknappheit, versprach er schnelle Hilfe. Die Bundesregierung habe in dieser Woche 10.000 Beatmungsgeräte bestellt. Das Problem sei, dass alle Länder derzeit händeringend nach Schutzausrüstungen suchen würden: „Die USA sind da mittlerweile sehr offensiv auf den Weltmärkten unterwegs.“
Den Termin in Lachen-Speyerdorf hatte der Mußbacher CDU-Landtagsabgeordnete Dirk Herber organisiert. Mit dabei war auch Christoph Gensch, der gesundheitspolitische Sprecher der Fraktion. Er will die Sorgen des Neustadter Behelfskrankenhauses in der nächsten Sitzung des Gesundheitsausschusses ansprechen.
Zur Sache: Keine Entspannung
Das Gesundheitsamt meldet für Neustadt drei weitere Corona-Patienten im Vergleich zum Montag. Es sind jetzt 57. Nur auf den ersten Blick sieht das nach einer Entspannung aus. Einem 55-jährigen Patienten geht es so schlecht, dass er im Hetzelstift auf die Intensivstation verlegt werden musste. Außerdem wurden am Montag 77 Personen, die bereits Symptome haben, getestet. An den Tagen zuvor waren es im Testcenter in der Speyerdorfer Straße zwischen 20 und 30. Die Ergebnisse der jüngsten Untersuchungen liegen noch nicht vor.
75 Personen genesen
Der Landkreis Bad Dürkheim meldet 170 Fälle (Stand Dienstag, 12.30 Uhr); am Vortag waren es 162. Bislang sind im Bereich des Neustadter Gesundheitsamtes drei Todesfälle zu beklagen: zwei aus dem Landkreis Bad Dürkheim und ein Mann aus Neustadt. Alle drei hatten in Seniorenheimen gelebt. 75 Personen aus der Stadt und dem Landkreis gelten mittlerweile als von dem Coronavirus genesen
Das Gesundheitsamt der Kreisverwaltung Südliche Weinstraße meldet von Montag auf Dienstag eine Steigerung von 114 auf 123. Davon gelten 26 als genesen. Sieben kommen aus der Verbandsgemeinde Maikammer, 23 aus der Verbandsgemeinde Edenkoben. wkr
Einwurf: Vorbild Neustadt
Keiner weiß heute, ob und wann das Notkrankenhaus in Betrieb geht. Aber es ist beruhigend zu wissen, dass binnen einer Stunde die ersten Patienten aufgenommen werden könnten. Neustadt wird zum landesweiten Vorbild. Das geht nur, weil alle an einem Strang ziehen. Von diesem Gemeinschaftsgefühl wird die Stadt noch lange zehren können, wenn das Coronavirus hoffentlich bald besiegt ist.