Neustadt Eine Karin für drei
«DEIDESHEIM». Da blieb bei vielen kein Auge trocken. Und so mancher dürfte noch länger einen heftigen Lach-Muskelkater spüren nach dem Auftritt der Kabarettistin Helene Mierscheid am Donnerstag im fast vollbesetzten Boulevardtheater Deidesheim, bei dem deutlich wurde, dass die Wahl-Berlinerin nicht nur die Klaviatur des politischen Kabaretts zu spielen versteht, sondern auch eine echte Lebensberaterin ist.
Mierscheid, die gebürtige Odenwälderin, die sich längst in der deutschen Hauptstadt als Kabarettistin, Autorin und Ghostwriterin einen Namen gemacht hat, blieb auch bei ihrem zweiten Auftritt in Deidesheim nichts schuldig. Die Politik ist nicht nur ihr Steckenpferd, sie ist ihre große Leidenschaft, die sie mit feinem Spürsinn, aber auch einer so kräftigen Prise Humor serviert, dass der Applaus kein Ende findet. Die 55-Jährige ist nicht auf den Mund gefallen. Sie beherrscht – wie keine andere Frau bundesweit – die Männerdomäne des politischen Kabaretts. Kaum eine aktuelle politische Schlagzeile oder maßgebliches Schwergewicht der Szene blieb in ihrem Beitrag verschont. Alles war eingängig, aber auch süffisant formuliert und sorgte dafür, dass Politikverdrossenheit bei ihr ein Fremdwort blieb. Im Gegenteil: Ihre Reise ging von der Außen- bis zur Innenpolitik, vom Konsulat in Istanbul über den Bürgerkrieg in Syrien bis hin zur Bundeswehr mit dem achthöchsten Wehretat weltweit. Dabei vergaß sie keinesfalls die etablierten Parteien im eigenen Land. „Die jungen Leute haben die Piraten gewählt, sie dachten, dass Johnny Depp Bundeskanzler wird.“ Am meisten hätten aber die „Grünen“ die Gesellschaft verändert. „Heute trennen wir den Müll, es gibt Solaranlagen und auch Bioläden“, erzählte Mierscheid und flocht auch gleich einen Besuch eines benachbarten Bioladen in ihrem Bezirk Friedrichshain („Dort, wo am 1. Mai die Autos brennen“) ein, bei dem sie aufgefordert wurde, beim Einkauf einer Paprikaschote ein Körbchen zu benutzen. „Das ist eine Anweisung von ganz oben“, erfuhr sie von der Verkäuferin. „Was? Gott will, dass ich ein Körbchen benutze?“ Dass sie mehr als nur das politische Tagesgeschäft in Berlin kennt, das bewies sie, als sie verriet, dass die Ehegattinnen der CSU-Schwergewichte Seehofer, Söder und Scheuer alle Karin heißen. „Ich glaube, das ist ein und dieselbe.“ Ihren Background holte sie sich direkt an der Nahtstelle der deutschen Politik. Mierscheid war über zehn Jahre Büroleiterin von Bundestagsabgeordneten. „Wenn Sie Geld verdienen wollen, dann müssen sie im Regierungsviertel eine Kneipe, eine Psychotherapie-Praxis oder ein Domina-Studio aufmachen“, so ihr Tipp. Sie selbst habe sich für Lebensberatung entschieden. „Auch die Bundeskanzlerin ist bei mir in Therapie“, sagt die Künstlerin und liest einige Geheimnisse aus ihrem Tagebuch. Zum Einsatz kam auch wieder der „Kummerkasten“, wo die Besucher im Theater ihr „größtes Problem“ schildern durften. Doch die Pfalz tickt offensichtlich anders als die Hauptstadt. „Oh Gott, was habt ihr für Probleme?“, entfuhr es der Kabarettistin. „Moi Hoor am Bobbes“ hatte ein Besucher auf das Papier gekritzelt. Da kannte das Gelächter keine Grenzen mehr. „Dann macht wenigstens beim Sex das Licht aus, dass es sich besser anfühlt als es aussieht“, empfahl sie. „Mein Problem ist, dass ich kein Problem habe“, war auch zu lesen. „Dann treffen wir uns im Zimmer 45 in meinem Hotel, dann werden wir sehen, was ihr für Probleme habt“, brachte sie es auf den Punkt. Es war lustig und heiter, Mierscheid war einfach in ihrem Element und schloss das Publikum in ihr Herz. „Trinkt ein Glas Pfälzer Wein, raucht was, es muss ja nicht Tabak sein, habt euch einfach lieb. Danke Deidesheim, ihr wart super!“, so ihr Schlusswort.