Neustadt / Bad Dürkheim / Grünstadt
Eine geschaffene Tradition: Die relativ kurze, aber spannende Geschichte der Bürgermeister-Amtsketten
Die Amtsketten deutscher Bürgermeister sind nicht nur Schätze ausgefeilter Handwerkskunst mit beträchtlichem Wert. Sie sind vor allem Zeugnisse der Geschichte. Die Tradition reicht allerdings noch gar nicht so weit zurück, wie man vermuten könnte. Am Beispiel der Städte Neustadt, Grünstadt und Bad Dürkheim wird trotzdem deutlich, wie sich die Ketten, aber auch das Verständnis der Amtsträger verändert haben.
Mit einem leichten Lächeln blickt Neustadts Oberbürgermeister Marc Weigel von einem Plakat auf die Autos herunter. Am Mußbacher Kreisel ist wieder Stau im Feierabendverkehr. Etwas Gutes hat es aber: Es ist genug Zeit, das Plakat, das seinen Neujahrsempfang ankündigt, genauer zu betrachten. Um den Hals trägt Weigel seine Amtskette. Wie alt die wohl sein mag? Wie wurde sie gefertigt? Und ist sie überhaupt echt? Die Kette erinnert schon ein bisschen an die Spaßketten zu runden Geburtstagen, auf denen groß 70, 80 oder 100 steht. Nach Rückfragen wird deutlich, dass selbst die Amtsinhaber ihre Hoheitszeichen nicht genau kennen. Es ist also Zeit für ein paar Recherchen.
In Neustadt wird die Amtskette oft benutzt
Weigel und die Leiterin seines Büros, Katja Klohr, sitzen am großen Tisch im Rathaus. Vor ihnen liegen die Amtskette in ihrem mit Samt ausgekleideten Etui und einige Dokumente, die Klohr nach der RHEINPFALZ-Anfrage im Stadtarchiv gesichtet hat. In Neustadt ist die Amtskette häufig zu sehen, denn der OB trägt sie zu vielen Anlässen: „Neben dem Neujahrsempfang sind das unter anderem der Rheinland-Pfalz-Tag, das Demokratiefest, Ehrungen der Stadt, die Verleihung des Hambacher Freiheitspreises und der Winzerfestumzug“, so Weigel. Hier habe sie vor allem einen praktischen Grund: „Die Festzugsteilnehmer wissen dann, wen sie ansprechen können“, erklärt er, denn viele Gäste kämen von außerhalb und wollten ihre Geschenke abgeben. „Es gibt kein vorgeschriebenes Protokoll.“ Vieles bestimme sich nach der Tradition und der eigenen Anwendungspraxis, so Weigel weiter.
Bei der Auswahl der Motive, dem Stadtwappen mit dem goldenen Löwen, das dem Siegel der Stadt aus dem 14. Jahrhundert entnommen wurde, einem Bildnis Kaiser Rudolfs I. von Habsburg, der der Stadt 1275 die Stadtrechte verlieh und Pfalzgraf Johann Casimirs, der 1578 das Casimirianum erbaute, könnte man den Eindruck gewinnen, dass es sich um eine altehrwürdige Insignie handelt. Dies ist jedoch nicht der Fall. Die jetzige Amtskette ist die erste der Stadt, seit 1936 im Einsatz und ein Geschenk der Neustadter Handwerkerschaft.
Legitimation durch die Aura der Altehrwürdigkeit
Bei den Amtsketten handele es sich um eine erst seit dem 19. Jahrhundert übliche Insignie, schreibt Gunter Stemmler, Historiker und Politikwissenschaftler, über diese Form der städtischen Repräsentation allgemein. Sie sei eine „invention of tradition“, also eine junge Schöpfung, die aber das Image hat, alt zu sein. Dies ist besonders auch für das Geschichtsbewusstsein von großer Bedeutung: Traditionen werden erschaffen, um Altehrwürdigkeit zu suggerieren und so für Legitimation zu sorgen. Dieses Prinzip nutzten auch die Nationalsozialisten. So ist es nicht verwunderlich, dass das Hoheitszeichen nach 1933 entsprechend der Ideologie in ein neues Bewusstsein gerückt wurde: Klohr zeigt eine Fotoreproduktion der Kette, wie sie während der NS-Zeit ausgesehen hat: mit Hakenkreuz und Adler. Nach 1945 scheine nicht darüber diskutiert worden zu sein, was mit der Kette passieren solle, erklärt Weigel. Hakenkreuz und Adler seien wohl stillschweigend abgenommen und durch eine Ansicht der Stiftskirche ersetzt worden. Gefertigt hat das Stück der Neustadter Juwelier und Goldschmiedemeister Philipp Voelcker. Sein Geschäft befand sich in der Hauptstraße gegenüber der heutigen Müller-Filiale. Da es nicht mehr existiert, sind Nachfragen zur Kette nicht mehr möglich.
Anders sieht das bei der Grünstadter Amtskette aus. „Sie wurde 1931 von der Hofgoldschmiede Theodor Heiden in München hergestellt“, erklärte Joachim Meyer, Büroleiter von Bürgermeister Mimmo Scarmato. Mehr sei ihm darüber e nicht bekannt. Der Betrieb, der bis heute existiert, besteht seit 1812 in der bayerischen Hauptstadt und fertigt und repariert auch heute noch Amtsketten. Die Marketing-Managerin Tatjana Hammann erklärt dazu: „In der betreffenden Zeit wurde in unserer Werkstatt zahlreiche Ketten hergestellt.“ Das Grünstadter Stück basiere auf einem Muster des Hauses. „Im vorliegenden Fall wurden Silber, Emaille und Türkis verarbeitet, wobei Türkis für Amtsketten ein eher ungewöhnliches Material darstellt.“
Um die Grünstadter Kette zu bezahlen, wäre heute ein Kleinwagen fällig
Ein ähnliches Design finde sich auch bei der Münchener Stadtratskette, erklärt sie. Auch zu der Arbeitszeit kann sie Auskünfte geben: „Die Herstellung erfordert etwas 70 Arbeitsstunden.“ Die Kosten waren beträchtlich. Joachim Meyer kommt mit seiner Schätzung von 3000 Euro nicht einmal annähernd an die Summe heran. „Nach heutigem Maßstab lägen die Kosten bei rund 30.000 Euro je nach Gewicht“, erklärt Hammann. Die Reaktion von Meyer ist verständlich: „Ich glaube, wir bringen die Kette in die Finanzkammer.“ Eine Tradition zum Tragen der Kette wie in Neustadt habe sich in Grünstadt bislang nicht etabliert, erklärte Meyer.
Doch ein Schicksal teilt auch die Grünstadter Amtskette mit der Neustadter. Nach der Machtübernahme durch die Nazis musste die ursprüngliche Schaumünze, die in München durch das Hauptmünzamt hergestellt worden war, dem Reichsadler weichen. Die Schaumünzen wurden in Bayern, wozu die Pfalz damals noch gehörte, vor Einführung der Amtsketten häufig als Würdezeichen an einem blauweißen Band getragen.
Es ist den Recherchen der Gesellschaft für Goldschmiedekunst (GfG) zu verdanken, dass weitere Infos zu den Ketten bekannt sind. Für eine Ausstellung mit dem Titel „Amtsketten deutscher Städte“, die 1967 im Deutschen Goldschmiedehaus in Hanau stattfand, wurden alle deutsche Städte angeschrieben, um eine Übersicht zu erstellen. Die Antworten haben sich erhalten.
Die erste Dürkheimer Kette wurde 1945 wohl zur Kriegsbeute
Die GfG, die 1932 gegründet wurde, nimmt für die Amtskettenforschung generell eine bedeutende Stellung ein. Im Jahr 1936 schrieb sie zusammen mit der Bremer Kunstschau einen Wettbewerb mit dem sperrigen Titel „Bildnisse Deutscher Männer als Ehrenträger von Orden, Ehrenzeichen, Parteiabzeichen, sportlichen Abzeichen aller Art und Amtsketten“ aus. Wie in Briefen im Landesarchiv Speyer dokumentiert, wollte auch der Bad Dürkheimer Künstler Otto Schmitt-Gross teilnehmen und bat den damaligen Bürgermeister der Kurstadt, Hieronymus Merkle, ihn mit seiner Amtskette für den Wettbewerb malen zu dürfen. Merkle lehnte ab. Teilgenommen hat Schmitt-Gross dann nicht. Das Vorwort zur Gewinnerbekanntgabe ist jedoch aufschlussreich und zeigt den ideellen Hintergrund, mit der Amtszeichen wie die Amtsketten aufgeladen waren: „Der Schmuck eines Mannes, seine Orden, seine Kette, seine Ehrenzeichen berichten nicht nur von der inneren Bedeutung ihres Trägers, sondern erzählen von seinem Leben und Wesen, von seinem Weg, von seinem Ehrgeiz, seinem Können und Wollen und von den Zielen, die er erreichte. Männlicher Schmuck ist nicht nur Schmuck: er ist zugleich sichtbares Symbol gewordene Geschichte eines männlichen Lebens und somit etwas, was zum Bild seines Trägers ebenso hinzugehört wie dessen Gesicht.“
Nach dem Zweiten Weltkrieg musste sich das Verständnis für die Amtsketten neu herausbilden. Die Ansprache zur Überreichung der neuen Bürgermeisterkette von Bad Dürkheim am 25. Juli 1966 an Bürgermeister Bernhard Mangold zeugt von der wandelnden Bedeutung: „Der Bürgermeister soll im Schmuck der Amtskette zur Wahrung des Ansehens seiner Stadt auftreten. Die Bürde, die mit dem Tragen einer Bürgermeisteramtskette verbunden ist, bleibt allezeit schwer.“ Wie die RHEINPFALZ damals berichtete, ersetzte die neue Kette eine 1933 angeschaffte Vorgängerin aus Gold und Silber, die beim Einmarsch der Amerikaner 1945 abhanden gekommen sein soll.
Heute ein Zeichen der Verpflichtung gegenüber Stadt und Bürgern
Und wie sieht es heute, 60 Jahre später, aus? Hier zeigt sich die Entwicklung hin zu einem gemeinschaftlichen Dialog und Transparenz: Natalie Bauernschmitt, die amtierende Bürgermeisterin von Bad Dürkheim, sagt dazu: „Die Amtskette hat sich im Laufe der Zeit in ihrer Bedeutung gewandelt. Während sie historisch unterschiedlich eingeordnet wurde, steht sie heute vor allem für die Verantwortung und das Vertrauen, das mit dem Amt verbunden ist.“ Für die Amtsträgerinnen und -träger sei sie ein Zeichen der Verpflichtung gegenüber der Stadt und ihren Bürgerinnen und Bürgern, für Dialog und das Ziel, die Stadt im Sinne der Gemeinschaft weiterzuentwickeln. Auch Marc Weigel in Neustadt positioniert sich klar in diesem Sinne: „Wenn ich die Kette trage, ist mir sehr bewusst, dass sie eine ambivalente Geschichte hat und in ihrer heutigen Verwendung eine klare demokratische Antwort auf diese Vergangenheit sein muss“, erklärt er. Sie stehe für ihn nicht für Glanz oder persönliche Auszeichnung, sondern für Verantwortung, Bindung an Recht und Gesetz und für den Auftrag, der Stadt Neustadt zu dienen.