Neustadt
Ein Vollblutmusiker tritt kürzer: Ralf Rudolph im Unruhestand
Ralf Rudolph hat zum Jahreswechsel nach mehr als 40 Jahren die Tuba bei der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz in Ludwigshafen an den Nagel gehängt. Der Musik kehrt der Ur-Neustadter jedoch keineswegs den Rücken – und auch dem Eisenbahnmuseum und vor allem seinem geliebten Kuckucksbähnel will der 63-Jährige die Treue halten.
Große Kindheitswünsche erfüllen sich im Leben selten, bei Ralf Rudolph aber hat es geklappt: 1962 in Neustadt geboren und in Hambach aufgewachsen, begleiten ihn gleich zwei frühe Leidenschaften bis heute: die Musik und die Eisenbahn. Die eine hat Rudolph als Tubaspieler (Tubist) sogar hauptberuflich bis zum Eintritt in den Ruhestand Ende vergangenen Jahres bei der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz in Ludwigshafen verfolgt, der anderen frönt er nach wie vor beim Eisenbahnmuseum der Pfalz in seiner Heimatstadt als Lokführer und Museumsleiter.
Sein erstes Interesse galt der Musik, nicht jedoch speziell der Tuba. „Bei der Kolpingskapelle Hambach habe ich mit neun Jahren begonnen, Klarinette zu spielen“, blickt Ralf Rudolph im Gespräch zurück. In dem erst wenige Jahre zuvor, nämlich 1965 gegründeten Musikverein habe er sich wohlgefühlt und eine gute musikalische Grundausbildung erhalten. Schon als Zwölfjähriger durfte er dann in der Blaskapelle mitspielen.
In Ludwigshafen gegen 28 Mitbewerber durchgesetzt
„Mit 16 Jahren habe ich dann beim Posaunenchor Hambach angefangen, Tuba spielen zu lernen“, erinnert sich der 63-Jährige. „Mein Tuba-Lehrer war Rüdiger Augustin, der das Instrument damals bei der Staatsphilharmonie spielte.“ Das größte und tiefste Blechblasinstrument faszinierte den jungen Neustadter: Er entschied sich für ein Studium der Tuba an der Musikhochschule in Mannheim. Sein Lehrer dort? Eben jener Rüdiger Augustin, der an der Hochschule als Professor unterrichtete.
Rudolph studierte noch, als Augustin krank wurde und eine Kur antrat. „Ich bin bei der Staatsphilharmonie für meinen Lehrer eingesprungen und habe eine Tournee mitgemacht“, blickt er zurück. Das Schicksal nahm seinen Lauf: Augustin starb mit gerade einmal 50 Jahren an einem Herzinfarkt. „Es war schon sein dritter Infarkt“, sagt sein damaliger Schüler. „Ich habe beim Orchester dann übergangsweise als Aushilfe weiterhin die Tuba gespielt“, erklärt er.
Schließlich schrieb die Staatsphilharmonie die Stelle aus. „29 Tubisten haben sich darauf beworben“, teilt Rudolph mit. Es gab wie üblich ein Vorspielen, aus dem in diesem Fall nur einer als „Sieger“ hervorgehen konnte. „Das war eine Herausforderung für mich“, erinnert er sich. Sein Vorteil gegenüber den Konkurrenten sei es gewesen, dass er das Orchester schon relativ gut kannte. „Es ist wichtig, so zu klingen, wie es erwartet wird.“ Das muss Rudolph seinerzeit ganz gut gelungen sein, war er doch schließlich derjenige, der die begehrte Stelle bekam.
Der Tod des Freundes Peter Leiner traf ihn schwer
Der Neustadter blieb dann fast 42 Jahre lang Tubist bei der Staatsphilharmonie. „Meine schönsten Erlebnisse mit dem Orchester? Das waren die Konzerttourneen“, sagt er. Dreimal ging es für die musikalischen Botschafter des Landes nach Finnland. „Dort war es besonders schön.“ Als „Lichtmensch“ habe der Musiker die Sommertage im hohen Norden, an denen es nie ganz dunkel wird, intensiv genossen.
Neben seinem Job bei der Staatsphilharmonie hat Ralf Rudolph als Vollblutmusiker in all den Jahren auch noch bei mehreren anderen Projekten mitgewirkt. Eines der bekannteren und besonders erfolgreichen „Vorhaben“ ist seine Beteiligung am „Rennquintett“ von 1988 bis2018, einem Blechbläserensemble mit – klar – fünf Mitgliedern. Die Musiker haben zahlreiche Konzerte gegeben und in den 30 Jahren ihres Bestehens 14 CDs eingespielt – von klassischen Stücken über Jazz-Standards bis hin zu Weihnachtsliedern. Das Quintett nahm ein jähes Ende, als der Trompeter Peter Leiner im Oktober 2018 überraschend starb. Der gebürtige Landauer wurde nur 56 Jahre alt.
„Peter war ein guter Freund. Sein Tod hat mich schwer getroffen“, sagt Ralf Rudolph. Für ihn und seine Kollegen vom „Rennquintett“ sei klar gewesen, dass das Ensemble ohne Leiner nicht fortbestehen konnte. Und ihm selbst wurde bewusst, dass auch seine Laufbahn nicht ewig weitergehen würde. „Ich wollte nicht bis 65 bei der Staatsphilharmonie weitermachen“, sagt er. Deshalb habe er sich um seinen Eintritt in den Ruhestand mit 63 Jahren gekümmert. Das Anime-Konzert im Neustadter Saalbau am 11. Dezember war sein letzter großer Auftritt als Tubist mit dem Orchester. Von seinen Kollegen wurde Rudolph zum Abschied mit Worten und Präsenten gewürdigt. Das Publikum feierte ihn für seine langjährige Treue zu dem Ensemble.
Eine Rückkehr zu den musikalischen Anfängen
Rudolph, der erklärtermaßen jede Musik mag, „wenn sie gut gemacht ist“ („nur elektronische nicht“), sieht durchaus die Gefahr, im Ruhestand in ein Loch zu fallen. Berufliche Verpflichtungen hat er nicht nur mit Blick auf die Staatsphilharmonie keine mehr. Denn der Neustadter hat auch seine Professur für Tuba an der Musikhochschule in Saarbrücken, die er 2001 angetreten hatte, bereits anno 2021 aufgegeben. Außerdem sind seine drei erwachsenen Kinder schon lange aus dem Haus, und Jagdhund Theo füllt seine Tage auch nicht aus.
Die „Rettung“ vor besagtem Loch sieht der Vollblutmusiker für sich zum Teil in der Musik. „Ich habe wieder begonnen, Klarinette zu spielen“, sagt er. Und die ersten Auftritte als Mitglied der Kolpingskapelle Hambach, deren sinfonisches Blasorchester er auch einige Jahre geleitet hat, seien bereits geplant. Dazu habe er sich nicht spontan entschieden, sondern es schon länger vorgehabt. „Ich habe meine alte Klarinette bereits überholen lassen. Sie funktioniert noch gut, und ich werde wieder mit dem Instrument vertraut“, erklärt er.
Die Museumsleitung wird Rudolph abgeben
Und da ist ja auch noch seine zweite, fast lebenslange Leidenschaft: die Eisenbahn. „Als ich zwölf Jahre war, sah ich, wie an den Loks im alten Schuppen am Hauptbahnhof gearbeitet wurde. Da wollte ich auch mitmachen“, erinnert sich Rudolph an sein Aha-Erlebnis in Kindertagen. Bald darauf trat er der Deutschen Gesellschaft für Eisenbahngeschichte (DGEG) bei, die unter anderen das Eisenbahnmuseum der Pfalz in Neustadt betreibt. „Seit 1975 bin ich Mitglied, also auch schon 50 Jahre.“ Seit 15 Jahren leitet er das Museum auch.
Bei der alsbald anstehenden Wahl des DGEG-Standortleiters, was mit der Museumsleitung gleichbedeutend ist, werde er nicht wieder antreten, kündigt Rudolph jedoch an. Aber als Lokführer möchte er dem Verein erhalten bleiben – und damit seinen Kindheitstraum weiter leben. Für die Erfüllung dieses Wunsches hatte er neben seinem Orchester-Job mehrere Monate lang eine Schule der Bahn besucht, um den nötigen Triebfahrzeugführerschein zu erwerben. Keine schlechten Aussichten also für ihn: Ab dem Frühjahr verkehrt das dampfbetriebene Kuckucksbähnel wieder regelmäßig als Museumszug zwischen Neustadt und Elmstein.