Neustadt Ein Loch im Zentrum des Universums

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«Neustadt». Von Verlust und Trauer, Liebe und Hoffnung erzählt die amerikanische Schriftstellerin Morgan Callan Rogers in ihrem Roman „Rubinrotes Herz, eisblaue See“. Dieser einigermaßen kitschig klingende Titel ist das einzige, was an dieser eindrücklichen Familien- und Entwicklungsgeschichte missfällt, die durch ihre außergewöhnliche Thematik und unsentimentale Erzählweise überzeugt.

Die beschauliche Kleinstadt The Point in Maine, dem zerklüfteten Nordosten der Vereinigten Staaten, ist Schauplatz der Story. Kurzweilig schildert die elfjährige Florine, Ich-Erzählerin des Romans, zunächst ihre unbeschwerte Kindheit in diesem Fischerort, wo sie, von ihren Eltern geliebt, geborgen aufwächst und mit ihren Freunden spannende Abenteuer erlebt. Ihr Vater Lee ist Hummer-Fänger, ihre Mutter Carlie arbeitet als Kellnerin. Sie ist für das Mädchen wie auch für Lee „das Zentrum des Universums“. Diese umtriebige Frau würde am liebsten oft mit ihrer Familie auf Reisen gehen. Doch Lee ist bodenständig, bleibt lieber in The Point, so dass sie wenigstens einmal im Jahr mit ihrer Freundin eine kurze Auszeit nimmt. Diesmal jedoch kehrt Patty allein zurück. Der Schock für Lee und das Mädchen: Carlie ist verschwunden. Die Ermittlungen der Polizei bleiben erfolglos. Vermutungen kreisen durch die Stadt. Wurde Carlie entführt, womöglich ermordet, oder ist sie „nur“ auf der Flucht aus ihrem monotonen Alltag? Fragen über Fragen, die alle unbeantwortet bleiben. Wie aber geht ein elfjähriges Mädchen mit diesem Schicksalsschlag um? Der Leser bangt mit Florine, die in Angst und Verzweiflung immer wieder in Visionen ihre Mutter sieht und fest daran glaubt, dass Carlie sie niemals im Stich lassen würde und ganz sicher irgendwann zurückkehren wird. Doch als ihr Vater dem Alkohol verfällt, gerät ihr Leben völlig aus den Fugen. Nur Grand, ihre Großmutter, vermag ihr Halt zu geben. Die Autorin zeichnet sie als starke, allen Lebenslagen gewachsene Frau mit Vorbildcharakter. Als Lee in der schwierigsten Zeit seines Lebens Hilfe von seiner Jugendliebe Stella erhält, verlangt Florine von Grand beim traditionellen Putzen des rubinroten Glasgeschirrs am 1. Januar, dass sie ihrem Sohn diese Beziehung verbiete. Da Grand diese Einmischung ablehnt, läuft Florine zum Strand und wirft „das rubinrote Herz“ in „die eisblaue See“. Hier der plausible Bezug zum Titel! Die ohnehin schwierige Entwicklungsphase der Pubertät wird für Florine umso komplizierter, als der Streit mit ihrem Vater und die Eifersucht auf Stella, der sie den Tod wünscht, eskalieren. Sie schwänzt die Schule, zieht zu ihrer Großmutter – und sie erlebt die erste Liebe. Der Verlust der Mutter, die verschwunden bleibt, ist nicht der einzige Schicksalsschlag, dennoch versucht die inzwischen 17-Jährige, nicht aufzugeben. Die 1952, im selben Jahr wie die Protagonistin des Romans in Maine geborene Autorin verarbeitet in ihrem literarischen Debüt eigene Kindheitserlebnisse. Florines qualvolle Erfahrungen schildert sie authentisch im Ton des traumatisierten Mädchens zum einen voller Trauer, dann mit Wut und Trotz und bisweilen mit schwarzem Humor. Dabei vermittelt Rogers überzeugend die besonders für Heranwachsende essentielle Botschaft, auch in ausweglos erscheinenden Lebensphasen den Mut nicht zu verlieren, sondern auf die Kraft von Hoffnung und Liebe zu vertrauen. LESEZEICHEN Morgan Callan Rogers: Rubinrotes Herz, eisblaue See. Aus dem Amerikanischen von Claudia Feldmann. Als Taschenbuch bei Knaur, 427 Seiten, 9,99 Euro, gebunden im Mare-Verlag, 428 Seiten, 19,90 Euro.

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