Neustadt „Ein Lied über Opa Siegfried“

Singt und spielt Akkordeon: Aya Cohrssen.
Singt und spielt Akkordeon: Aya Cohrssen.
Frau Cohrssen, mit Neustadt verbindet Sie noch heute Ihre Familiengeschichte?

Meine Großeltern Siegfried und Helene Cohrssen führten ein großes Kaufhaus in der Neustadter Hauptstraße. Nach ihrer Flucht vor den Nazis 1939 in die Vereinigten Staaten im Zuge der Arisierung wurde es von einem Mitarbeiter weitergeführt. Er hieß mit Nachnamen Weickert, und darunter kannte man das Kaufhaus auch jahrzehntelang. Heute befindet sich dort der Drogeriemarkt Müller. Hält Ihre Familie seither Kontakt zur alten Heimat? Schon als Kinder waren wir mit unserem Vater regelmäßig auf dem Neustadter Friedhof am Grab der Großeltern. Diese haben selbst die Versöhnung mit ihrer Heimatstadt nicht mehr erlebt, wollten hier aber bestattet werden. Wir fanden ihr Grab in den Jahren um 2000 letztlich etwas verwahrlost vor. Heute sieht man aber, dass man sich wieder um die jüdischen Gräber kümmert. Wie kam es, dass Ihre Familie zurück nach Europa fand? Mein Vater Hans Cohrssen war Jahrgang 1905 und wanderte schon 1926 in die USA aus. Zum Glück für meine Großeltern, so konnte er sie 1939 nach New York nachkommen lassen. Sein Bruder und seine Schwester waren vorher schon innerhalb Europas emigriert. Als Soldat kehrte mein Vater im Zweiten Weltkrieg mit der amerikanischen Armee zurück nach Europa, kämpfte unter anderem in Italien und Österreich gegen Nazi-Deutschland. Meine Mutter ist gebürtige Österreicherin. Ich bin 1954 in Frankfurt geboren, lebe heute in Odernheim am Glan in der Nordpfalz und arbeite dort als Psychologin. Spielte Judentum in Ihrem Leben eine Rolle? Mein Vater war kein praktizierender Jude gewesen, er konvertierte nach dem Krieg zum Christentum. Meine Mutter war Wienerin und katholisch. Für uns in der Familie war der katholische Glaube sehr wichtig. Die Aufarbeitung der Geschichte, auch der damit verbundenen persönlichen Schicksale, begegnet mir als Psychotherapeutin immer wieder bei vielen Lebenswegen und Erinnerungen. Wer zog die Fäden für das Konzert in der Winzinger Kirche mit Ihrer Formation „Patente Kismetanten“? Mein Kontakt wurde über ein Projekt der Gedenkstätte für NS-Opfer in Neustadt und Schülern des Kurfürst-Ruprecht-Gymnasiums neu belebt. Die Schüler pflegen den Friedhof, was mich sehr freut. Sie haben die Geschichte der früheren jüdischen Mitbürger, so auch die meiner Vorfahren, für eine Dokumentation aufgearbeitet. Mit den jungen Leuten bin ich dann wieder bei der Begräbnisstätte zusammengetroffen. Eberhard Dittus vom NS-Gedenkprojekt hat letztes Jahr einen Gedenkgottesdienst organisiert und uns danach für unser aktuelles Konzert eingeladen. Es ist quasi unser „erster Auslandsaufenthalt“, sonst sind wir fast immer nur in der Ecke um Bad Kreuznach und Mainz unterwegs. Unsere Lieder passen sehr gut in eine Kirche, insbesondere in eine mit solch historischem Hintergrund wie in Winzingen. Warum Klezmer-Musik? Wer sind die Mitwirkenden Ihres Ensembles? Wir kombinieren diese jiddische, nichtreligiöse Musiktradition des Klezmer mit stilistischen Weisen aus Mazedonien und anderen des östlichen Europa. Als Band sind wir seit fünf Jahren fest zusammen: Angela Müller-Pfeffer, Klarinette, und Cäcilia Adrian, Gesang/Percussions, werden ergänzt durch Theresia Guth, Cello, und Benni Grebert, Percussions/ Hang. Besondere musikalische Akzente steuern das Cello und das junge Instrument Hang bei. Ich spiele Akkordeon und singe, unsere Weisen haben wohl Klezmer-Anklang, vor allem aber eigenen Charakter. Meine Lieder handeln vom Leben, von Schicksalen und Beziehungen. Manche Titel erzählen vom Vertrauen und Loslassen, von allgemeinen Lebensweisheiten. Wichtig ist mir auch, die rechte Distanz im Leben mit ausreichend Humor zu finden. Ist Ihr Familienschicksal auch Thema? Ja natürlich, auch über Opa Siegfried gibt es ein Lied. Eine Auswahl meiner Songs habe ich letztes Jahr im Band „ÜberLebensLieder“ veröffentlicht. Mein Vater hat seine Erinnerungen übrigens 1999 selbst in einem Buch zusammengefasst. Titel: „Einer, der auszog, die Welt zu verändern – Erinnerungen eines Jahrhundertzeugen“. Info „Kismet“, Konzert mit Aya Cohrssen und ihrer Band „Patente Kismetanten“ am Samstag, 27. April, 19.30 Uhr, in der Alten Winzinger Kirche in Neustadt. Das Repertoire des Ensembles – Gesang, Klarinette, Percussion, Cello, Hang – umfasst eigene Lieder über das Leben und die Liebe sowie Interpretationen von typischer Klezmermusik. | Interview: Andrea Zimmermann

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