Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Ein Genuss: Das Mandelring Quartett im Saalbau

Das Mandelring Quartett
Das Mandelring Quartett

Das Mandelring Quartett faszinierte in der „Klassik-Reihe“ des Hambacher Musikfests im Saalbau mit Haydn, Ligeti und Beethoven.

Joseph Haydn komponierte seine sechs Streichquartette Opus 20, genannt „Sonnenquartette“, im Jahr 1772 mit reifen 40 Jahren, im Dienst des Fürsten Nikolaus I. Esterházy in Ungarn – eine Schicksalsstunde der abendländischen Musik, denn das Formverständnis, das sich hier niederschlägt, hat noch Mahler und Schönberg und Komponisten über sie hinaus beschäftigt. Sei es unter dem Einfluss von Sturm und Drang oder im Naturbewusstsein der Schriften Rousseaus: Hier weht der Wind der Freiheit – bereit, die gerade erst etablierte Form wieder aufzubrechen.

Die Nr. 4 in D-Dur aus dem Zyklus, die den Abend einleitete, gibt sich an der Oberfläche wie ein ländliches Idyll, vom Mandelring Quartett gleichsam mit Pinselstrich, in satten Farben pointiert, dabei niemals dick aufgetragen. Im Innern ist die Struktur verschroben und hintersinnig. So äußert sich der Geist der „Verwandlung“ im Kopfsatz humoristisch, von subtiler Ironie bis zum Kalauer. Dazu gehören die asymmetrischen, gleichsam „eiernden“ Phrasen des Hauptsatzes, die vielen dynamischen Wechsel und quirligen Einwürfe, die imitatorisch durch die Stimmen wandern, aber auch die Scheinreprise in der Durchführung und der zunächst „falsche“ Einsatz der eigentlichen Reprise nach der Generalpause.

Warum das Quartett zur Weltklasse zählt

Durch dieses Spiel mit den Hörerwartungen lenkte das Mandelring Quartett auf der Basis konzentrierter Sonorität – ein Kraftwerk, aus dem die Kapriolen wie neugeborene Ideen hervorsprudelten. Die vielen teils überraschenden „Verwandlungen“ von Opus 20 Nr. 4 bezeugten einmal mehr die bemerkenswerte Flexibilität und das Taktgefühl dieses Ensembles, das nicht ohne Grund zur Weltklasse zählt. Im Zeichen der dekonstruktiven Tendenzen des Werks mischt das Adagio, komponiert als Variationsform, das Verhältnis der Stimmen in immer wieder neue Gruppen, in denen Nanette Schmidt (zweite Violine) und Bernhard Schmidt (Violoncello) in dichtem, anrührendem Melos die Führung übernahmen, ehe Primgeiger Sebastian Schmidt wie ein Addendum, als zwitschernde Oberstimme hinzutrat.

Ist es weit hergeholt, in diesen virtuosen Passagen osteuropäische Folklore zu ahnen? Die Überschrift zu Haydns äußerst knappem und sperrigem Menuett – alla zingarese mit dem heute unzeitgemäßen Wort „Zigeuner“ – mag auf gewisse Einflüsse hindeuten. Wer das nachfolgende 1. Streichquartett „Métamorphoses nocturnes“ György Ligetis bis dato nicht kannte, hat wohl in der eröffnenden „Nachtmusik“ des Stückes einen Aha-Moment erlebt: So sehr passt der melodische Wurf der Solovioline mit der gleichsam schattenhaften Begleitung zu einer Vielzahl der eben verklungenen Passagen von Haydn! In mancher Hinsicht entwickelte Ligeti den Gedanken der „Verwandlungen“ von ähnlichen Standpunkten aus. Sein 1. Streichquartett, komponiert 1953 (der Komponist war 30 Jahre alt), gleicht einem Setzkasten, der alle Geschöpfe des werdenden Personalstils bereits in Form von Miniaturen zur Schau stellt. Die traditionelle Form weicht der entwickelnden Variation einer einzigen, viertönigen Zelle, die im Instrumentarium in immer neuen Konstellationen erprobt wird.

Wunderschön warme Viola

Obschon im Rahmen konventioneller Techniken, ist hier klanglich alles dabei, was ein Streichquartett aufbringt, vom brachialen marcato bis zu ätherischen Glissandi im Naturflageolett, die auf die Klangflächen in Ligetis reiferen Werken vorausweisen. Wie ein Echo hallt das Vorbild Belá Bartóks hindurch, spürbar in der „Nachtmusik“ der Einleitung, der extremen Chromatik, den engen Motivzellen, aus denen sich das Stück zusammensetzt. Die Schmidts – drei „Viertel“ des Mandelring Quartetts – haben das alles noch mit dem Meister persönlich einstudiert. Wie viel Spaß ihnen diese Tour de Force bereitet, wie vertraut sie damit umgehen, war von der ersten Note an zu spüren – verspielt, einschließlich komödiantischer Einlagen.

Nach der Pause fügte sich Beethovens Opus 132 in a-moll ebenso organisch in das Motto des Programms – namentlich durch das berühmte Viertonmotiv, aus dem weite Teile des Werks konstruiert sind. Ein Meilenstein inmitten der späten Streichquartette, markiert es mit seinen fünf Sätzen, seinen etlichen dynamischen „Kneipp-Kuren“ und Tempo-Wechselns einen Schritt in die Moderne – Ausdruck eines Komponisten, der seine Tonsprache von Werk zu Werk neu erfindet. Der Ernst (und sporadische Trotz) von Opus 132 entfaltete sich im Quartett mit philosophischer Dichte, in jenem merkwürdigen, in sich zerschnittenen „Dankgesang“ des Mittelsatzes gar mit der Besonnenheit des Gebets, im Finale mit mitreißendem Feuer und einem Schuss Tragik. Endlich bot sich auch dem Bratschisten Andreas Willwohl hier und da Gelegenheit, mit seiner wunderschön warmen Viola hervorzutreten.

Respekt!

So versammelten die „Verwandlungen“ drei Komponisten in einem Leitgedanken, der sie strukturell verbindet. Das Auditorium war eingeladen, diese Parallelen hörend zu erkennen. Dass solcherlei Mysterium der Musik unausgesprochen blieb, dass man nicht darauf „gestoßen“ oder verbal „belehrt“ wurde, zeigt, mit welchem Respekt das Quartett seinem Publikum begegnet. Selten wird ein so hintergründiges Programm präsentiert. Auf unablässigen Applaus erklang das Menuett aus Haydns Opus 20 Nr. 2 als Zugabe.

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