Neustadt
Diedesfelder Kirche strahlt in neuem Glanz
Wie haarscharf man dem Zusammenbruch von Dach und der unwiderruflichen Beschädigung des Gotteshauses entging, schildert der beim Bischöflichen Bauamt beschäftigte Diplomingenieur Thomas Querling. Begonnen hatte alles 2014, als er mit der Glockensachverständigen Birgit Müller die Läuteanlage besichtigte und einen Blick in den Dachraum des um 1750 errichteten Langschiffes werfen konnte: „Der horizontale Balken, der die Dachsparren trägt, war nur noch ein abgefaulter Rest. Ein ungutes Gefühl entwickelte sich beim Durchschreiten des Dachraumes, hier waren aus unersichtlichen Gründen Balken-Überzüge auf dem Bretterboden montiert. Ein Blick im Innern von der Empore aus zeigte, dass die Decke stark durchhing.“
Das ganze Dach war kurz vor dem freien Fall
Im Jahr darauf wurde das Ingenieurbüro ICW (Dipl. Ing. Christiane + Dipl.-Ing Thomas Weber) aus Grünstadt hinzugezogen, anfangs nur für eine Untersuchung mit Gutachten, Sanierungsvorschlag für Turm und Schiff sowie Kostenermittlung. 2016 liefen die Untersuchungen auf Hochtouren, als sich ein neues Problem auftat: Dachziegeln lösten sich und stürzten auf die Straße. Die Kirche wurde zum Schutz der Passanten gesichert und eingerüstet. Glück im Unglück: Das Gerüst erlaubte das Öffnen der Dachfläche im Traufbereich.
„Hier war eigentlich nichts mehr in Ordnung, ein Schock! Mächtige Hölzer im Bereich der Auflage waren mehr oder weniger zu Humus verfallen“, so Querling. Die notdürftigen Flickversuche im Gebälk zeigten, dass schon man schon zuvor – aber unprofessionell – Hand angelegt hatte. Flickwerk, ohne das eigentliche Problem zu erkennen und zu beseitigen. Die Kirche wurde 2017 sofort gesperrt, denn das statische System war außer Kontrolle. Neben Feuchtigkeit wurden als Verursacher Anobien, Nagekäfer, sprich „Holzwurm“, entlarvt, 95 Prozent der Fußpunkte des Dachstuhl waren dadurch stark geschädigt oder sogar aufgelöst. „Ein ganzes Kirchendach quasi kurz vor dem freien Fall. Diese Katastrophe mag man sich gar nicht ausmalen“, erschaudert Querling noch heute beim Gedanken.
Die Dachkonstruktion musste nun komplett erneuert werden, die Restaurierung einzelner Teile war keine Option. Neue Hölzer ersetzten nach dem Abdecken alle Sparren und Balken. Letztlich wurde das Dach völlig neu eingedeckt. Der Deckenputz musste vorab komplett entfernt werden, da er sich von selbst in großen Bahnen ablöste. Ein Arbeitsboden wurde unterhalb der Decke aufgezogen, um alle Arbeiten, auch die an den Fresken, bewerkstelligen zu können. Die Altäre und die Kanzel aus dem 18. Jahrhundert hatte man zuvor durch Verschalungen geschützt. Ebenso verpackte man die Orgel mit Platten, die Pfeifen wurden sicher „eingehaust“. „Wie sehr sich die Decke nach unten gewölbt hatte, sah man hier ganz deutlich. Sie stützte sich auf dem Profilkranz der Orgel ab“, sagt Markus Graser von der beauftragten gleichnamigen Speyerer Orgelbaufirma.
Schritt für Schritt weitere Mängel entdeckt
Die mit Stuck umrahmten Deckenbilder konnten Diözesankonservator Wolfgang Franz und sein Team retten. Die vier großen Fresken wurden mit vielen Flaschenzügen auf das Gerüst abgelassen, stabilisiert, und in hingebungsvoller Kleinarbeit restauriert. Sowohl für das Abseilen als auch für die neue Befestigung entwickelten Franz und Ingenieurin Christine Weber Spezialkonstruktionen und Verfahren, um einen Bruch der wertvollen Fresken zu verhindern. „Aus Sicht des Denkmalschutzes musste alles versucht werden, um diese einzigartigen Bilder zu retten. Deren Neuerstellung wäre schon daran gescheitert, dass heutzutage eigentlich niemand mehr diese Technik beherrscht“, beschreibt Franz die meisterhafte Arbeit von Hans Baierlein, der die Deckengemälde 1929 in neobarockem Stil geschaffen hat. Die Hambacher Restauratorin Eva Lincul kittete Risse, verschloss Hohlräume mit speziellen Injektionen und erneuerte das Farbkonzept. Philipp und Jonas Ihrig (Bad Dürkheim) bauten abgebrochene Profilabschnitte der Stuckumrandungen wieder auf. Parallel dazu begannen die Arbeiten am neuen Deckenputz in historischer Rohrmattentechnik mit Kalkputz. Danach war ein komplett neuer Innenanstrich unausweichlich.
Beim Prüfen der Elektrik entdeckte man unter anderem mindestens 50 Jahre alte textilummantelte Leitungen, die Unter- und Hauptverteilungen waren ebenfalls sicherheitstechnisch nicht mehr akzeptabel. So musste also auch die Elektrik im Kirchen- und im Dachraum komplett erneuert werden, ebenso das ineffiziente Heizungssystem von 1970. Letztlich nutzte man die Zeit vor dem Abbau des Gerüstes auch, um der Kirche den längst fälligen neuen Außenanstrich zu verleihen. Die zahlreichen Maßnahmen füllen mittlerweile mehrere Aktenordner.
Der Wiedereröffnung wird entgegengefiebert
Grob geschätzt betragen die Renovierungskosten laut Querling bis dato 3,5 Millionen, die Endabrechnung werde Genaueres zeigen. 90 Prozent davon übernimmt das Bistum Speyer, zehn Prozent muss die Kirchenstiftung Diedesfeld stemmen. „Eine solche Maßnahme, deren Umfang immer wieder als Reaktion auf neu auftauchende Schäden erweitert werden musste und daher kostenmäßig kaum zu beziffern war, war nicht nur für das Bauteam eine große Belastung. Auch die Verwaltungsräte fühlten sich zeitweise angesichts der Kostenentwicklung ihrer Verantwortung kaum gewachsen“, erklärt Querling. „Mit viel Herzblut haben insbesondere das Büro Weber und immer mit dabei Thorsten Boschert seitens der Gemeinde die besten Lösungen gesucht.“ Boschert freut sich über den Abschluss der Arbeiten: „Die Handwerker können stolz auf ihre Arbeit sein. Mittlerweile ist auch die Orgel wieder eingebaut, einige Pfeifen mussten restauriert werden.“
Der frühere Pfarrer Anton Böckel empfindet große Freude. „Ich bin sehr froh, wenn hier wieder Gottesdienste sind und ich bei der Wiedereröffnung mitzelebrieren kann“, sagt der 92-Jährige. Dem Neubeginn fiebert auch der geschäftsführende Pfarrer Michael Paul (Pfarrei Heilig Geist Geinsheim) entgegen und lobt: „Hut ab vor der Leistung der Handwerker, Architekten und der Ingenieurin!“
Die feierliche Wiedereröffnung begeht man im kleinen Kreis am Sonntag, 19. September, um 11 Uhr gemeinsam mit Domkapitular Peter Schappert. Der Gottesdienst wird live auf dem Youtube-Kanal der Pfarrei (Stichwort: Pfarrei Heilig Geist Neustadt, Link hier) übertragen. Um möglichst vielen Gemeindemitgliedern die Möglichkeit zum Gottesdienstbesuch vor Ort zu geben, wird zusätzlich am Samstag und Sonntag, 25. und 26. September, jeweils um 18 Uhr eingeladen. Ein gemütliches Beisammensein ist, soweit nach Corona-Verordnung möglich, danach geplant. Anmeldung übers Pfarrbüro oder die Homepage Heilig Geist (www.pfarrei-nw-heilig-geist.de).