Neustadt
Die Streiche des Scapin im Saalbau: Großes Theater auf kleiner Bühne
Mehr Theater geht nicht! Bei Kai Frederic Schrickels facettenreicher Inszenierung der „Streiche des Scapin“ begann das Theater schon vor dem Theater im Theater. Wie das? Na, die Schauspieler mischten sich gleich im Foyer unters Volk, um für ihr Stück und ihre Truppe zu werben und Programmhefte „für Sammler“ feilzubieten. Auch Erstausgaben und Fehldrucke waren im Angebot, was die Leute schon zum Lachen brachte, bevor die Vorstellung begann.
Aber hat sie dann überhaupt begonnen? Auf der gewohnt großen Bühne stand nichts als eine kleine, schnuckelige, historisch anmutende Holzbühne, aus der es ordentlich qualmte; dazu eine Stimme aus dem Off. Die erzählte von den Anfängen der Wanderbühne, von Shakespeare und Molière und dessen unermüdlichen Bemühungen um eine feste Wirkungsstätte für seine Truppe. Und dann kam sie, diese Truppe, sechs Mann und zwei Frauen stark, ein bisschen abgewrackt, aber im Grunde intakt, um endlich Theater zu spielen.
Kritik an der Obrigkeit
Nur über das Stück war man sich noch nicht im Klaren. Molière persönlich hatte die Idee, seine Kritik an der fadenscheinigen Obrigkeit und den widrigen Umständen für die Theaterleute – also genau jenes Stück, das er tatsächlich unter dem Titel „Das Impromptu von Versailles“ geschrieben hat – aus dem Stegreif zu improvisieren. Aber der Unmut der Truppe war so groß, dass man sich für ein altes Stück, nämlich den Scapin, entschied, um dann eifernd und keifernd die Rollen zu verteilen.
Molière schlüpft in die Figur des Scapin (Kilian Löttker) und erst jetzt kann der eigentliche Held des Abends mit seinen hanebüchenen Streichen auch im Neustadter Saalbau für Furore sorgen. Diese komplexe Vorgeschichte und verquickte Konstellation (nach der Bühnenfassung von Peter Lotschak) eröffnet freilich viele Perspektiven: Sie füttert das Publikum mit ein bisschen Theatergeschichte, gibt Einblicke in die Abhängigkeiten früherer Wanderbühnen, die ein jedes Tourneetheater bis heute kennt, und schenkt enorme Freiheiten in der Interpretation des Original-Scapin, der ja nun von dieser abgehalfterten Truppe auf die Bühne gebracht wird. Immer wieder kommt es da zu Pannen, die Extra-Lacher garantieren.
In der Textdauerschleife
So geraten Scapin, Oktave (Laurenz Wiegand) und Léandre (Dierk Prawdzik) in eine hitzige und witzige Textdauerschleife, weil die Souffleuse fehlt. Die liebreizenden jungen Mädchen Giacinta (Anja Lemmermann) und Nerina (Petra Wolf) sind nicht mehr ganz so taufrisch und verbringen so viel Zeit in der Maske, dass sie manchmal ihren Auftritt verpassen. Oktave kann seinen Text nicht lesen, weil ihm die Brille fehlt und die alternden Kaufleute Argante (Andreas Erfurth) und Géronte (gespielt von Regisseur Schrickel) brauchen die Rückenschmerzen gar nicht erst mimen.
Dass sich das ganze Spektakel nur auf der kleinen Holztheaterbühne ohne weitere Kulisse abspielt, tut der turbulenten Liebes- und Schelmengeschichte keinen Abbruch – ganz im Gegenteil wird diese „Barock-Koko“ Staffage zu einer sprudelnden Kraftquelle lebhafter Fantasie. Die tollen Kostüme von Hannah Hamburger geben dem bunten Treiben obendrein eine orientalisch märchenhafte Anmutung. Der kleine Haken am großen Vergnügen ist, dass die vielen Kalauer und Witze, das häufige Abwandern in andere Dialekte und das durchaus bewusste Sich-Verlieren in den eigenen Rollen ein bisschen Überhand nehmen. Da geht der Gaul dann eben nicht nur mit den Schauspielern aus dem 17. Jahrhundert, sondern auch mit dem durch die Bank grandios agierenden Ensemble des Neuen Globe Theaters durch. Aber will ihm das nach so langer coronabedingt Bühnenabstinenz verdenken? So gab es üppigen Applaus im spärlich besetzten Haus.